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Deutsche Reaktionen: AKW-Schock entfacht neue Atomdebatte

Umweltminister Röttgen schließt eine Gefährdung für Deutschland durch die Explosion im japanischen AKW Fukushima 1 aus - bisher. Doch die Debatte um die Zukunft der deutschen Meiler ist neu entbrannt, SPD und Grüne verlangen eine Kehrtwende in der Atompolitik.

AFP/NHK

Berlin - Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sieht Deutschland bei der womöglich bevorstehenden Kernschmelze im japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1 nicht gefährdet: "Wir gehen davon aus, dass eine Beschädigung unseres Landes ausgeschlossen werden kann", sagte Röttgen an diesem Samstag in Siegen vor Beginn eines Landesparteitages der NRW-CDU.

Seine Begründung: Die große Entfernung zu Japan sowie Wetterlage und Windrichtung im Katastrophengebiet machten eine Gefährdung der Bundesrepublik unwahrscheinlich. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat derweil das EU-Außenministertreffen im ungarischen Gödöllö vorzeitig verlassen. Er habe sich zu Gesprächen über die Lage nach der Erdbebenkatastrophe in Japan auf den Weg nach Berlin gemacht, hieß es.

In der Hauptstadt befasst sich ein Krisenstab mit der Lage in Japan. Kanzlerin Angela Merkel, Westerwelle und Röttgen wollen zudem am Samstagabend bei einem Krisentreffen die Konsequenzen aus dem Reaktorunfall erörtern.

Die Regierung steht unter Druck. Während der AKW-Schock in Japan die ganze Welt aufschreckt, fürchtet die schwarz-gelbe Koalition in Deutschland auch ein Wiederaufflammen der leidigen Debatte um die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke. So wandte sich Röttgen vor dem Hintergrund der "aktuellen Notlage" in Japan zugleich gegen "politische Diskussionen" über die Sicherheit und Laufzeit von Kernkraftwerken in Deutschland. "Ich halte das für völlig deplatziert", betonte der Minister und Landesvorsitzende der NRW-CDU.

"Wir beherrschen nicht die Natur, sondern die Natur herrscht über uns"

Doch bereits für diesen Samstagnachmittag ist eine Menschenkette der AKW-Gegner vom Atommeiler in Neckarwestheim bis nach Stuttgart geplant. Dies ist bereits seit langem vorbereitet, steht nun aber unter ganz anderen Vorzeichen. Die Veranstalter rechnen mit bis zu 40.000 Teilnehmern aus ganz Deutschland. In zwei Wochen wählen die Baden-Württemberger ihren neuen Landtag, bisher gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün in den Umfragen.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagte SPIEGEL ONLINE, es sei jetzt "keine Zeit für Rechthaberei". Es stehe aber fest, dass in Deutschland Atomanlagen stehen, "die genau diesen Störfall nicht beherrschen, genau diese Anlagen sind gerade von der Bundesregierung in der Laufzeit verlängert worden". Neckarwestheim zum Beispiel sei "nicht ausreichend gegen eine Kernschmelze abgesichert und liegt in einem Erdbebengebiet", so Trittin.

Bei einem Störfall in Neckarwestheim sei es nicht möglich, die Radioaktivität in der Anlage zu halten, meint der Grünen-Politiker: "Das zeigt die Fahrlässigkeit einer Laufzeitverlängerung auf Zuruf, wie sie von Schwarz-Gelb betrieben wird." Die neue Atomdebatte komme jetzt so sicher "wie das Amen in der Kirche". Grünen-Fraktionschefin Renate Künast ergänzte im "Deutschlandradio Kultur": "Wir beherrschen nicht die Natur, sondern die Natur herrscht über uns", sagte sie am Samstagmorgen.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) verlangte einen Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland. "Ich will nicht mit einer so schlimmen Katastrophe Politik machen, aber gerade unter dem Eindruck eines solchen Risikos wünschen sich wohl alle vernünftigen Menschen ganz dringend, dass es beim Ausstieg aus der nicht beherrschbaren Kernkraft bleibt", sagte der SPD-Politiker der "Leipziger Volkszeitung".

"Es gibt keine sichere Atomkraft - nirgendwo auf der Welt", sagte Natascha Kohnen, die Generalsekretärin der bayerischen SPD. Niemand wollte jetzt auf Kosten der Angst in Japan Politik machen. "Dennoch dürfen die Ereignisse nicht ohne Konsequenzen für die Politik bleiben: Mit der Atomkraft muss Schluss sein." Auch der SPD-Vorsitzende in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, verlangte einen schnellstmöglichen Atomausstieg. Dazu verpflichte die japanische Tragödie die deutsche Politik.

