Politik

Deutsche Provinz

Verlassenes Land, verlorenes Land

Wissenschaftler sprechen von einer sozialen Zeitbombe. Durch Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit und Massenabwanderung droht sich der ländliche Raum in einen "Ozean von Armut und Demenz" zu verwandeln - eine Entwicklung, die ein Kartell der Parteien tabuisiert.

Von Jochen Bölsche

Dienstag, 14.03.2006   11:58 Uhr

Monatelang durchstreifte Wolfgang Büscher auf Wanderschuhen die grenznahen Ecken und Enden der Bundesrepublik. Unlängst, in seinem Bestseller  "Deutschland, eine Reise", bilanzierte der preisgekrönte Autor, ihm sei auf dem langen Marsch durch die Grenzregionen klar geworden, dass sein Heimatland "große geisterhafte Teile" umfasse.

Manche gottverlassene Gegend jottwedeh, schrieb der reisende Reporter, erinnere an "verbotene Flügel eines weitläufigen Hauses, die nicht betreten werden dürfen".

Finster war's an der Ostseeküste: Büscher durchstreifte heruntergekommene Bahnhöfe, die ihn an eine "Station in der Steppe" erinnerten, und triste Orte mit ärmlichen Läden, die "Resterampe" oder "Vietnamesischer Kleidungsmarkt" hießen. Dann kam der Wandersmann in die abgewrackte Industriestadt Guben an der Neiße. Dort fand er nicht nur bestätigt, wovor er tags zuvor gewarnt worden war: "dass es kein Wirtshaus in Guben gab". Büscher: "Es war so, dass es Guben nicht gab."

"Provinzialisierung der Provinz"

Ähnlich verstört wie Büscher reagieren Reisende, die sich in der westdeutschen Provinz umtun, weit abseits der Rennstrecken und der Ballungszentren. Wenn der baden-württembergische Autor Rüdiger Bäßler in die dörfliche Welt zurückkehrt, deren Enge er einst als junger Mann entflohen ist, dann befällt ihn "Mitleid an Stelle von Überdruss" angesichts all der "verwitternden Bahnhofsgebäude, pflanzenbewucherten Gehwege, zerfallenden Spielplatzgeräte, leeren, staubblinden Schaufenster" - für ihn traurige Symptome einer rapide fortschreitenden "Provinzialisierung der Provinz".

Mehr und mehr Merkmale schleichenden Verfalls hat auch die frühere Agrarministerin Renate Künast bei ihren Dienstfahrten ins ländliche Deutschland, Ost wie West, bemerkt. "Sie können durch Dörfer gehen, in denen gibt es eigentlich nichts mehr", erzählt sie. "Wo ein Mastbetrieb war, fällt heute der Stall zusammen. Die Dorfkneipe liegt im Dornröschenschlaf. Die Jungen haben die Gegend verlassen."

Die Grüne Künast zählt innerhalb der politischen Klasse zu den Ausnahmeerscheinungen. Die meisten ihrer Kollegen in den Hauptstädten von Bund und Ländern verdrängen lieber, dass der grassierende Geburtenschwund und die Arbeitslosigkeit, die Vergreisung und die Abwanderung vielerorts ein verlorenes Land hinterlassen haben, keineswegs nur auf dem Gebiet der einstigen DDR - Dunkeldeutschland goes West.

"Ab in die Wälder - Wölfe treten an die Stelle der Menschen"

Ausländische Beobachter scheinen dem Phänomen mehr Aufmerksamkeit zu widmen als manch ein deutscher Großstädter, dem die breiten Speckgürtel rund um die Metropolen den Blick auf den galoppierenden Niedergang an den Rändern des Landes und tief in seinem Innern verstellen.

"Ab in die Wälder" - so war voriges Jahr eine Titelgeschichte des Nachrichtenmagazins "Newsweek" überschrieben, das die europaweite Entvölkerung des ländlichen Raumes grell beleuchtete: Auch in Deutschland fielen ganze Landstriche "zurück in den urzeitlichen Zustand,  Wölfe treten an die Stelle des Menschen". Und die "Neue Zürcher Zeitung" berichtete schon über Mahnungen, die Landflucht vor allem jüngerer, besser gebildeter Deutscher führe unweigerlich zur "Verödung" und "Verblödung" weiter Teile der Bundesrepublik.

