Deutsche Provinz: Verlassenes Land, verlorenes Land

Von Jochen Bölsche

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, wie die "demografische Bombe" auch im Westen ein Niemandsland hinterlässt

Dass die "demografische Bombe", vor der jüngst auch die Bertelsmann-Stiftung warnte, in vielen Regionen ein soziales Niemandsland hinterlassen wird, dass ganzen Stadtvierteln die Abrissbirne droht - solche Einsichten haben immerhin in einem Teil des Landes viele Menschen schon erreicht: im Osten Deutschlands, wo derzeit 1,3 Millionen Wohnungen (mit Platz für mindestens vier Millionen Bewohner) leerstehen und wo viele überzählige Plattenbauten längst plattgemacht worden sind.

Während das Problembewusstsein in der ostdeutschen Bevölkerung mittlerweile "relativ gut ausgeprägt" sei, hat Philipp Oswalt, der im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes das Zukunftsthema "Schrumpfende Städte" bearbeitet hat, in den alten Ländern ganz andere Reaktionen beobachtet: "Der Großteil der Westdeutschen realisiert bestimmte Problemlagen nicht." Schon warnt auch SPD-Spitzenmann Matthias Platzeck ignorante West-Genossen: "Was heute schon im Osten geschieht, steht auch im Westen mit voller Wucht bevor."

Dass die Gefahr in den alten Ländern noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen ist, hat einen schlichten Grund. Die westdeutsche Geburtenrate kann zwar schon seit Anfang der Siebziger die Sterbefälle nicht mehr ausgleichen. Doch die zeitweise extrem starke Zuwanderung zumeist jüngerer Menschen aus Ostdeutschland und aus dem Ausland hat die Folgen der Gebär- und Zeugungsmüdigkeit im Westen zunächst nicht voll durchschlagen lassen und den Schrumpfungs- und Vergreisungsprozess vorübergehend gebremst.

Goldene Atolle in einem Ozean von Armut und Demenz

Der Anti-Aging-Effekt der Zuwanderung hat mittlerweile deutlich nachgelassen. Die Bevölkerungsforscherin Juliane Roloff wundert das nicht: "Eine ausländische Bevölkerung in einem Land/einer Region trägt langfristig nicht zur Verjüngung der Gesamtbevölkerung bei, da auch sie, simpel ausgedrückt, altert." Zudem nähere sich ihr Gebärverhalten im Laufe der Zeit dem im Zuzugsland.

Widerstehen konnten dem Negativtrend vorerst viele der wuchernden Speckgürtel am grünen Rand der großen Städte, wo sich viele junge Familien - einem sich bereits abzeichnenden Gegentrend zum Trotz - oft lieber niederlassen als in den lauten Zentren, die großenteils ebenfalls schrumpfen. Zu den Wanderungsgewinnlern zählen daher vor allem Landkreise um Städte wie München und Stuttgart, aber auch rings um Hamburg, Hannover, Düsseldorf oder Frankfurt am Main sowie vereinzelt Gegenden im Osten, in der Nachbarschaft von Berlin, Leipzig und Dresden.

Zwischen diesen goldenen Atollen des Wachstums zeigt sich den Sozialforschern beim Blick in die Zukunft ein "Ozean von Armut und Demenz", wie die "Süddeutsche Zeitung" drastisch formuliert - eine weite Zone ohne Hoffnung, deren Bewohner sich von den Politikern in den Metropolen zunehmend vergessen fühlen, wenn nicht verraten.

Fördergelder nur noch für die "Leuchtturmregionen"?

Argwöhnisch vernehmen sie die Worte des Bundespräsidenten Horst Köhler, der seit längerem darauf hinweist, dass es "große Unterschiede in den Lebensverhältnissen" - "von Nord nach Süd wie von Ost nach West" - immer schon gegeben habe, um sogleich hinzuzufügen: "Wer sie einebnen will, zementiert den Subventionsstaat."