Die Vorsitzenden der Linkspartei, Klaus Ernst und Gesine Lötzsch, sowie Linken-Fraktionschef Gregor Gysi verlangten: "Wir müssen jetzt weltweit umdenken. Die japanischen Meiler galten als die sichersten. Es ist spätestens jetzt klar, dass die Atomkraft nicht beherrschbar ist." Die Linken-Spitze verlangte "ein weltweites Moratorium für die Atomkraft. Der Ausbau von Kapazitäten muss gestoppt werden. Deutschland muss sofort die Exportförderung für Atomkraftanlagen einstellen. In Deutschland müssen wir zu einer Politik der systematischen Reaktorabschaltung kommen, unverzüglich und unumkehrbar."

Unionsfraktionsvize Michael Fuchs warnte derweil vor einer neuen Debatte über die Atomenergie. "Es ist nicht berechtigt, aus den Ereignissen in Japan Rückschlüsse auf die Nutzung der Kernenergie in Deutschland zu ziehen", sagte der CDU-Wirtschaftsexperte der "Welt am Sonntag". Zum einen sei es zu früh zu beurteilen, was in den japanischen Atomkraftwerken wirklich vor sich gehe. Zum anderen gebe es in Japan ganz andere Gefahren als in Deutschland, argumentierte Fuchs: "Da bei uns nicht jene Erdbebengefahren wie in Japan bestehen, wäre es geradezu verwegen, diesen Fall für Deutschland zu instrumentalisieren."

Rauchendes Kernkraftwerk Fukushima

Diese Livebilder zeigen das japanischen Atomkraftwerk Fukushima 1. Dort hat es eine Explosion gegeben (bei 2:55 Minuten), Teile des Dachs und der Außenhülle des Reaktors wurden abgesprengt, Arbeiter verletzt. Weißer Rauch stieg auf. SPIEGEL ONLINE konnte Inhalt und Herkunft dieses YouTube-Videos nicht überprüfen.

sef/ore/dapd/dpa/AFP

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Forum - Nach der nuklearen Katastrophe von Japan: Was wird aus der Atomenergie?
insgesamt 16038 Beiträge
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1. Atomkraft
hdwinkel 12.03.2011
Zitat von sysopDie durch die das schwere Erdbeben verursachten Atomunfälle in Japan rücken die Sicherheitsfrage auch in Deutschland wieder in den Fokus der Debatte: Wie katastrophensicher sind Atomkraftwerke? Müssen wir die Debatte um die Atomkraft wieder neu aufnehmen?
Ja sicher. Die Entscheidung darüber, wie mit Hochrisiko-Technologien umzugehen ist dürfen wir nicht denen überlassen die daran verdienen, da wir alle die Folgen zu tragen haben.
2.
frantic 12.03.2011
Also dürfen wir das auch nicht der Politik überlassen!
3. Teppich
_miky 12.03.2011
...bleiben. Ich hoffe, dass es den Japanischen Ing. gelingt, etwas Wasser mit Borsäure in den Reaktorsicherheitsbehälter zu pumpen. Dann wäre Alles wieder gut. Eine Tschernobyl-Hysterie ist unsinnig, da dort Graphit (C) kochte, die Jap. Kochen mit Wasser.
4. Ja, wir ....
Koana 12.03.2011
weren sicherlich eine Debatte sehen, hören und über sie lesen. Nein, die Dinge werden sich nicht ändern, weil wir uns nicht ändern wollen. Ich bin seit meiner Schulzeit gegen Atomkraft, ich versuche aber auch seit ich einen eigenen Haushalt führe, Energie zu sparen wo immer es geht. Wenn wir alle konsequnet die unnütze Verschwendung - d.h. Energieverbrauch ohne jeden Nutzen (also wir müssen noch nicht zurück in die Höhlen liebe AKW-Befürworter) von heute auf morgen einstellen würden. Deutschland bräuchte ca. 20% weniger Energiewandlung. Solange wir den Verbrauch nicht senken, werden weltweit AKW´s immer weiter laufen, weiter gebaut und ab und an - weiter kollabieren - sicher, es gibt Menschen die daruch reich und reicher werden - doch - letztenendes liegt es in unserer Hand. Die Japaner zahlen gerade einen sehr hohen Preis, wir hatten bei Tschernobyl im Übrigen auch nicht alle Glück - die Krebsrate im Süd-Osten Deutschlands ist seither teilweise signifikant höher (was man allerdings auf ander Umstände zurückführt - ....).
5.
RalfGer 12.03.2011
Ich habe immer wegen meiner Sicherheitsbedenken die entsprechende Partei gewählt. Schade, dass erst wieder so etwas passieren muss. Natürlich wird jetzt die Diskussion weitergehen.
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