Wissenschaftler, die dem Trend seit längerem in ihren Studierstuben und auf Symposien nachgehen, sind sich über die fatalen Folgen der Entwicklung weithin einig: In Ost- wie Westdeutschland schrumpft auf Grund der niedrigen Geburtenrate die Bevölkerung - kaum spürbar vorerst noch in einigen Ballungsgebieten, rasend schnell aber in jenen provinziellen Zonen, die nicht von Zuzug und Zuwanderung profitieren können, sondern, im Gegenteil, selbst unter massenhafter Landflucht in wirtschaftlich stärkere Regionen leiden, vor allem in den reichen Süden der Republik.

"Erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen"

"Seit Jahrzehnten werden in Deutschland weniger Menschen geboren als sterben. Mittlerweile können selbst Zuwanderungen den natürlichen Schwund nicht mehr aufhalten - das Land hat begonnen zu schrumpfen. Regional tun sich bereits jetzt enorme Verwerfungen auf", kommentiert das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung das Ergebnis seiner jüngsten Studie, die morgen veröffentlicht wird. Stadt für Stadt, Kreis für Kreis analysieren die Experten die Perspektiven - von Berlin ("Marode Hauptstadt, florierendes Umland, sieche Peripherie" über Sachsen-Anhalt ("Land der Leere") bis hin zum Saarland ("Wo der Westen heute schon schrumpft").

"Dass die Deutschen erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen", wie der Historiker Michael Stürmer die tückische Kombination von sinkender Geburtenzahl und steigender Lebenserwartung beschreibt, macht schon heute ganze Landstriche zu Verliererregionen mit schrumpfender und zugleich überalterter Bevölkerung.

Der "demografische Wandel" finde "überall in Deutschland" statt, doziert der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch, im Osten allerdings habe er sich bereits zur "demografischen Katastrophe" ausgewachsen. Busch: "Großstädte wie Halle, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Cottbus, Neubrandenburg, Gera und Dessau verlieren innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur Hälfte ihrer Einwohner." Der Ökonom weiß, dass es für Außenstehende "kaum vorstellbar" ist, "was es für eine Stadt mit früher mehr als 300.000 Einwohnern wie Halle oder Magdeburg bedeutet, innerhalb von zwei Generationen auf 150.000 herunterzugehen".

Während die großen Städte schrumpfen, sterben bereits die Dörfer. "Ganze Regionen wie Nordthüringen, Ostprignitz, Altmark, Uckermark, Vorpommern und die Lausitz sind der Verödung preisgegeben," konstatiert Busch. In Vorpommern beispielsweise, das mit knapp 500.000 Einwohnern nur noch 65 Prozent der Bevölkerung von 1970 hat, würden Wüstungen, also aufgegebene Siedlungsstätten, allmählich zum "Flächenphänomen", hat der Greifswalder Bevölkerungswissenschaftler Helmut Klüter beobachtet.

Einwanderer ziehen nicht in die schrumpfenden Zonen

Dort und anderswo, abseits der prosperierenden Städte und ihres Umlandes, vollziehen sich sogenannte "kumulative Schrumpfungsprozesse", rotieren tückische Teufelskreise. Wirtschaftsprobleme - Abwanderung - vermehrte Wirtschaftsprobleme - vermehrte Abwanderung und so weiter und so fort: Eine Abwärtsspirale ohne Ende führt nach dem Urteil der Experten dazu, dass sich Deutschland in Ost und West ähnlich tiefgreifend verändern wird wie zuletzt im Mittelalter.

Die Entwicklung, von manch einem gerade erst bemerkt, scheint kaum noch abwendbar. Denn mit nur noch 1,36 Kindern pro Frau hat Deutschland mittlerweile eine der niedrigsten Geburtenraten in der EU. Damit die Bevölkerung stabil bleibt, müsste der Schnitt jedoch bei 2,1 Kindern liegen. So aber wird jede neue Kindergeneration um ein Drittel kleiner sein als die ihrer Eltern - ein säkularer Trend, der weit hinein in die Zukunft wirkt, weil all die Ungeborenen von heute und morgen als Eltern von morgen und übermorgen ausfallen.

Auch ein noch so starker Zuzug von Einwanderern allein könnte, entgegen weitverbreitetem Irrglauben, die "Unterjüngung" und "Entdichtung" in den Verliererzonen nicht aufhalten. "Die Problematik liegt darin", sagt der Landesplaner Horst Zimmermann, "dass die Zuwanderer nicht in dieselben Orte wandern werden, die derzeit unter Bevölkerungsrückgang leiden". Denn Immigranten ziehen in aller Regel der Arbeit hinterher und eben nicht der Arbeitslosigkeit - und schon gar nicht in raue Regionen, die wegen ihrer Fremdenfeindlichkeit verrufen sind.