Misstrauen weckt im Land außerhalb der Speckgürtel und der blühenden Zonen im Süden auch die Politiker-Ankündigung, die knapper werdenden Gelder sollten nicht mehr mit der Gießkanne verteilt werden. Förderungswürdig seien nur noch ausgewählte Entwicklungszonen, die mal "Wachstumskerne" genannt werden, mal "Agglomerationszentren", mal "Leuchtturmregionen".

Eine solche Strategie, so sinnvoll sie aus ökonomischer Sicht ist, liefe hinaus auf eine Abkopplung der halben Republik, auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft neuen Stils - hier die Nutznießer gehätschelter Arbeits- und Vorzeigeregionen, dort die zu vernachlässigende Restbevölkerung in den stillschweigend abgeschriebenen Provinzen, darunter womöglich mehr und mehr Menschen, die apathisch dahinvegetieren oder sich in Alkoholismus und Extremismus flüchten.

"Die Fläche wird geräumt, die Fläche wird geschliffen"

Offen und öffentlich raten politische Köpfe wie der Jenoptic-Aufsichtsratsvorsitzende und Christdemokrat Lothar Späth, "nicht Kohlen nachzulegen, wo der Ofen aus ist". Experten wie Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle empfehlen die "passive Sanierung" der Randgebiete, das "Handelsblatt" fordert vom Staat "wirksame Rückzugsstrategien" - "bis zur vollständigen Entsiedelung und Renaturierung einiger Regionen".

"Man kann das brutal Sozialdarwinismus nennen", kritisiert der Berliner "Tagesspiegel" derlei Rezepte. Dabei handele es sich, so das Blatt, allerdings um exakt jenes Prinzip, nach dem in Wahrheit längst stillschweigend verfahren werde: "Nur hat die Politik sich bisher nicht getraut, das öffentlich zu machen." Fachleute haben die Folgen längst bemerkt: "Die Fläche wird geräumt, die Fläche wird geschliffen", klagt Wulf Haack, langjähriger Geschäftsführer des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes.

Zu den besten Kennern der Problematik zählen die Forscher des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Wissenschaftler haben mit Hilfe ihrer Datensammlungen eine Landkarte generiert, die das Deutschland der Zukunft zeigt - und die, anderthalb Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, eine zweite Teilung des Landes dokumentiert.

Ein Rostgürtel zieht sich quer durch die Republik

Die neue innerdeutsche Grenze trennt nicht mehr Ost und West voneinander, sondern umschließt eine breite Schneise der Entvölkerung genau dort, wo früher einmal das Herz des Landes pochte: Betroffen sind unter anderem die einstigen Industriegebiete von Sachsen über Thüringen bis zum Kohlenpott - eine Art Rostgürtel quer durch die Republik.

Abstiegskandidat Nummer eins innerhalb dieser Region ist das Ruhrgebiet. Das Statistische Landesamt in Düsseldorf sagt dem Schimanskiland eine Schrumpfung um rund zehn Prozent voraus; am schlimmsten treffe es die Stadt Hagen, die sogar 16,3 Prozent ihrer Einwohner verlieren werde. Schon frotzelte die linke "taz": "Ruhrgebiet wird zur Ostzone".

Kaputte Straßen, halbleere Busse, ungenutzte Klassenzimmer, unvermietbare Wohnungen - die gleichen Symptome des Niedergangs wie in der Ex-DDR und im Ex-Kohlenpott sind laut Berlin-Institut aber auch in einer weiteren Armutszone zu erwarten, die wie ein Hufeisen das alte Bundesgebiet umschließt.

"Deutschland leert sich in der Mitte und an seinen Rändern"

Dazu zählen entlang der Westgrenze etliche abgelegene Teile von Baden-Württemberg und eine Zone vom Saarland über die Eifel bis zum Niederrheinischen. Im Norden folgt der Kümmerring der Küste, die unter der Werften- und Fischereikrise leidet, im Osten schließen sich der ehemalige Zonenrand und der Bayerische Wald an.