Zigarettenautomat als letztes Stück Infrastruktur

Vor allem Politiker waren es, die lange Zeit die Augen verschlossen haben vor jener bedrückenden Zukunft, die auch im Westen bereits begonnen hat. Es gibt sie ja schon überall: die verödeten Orte, aus denen die klugen Köpfe abgewandert sind; die Provinznester ohne Post und ohne Polizei, ohne Pfarrer und ohne Arzt, ohne Kneipe und ohne Laden - Dörfer, deren wirtschaftliche Infrastruktur oft gerade mal aus einem Zigarettenautomaten besteht, allenfalls noch aus einem Bushäuschen oder einer Tankstelle, und wo Koma-Saufen der beliebteste Zeitvertreib für Skinheads und andere Halbwüchsige ist.

Jahrelang, urteilt die hannoversche Akademie für Raumforschung und Landesplanung, seien Ausmaß und Auswirkungen der Entvölkerung "ein politisches Tabu" gewesen. Wer in einer mental auf Wachstum gepolten Gesellschaft das Schrumpfen thematisiere, könne beim Wähler eben "keinen Blumentopf gewinnen", glaubt der Berliner Regionalsoziologe Professor Hartmut Häußermann: "Das Schrumpfen zu planen ist keine attraktive Aufgabe, ist nicht sexy."

Dabei werde sich diese Thematik, so James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, ohne Zweifel zur zentralen Frage der kommenden Jahrzehnte entwickeln. Jeder im Raum, beschwor der Professor im Berliner Reichstag staunende Abgeordnete, werde "den Rest seiner politischen Karriere damit verbringen, die Folgen des demografischen Wandels zu bewältigen".

Dass die "demografische Bombe", vor der jüngst auch die Bertelsmann-Stiftung warnte, in vielen Regionen ein soziales Niemandsland hinterlassen wird, dass ganzen Stadtvierteln die Abrissbirne droht - solche Einsichten haben immerhin in einem Teil des Landes viele Menschen schon erreicht: im Osten Deutschlands, wo derzeit 1,3 Millionen Wohnungen (mit Platz für mindestens vier Millionen Bewohner) leerstehen und wo viele überzählige Plattenbauten längst plattgemacht worden sind.

Während das Problembewusstsein in der ostdeutschen Bevölkerung mittlerweile "relativ gut ausgeprägt" sei, hat Philipp Oswalt, der im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes das Zukunftsthema "Schrumpfende Städte" bearbeitet hat, in den alten Ländern ganz andere Reaktionen beobachtet: "Der Großteil der Westdeutschen realisiert bestimmte Problemlagen nicht." Schon warnt auch SPD-Spitzenmann Matthias Platzeck ignorante West-Genossen: "Was heute schon im Osten geschieht, steht auch im Westen mit voller Wucht bevor."

Dass die Gefahr in den alten Ländern noch nicht ins allgemeine Bewusstsein gedrungen ist, hat einen schlichten Grund. Die westdeutsche Geburtenrate kann zwar schon seit Anfang der Siebziger die Sterbefälle nicht mehr ausgleichen. Doch die zeitweise extrem starke Zuwanderung zumeist jüngerer Menschen aus Ostdeutschland und aus dem Ausland hat die Folgen der Gebär- und Zeugungsmüdigkeit im Westen zunächst nicht voll durchschlagen lassen und den Schrumpfungs- und Vergreisungsprozess vorübergehend gebremst.

Goldene Atolle in einem Ozean von Armut und Demenz

Der Anti-Aging-Effekt der Zuwanderung hat mittlerweile deutlich nachgelassen. Die Bevölkerungsforscherin Juliane Roloff wundert das nicht: "Eine ausländische Bevölkerung in einem Land/einer Region trägt langfristig nicht zur Verjüngung der Gesamtbevölkerung bei, da auch sie, simpel ausgedrückt, altert." Zudem nähere sich ihr Gebärverhalten im Laufe der Zeit dem im Zuzugsland.

Widerstehen konnten dem Negativtrend vorerst viele der wuchernden Speckgürtel am grünen Rand der großen Städte, wo sich viele junge Familien - einem sich bereits abzeichnenden Gegentrend zum Trotz - oft lieber niederlassen als in den lauten Zentren, die großenteils ebenfalls schrumpfen. Zu den Wanderungsgewinnlern zählen daher vor allem Landkreise um Städte wie München und Stuttgart, aber auch rings um Hamburg, Hannover, Düsseldorf oder Frankfurt am Main sowie vereinzelt Gegenden im Osten, in der Nachbarschaft von Berlin, Leipzig und Dresden.