"Deutschland leert sich in seiner Mitte und an den Rändern", fasst das Berlin-Institut seine Prognose zusammen. "Mittelfristig", sagt Susanne Dahm vom Karlsruher Uni-Institut für Städtebau und Landesplanung, "muss davon ausgegangen werden, dass die Bevölkerung aller Bundesländer, auch Baden-Württembergs, sinken wird und zumindest im europäischen Umfeld kein ausreichendes Zuwanderungspotential zur Verfügung steht, um diese Entwicklung auch nur annähernd auszugleichen."

Laut Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung werden die Schrumpfregionen bereits im Jahr 2020 drei Viertel aller kreisfreien Städte und jeden zweiten Landkreis umfassen. Dort überall würden, beispielsweise im Schulwesen, die Folgen des Babyknicks zunehmend dramatisch zu Tage treten. "Im Jahr 2020", schreibt das Berlin-Institut, "wird es in den alten Bundesländern fast 20 Prozent weniger Kinder im Vorschulalter geben als 1991."

Auf Dauer mehr Schaukelstühle als Schaukelpferde

Gemeinden aber, in denen es mehr Schaukelstühle als Schaukelpferde und mehr Rollstühle als Rollschuhe gibt, müssen zunehmend Kindergärten und Schulen schließen oder zusammenlegen, Alten- und Pflegeheime eröffnen, Verkehrslinien und Versorgungsleitungen anpassen - kaum lösbare Aufgaben für Kommunen, die aufgrund der Schrumpfungsprozesse kontinuierlich Steuereinnahmen verlieren.

So kommen auf diese Gemeinden und ihre Bürger schwere Zeiten zu. "Sinkende Nachfrage nach öffentlichen Dienstleistungen mag Nutzer zunächst freuen (kleine Klassen, leere Hallenbäder), aber die Pro-Kopf-Ausgaben wachsen rasch", gibt der Berliner Urbanistik-Professor Heinrich Mäding zu bedenken. Schon bald drohten "Schul- und Bäderschließungen, wachsende Einzugsbereiche, weite Wege".

Als zynisch und ignorant empfinden Kommunalexperten in den betroffenen Regionen denn auch Kommentare wie den des Ökonomieprofessors Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Der Schweizer Wissenschaftler vertritt schlankweg die Ansicht, für die wenigen in den Schrumpfzonen zurückbleibenden Menschen werde doch "alles besser". Straubhaar: "Toll, endlich Platz!"

Wissenschaftler klagen über "Allparteien-Schweigekartell"

Den Bielefelder Bevölkerungsforscher Herwig Birg ärgert die "Unwilligkeit" von Ökonomen, über die sozialen Folgen des Wandels ernsthaft nachzudenken. "Ich bin selbst Volkswirt und kenne deshalb meine Kollegen gut", sagt der Professor: "Demografie passt nicht in das enge Tunneldenken der Wirtschaftswissenschaftler heutiger Prägung."

Für das, was Deutschland bevorstehe, urteilt der langjährige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demografie, tauge "nicht einmal der Dreißigjährige Krieg als Vergleich": "Der endete nach drei Jahrzehnten mit einem Frieden und alles ging wieder nach oben."

In den Abwanderungsregionen dagegen seien "die Weichen dauerhaft auf Schrumpfen gestellt". Dieser Umstand erkläre auch das "Allparteien-Schweigekartell gegen die existenzbedrohende demografische Fehlentwicklung". Denn, so Birg: "Ein Problem, das keine Lösung hat, verschweigt man normalerweise."

Lesen Sie in der nächsten Folge:
Keine Zukunft für die Kuhzunft - Bauerndörfer ohne Bauern, Landgemeinden ohne Gemeinderat, ohne Laden, ohne Kneipe, ohne Arzt - Nicht einmal mehr die Kirche bleibt im Dorf.