Zwischen diesen goldenen Atollen des Wachstums zeigt sich den Sozialforschern beim Blick in die Zukunft ein "Ozean von Armut und Demenz", wie die "Süddeutsche Zeitung" drastisch formuliert - eine weite Zone ohne Hoffnung, deren Bewohner sich von den Politikern in den Metropolen zunehmend vergessen fühlen, wenn nicht verraten.

Fördergelder nur noch für die "Leuchtturmregionen"?

Argwöhnisch vernehmen sie die Worte des Bundespräsidenten Horst Köhler, der seit längerem darauf hinweist, dass es "große Unterschiede in den Lebensverhältnissen" - "von Nord nach Süd wie von Ost nach West" - immer schon gegeben habe, um sogleich hinzuzufügen: "Wer sie einebnen will, zementiert den Subventionsstaat."

Misstrauen weckt im Land außerhalb der Speckgürtel und der blühenden Zonen im Süden auch die Politiker-Ankündigung, die knapper werdenden Gelder sollten nicht mehr mit der Gießkanne verteilt werden. Förderungswürdig seien nur noch ausgewählte Entwicklungszonen, die mal "Wachstumskerne" genannt werden, mal "Agglomerationszentren", mal "Leuchtturmregionen".

Eine solche Strategie, so sinnvoll sie aus ökonomischer Sicht ist, liefe hinaus auf eine Abkopplung der halben Republik, auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft neuen Stils - hier die Nutznießer gehätschelter Arbeits- und Vorzeigeregionen, dort die zu vernachlässigende Restbevölkerung in den stillschweigend abgeschriebenen Provinzen, darunter womöglich mehr und mehr Menschen, die apathisch dahinvegetieren oder sich in Alkoholismus und Extremismus flüchten.

"Die Fläche wird geräumt, die Fläche wird geschliffen"

Offen und öffentlich raten politische Köpfe wie der Jenoptic-Aufsichtsratsvorsitzende und Christdemokrat Lothar Späth, "nicht Kohlen nachzulegen, wo der Ofen aus ist". Experten wie Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle empfehlen die "passive Sanierung" der Randgebiete, das "Handelsblatt" fordert vom Staat "wirksame Rückzugsstrategien" - "bis zur vollständigen Entsiedelung und Renaturierung einiger Regionen".

"Man kann das brutal Sozialdarwinismus nennen", kritisiert der Berliner "Tagesspiegel" derlei Rezepte. Dabei handele es sich, so das Blatt, allerdings um exakt jenes Prinzip, nach dem in Wahrheit längst stillschweigend verfahren werde: "Nur hat die Politik sich bisher nicht getraut, das öffentlich zu machen." Fachleute haben die Folgen längst bemerkt: "Die Fläche wird geräumt, die Fläche wird geschliffen", klagt Wulf Haack, langjähriger Geschäftsführer des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebundes.

Zu den besten Kennern der Problematik zählen die Forscher des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Wissenschaftler haben mit Hilfe ihrer Datensammlungen eine Landkarte generiert, die das Deutschland der Zukunft zeigt - und die, anderthalb Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung, eine zweite Teilung des Landes dokumentiert.

Ein Rostgürtel zieht sich quer durch die Republik

Die neue innerdeutsche Grenze trennt nicht mehr Ost und West voneinander, sondern umschließt eine breite Schneise der Entvölkerung genau dort, wo früher einmal das Herz des Landes pochte: Betroffen sind unter anderem die einstigen Industriegebiete von Sachsen über Thüringen bis zum Kohlenpott - eine Art Rostgürtel quer durch die Republik.

Abstiegskandidat Nummer eins innerhalb dieser Region ist das Ruhrgebiet. Das Statistische Landesamt in Düsseldorf sagt dem Schimanskiland eine Schrumpfung um rund zehn Prozent voraus; am schlimmsten treffe es die Stadt Hagen, die sogar 16,3 Prozent ihrer Einwohner verlieren werde. Schon frotzelte die linke "taz": "Ruhrgebiet wird zur Ostzone".