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Forum - Landflucht - Tickt eine soziale Zeitbombe?
insgesamt 289 Beiträge
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1.
PhilippSchumann 14.03.2006
---Zitat von sysop--- Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit, Abwanderung: Den ländlichen Gegenden in Deutschland entvölkern sich, die Menschen zieht es in die Städte. Entwickelt sich - wie Wissenschschaftler warnen - auf dem Lande ein "Ozean von Armut und Demenz"? Was kann gegen den Trend getan werden? ---Zitatende--- Die Frage ist natürlich auch, MUSS gegen den Trend etwas getan werden? Muß in jeden sich von alleine entwickelnden Vorgang eingegriffen werden? Muß man die Politiker für alles um Hilfe rufen; wenn nicht eigentlich die vielen Verantwortlichkeiten und Monopole des Staates zurückgefahren werden sollten, um den Menschen selber wieder die Möglichkeit und die Notwendigkeit zur Entfaltung Ihrer Fähigkeiten zurückzugeben? Industrie und Landwirtschaft nehmen mit zunehmender Automatisierung an wirtschaftlicher Bedeutung ab werden einen immer geringeren Stellenwert einnehmen. Es ist völlig klar, daß viele Dörfer ausbluten. In 10 bis 20 Jahren indes wird es für den Großteil der 'Bürojobs' und 'Wissensjobs' nicht mehr nötig sein, das Haus zu verlassen (es handelt sich um einen heute geringen, beständig wachsenden Prozentsatz). Dann werden viele Städter schon aus Flucht der überfüllten Städte die Dörfer neu besiedeln. Man höre auf, bei jeder kleinen Veränderung im Land nach dem Staat zu rufen. Die Leute verhalten sich eh schon größtenteils wie Kinder, und auch das liegt m.E. am paternalistischen, dirigistischen Staat.
2. Braucht´s das?
Norbert-FM 14.03.2006
Die Frage ist interessant, aber muß wirklich etwas dagegen getan werden? Es gibt in diesen Landstrichen nichts, es gibt keine Jobs, keine Perspektive, kein kulturelles Leben manchmal sind diese Landstriche nicht einmal touristisch wertvoll. Warum sollten also dort noch Menschen leben? Wer einmal durch z.B. Südschweden gefahren ist findet in den dortigen Dörfern auch kaum mehr Einwohner. Die meisten der dort befindlichen Häuser verschwinden oder werden kurzerhand zu Ferienhäusern. Entweder für die eigene Familie oder Touristen. Vielleicht sollte eher über Renaturierungsprojekte als über die aussichtslose Ansiedlung von Arbeitgebern o.ä. nachgedacht werden. Das grösste Problem dabei sind die Menschen die in realitätsferner Beharrung dort bleiben wollen. Ob das schon ein Beispiel für die "Verdummung" ganzer Landstriche ist? Ich wage darauf keine Antwort zu geben.
3.
Jürgenk1 14.03.2006
Man sieht ja in Halberstadt wie Deutschland in zehn Jahren aussehen wird. Man sollte das einfach akzeptieren. Notfalls kann man die ehemaligen Besatzungsmächte Amerika und Rußland wieder einladen, die meiner Meinung nach viel zu früh abgezogen sind.
4. In der Politik hat man das Thema aber auch schon bemerkt
Majikat 14.03.2006
In der Politik ist diese Situation - entgegen der Aussagen in diesem Artikel - längst ein Thema. Auswirkungen der demographischen und finanziellen Entwicklung in Deutschland in den nächsten Jahren stehen auf der Tagesordnung. In Sachsen-Anhalt hat die SPD eine Reihe von Papieren vorgelegt, in denen genau das analysiert und diskutiert wird. (http://www.zukunftsprogramm.de/files/zukunft8_laendlraeume.pdf) Die Debatte ist längst im Gange. Nur: Patentlösungen hat niemand, und die werden leider auch auf spiegel-online nicht angeboten. Wie wäre es , wenn man - anstatt die Malaise wieder einmal in gefälligem Stil zu beschreiben - konkrete Vorschläge macht? Damit eben nicht die Dementen und die Alten übrigbleiben. Doch selbst der Vorschlag, Wirtschaftsförderung auf die starken Regionen zu konzentrieren, wird in dem Artikel eher negativ bewertet. Was also dann?
5.
E_N 14.03.2006
Na denne, Gute Nacht Deutschland. Der letzte macht das Licht aus... Man kann dieser Entwicklung nicht entgegenwirken. IMHO ist der Point of No Return schon lange erreicht. E_N
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