Kaputte Straßen, halbleere Busse, ungenutzte Klassenzimmer, unvermietbare Wohnungen - die gleichen Symptome des Niedergangs wie in der Ex-DDR und im Ex-Kohlenpott sind laut Berlin-Institut aber auch in einer weiteren Armutszone zu erwarten, die wie ein Hufeisen das alte Bundesgebiet umschließt.

"Deutschland leert sich in der Mitte und an seinen Rändern"

Dazu zählen entlang der Westgrenze etliche abgelegene Teile von Baden-Württemberg und eine Zone vom Saarland über die Eifel bis zum Niederrheinischen. Im Norden folgt der Kümmerring der Küste, die unter der Werften- und Fischereikrise leidet, im Osten schließen sich der ehemalige Zonenrand und der Bayerische Wald an.

"Deutschland leert sich in seiner Mitte und an den Rändern", fasst das Berlin-Institut seine Prognose zusammen. "Mittelfristig", sagt Susanne Dahm vom Karlsruher Uni-Institut für Städtebau und Landesplanung, "muss davon ausgegangen werden, dass die Bevölkerung aller Bundesländer, auch Baden-Württembergs, sinken wird und zumindest im europäischen Umfeld kein ausreichendes Zuwanderungspotential zur Verfügung steht, um diese Entwicklung auch nur annähernd auszugleichen."

Laut Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung werden die Schrumpfregionen bereits im Jahr 2020 drei Viertel aller kreisfreien Städte und jeden zweiten Landkreis umfassen. Dort überall würden, beispielsweise im Schulwesen, die Folgen des Babyknicks zunehmend dramatisch zu Tage treten. "Im Jahr 2020", schreibt das Berlin-Institut, "wird es in den alten Bundesländern fast 20 Prozent weniger Kinder im Vorschulalter geben als 1991."

Auf Dauer mehr Schaukelstühle als Schaukelpferde

Gemeinden aber, in denen es mehr Schaukelstühle als Schaukelpferde und mehr Rollstühle als Rollschuhe gibt, müssen zunehmend Kindergärten und Schulen schließen oder zusammenlegen, Alten- und Pflegeheime eröffnen, Verkehrslinien und Versorgungsleitungen anpassen - kaum lösbare Aufgaben für Kommunen, die aufgrund der Schrumpfungsprozesse kontinuierlich Steuereinnahmen verlieren.

So kommen auf diese Gemeinden und ihre Bürger schwere Zeiten zu. "Sinkende Nachfrage nach öffentlichen Dienstleistungen mag Nutzer zunächst freuen (kleine Klassen, leere Hallenbäder), aber die Pro-Kopf-Ausgaben wachsen rasch", gibt der Berliner Urbanistik-Professor Heinrich Mäding zu bedenken. Schon bald drohten "Schul- und Bäderschließungen, wachsende Einzugsbereiche, weite Wege".

Als zynisch und ignorant empfinden Kommunalexperten in den betroffenen Regionen denn auch Kommentare wie den des Ökonomieprofessors Thomas Straubhaar vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Der Schweizer Wissenschaftler vertritt schlankweg die Ansicht, für die wenigen in den Schrumpfzonen zurückbleibenden Menschen werde doch "alles besser". Straubhaar: "Toll, endlich Platz!"

Wissenschaftler klagen über "Allparteien-Schweigekartell"

Den Bielefelder Bevölkerungsforscher Herwig Birg ärgert die "Unwilligkeit" von Ökonomen, über die sozialen Folgen des Wandels ernsthaft nachzudenken. "Ich bin selbst Volkswirt und kenne deshalb meine Kollegen gut", sagt der Professor: "Demografie passt nicht in das enge Tunneldenken der Wirtschaftswissenschaftler heutiger Prägung."

Für das, was Deutschland bevorstehe, urteilt der langjährige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demografie, tauge "nicht einmal der Dreißigjährige Krieg als Vergleich": "Der endete nach drei Jahrzehnten mit einem Frieden und alles ging wieder nach oben."

In den Abwanderungsregionen dagegen seien "die Weichen dauerhaft auf Schrumpfen gestellt". Dieser Umstand erkläre auch das "Allparteien-Schweigekartell gegen die existenzbedrohende demografische Fehlentwicklung". Denn, so Birg: "Ein Problem, das keine Lösung hat, verschweigt man normalerweise."

Lesen Sie in der nächsten Folge:
Keine Zukunft für die Kuhzunft - Bauerndörfer ohne Bauern, Landgemeinden ohne Gemeinderat, ohne Laden, ohne Kneipe, ohne Arzt - Nicht einmal mehr die Kirche bleibt im Dorf.

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