Deutsche Unterschicht Philosophie mit Dosenbier, Fastfood, Körperkult

Von Franz Walter

2. Teil: Die einen schätzen Fleiß und Pünktlichkeit, bemühen sich um Sauberkeit und Ordnung. Die anderen feiern, saufen und wollen Spaß haben.


Gemeinsam ist den Zugehörigen dieser Lebenswelt, dass sie von Arbeitslosigkeit zumindest bedroht sind, sich vor weiteren Einschränkungen sozialer Transfers elementar fürchten, dass sie mit den beschleunigten Wandlungsprozessen in der Gesellschaft nicht mehr zurechtkommen, dass sie sich als Verlierer fühlen und daher zunehmend in subkulturellen Nischen einschließen. Ins Auge fällt auch, dass sich die unteren Schichten des Jahres 2007 anders als die qualifizierte Industriearbeiterschaft der Jahre 1890 oder 1920 oder 1960 ganz überwiegend keine langfristigen Ziele mehr setzten, auch nicht mehr an eine bessere Zukunft für sich durch Weiterqualifikation glauben. Emanzipation durch Bildung, Organisation und zähe, kontinuierliche Reformarbeit gehört somit nicht mehr zu den Identitäten und Hoffnungen der Minderprivilegierten.

Doch eine homogene Lebenswelt finden wir in den sozialen Hinterhöfen nicht vor. Es gibt kein uniformes soziales Unten in der deutschen Gesellschaft. Die Sinus-Expertise teilt ihren Untersuchungsgegenstand in "traditionelle" und "moderne Unterschicht" ein. Die "Traditionellen" sind während ihrer Sozialisation besonders in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten geprägt worden, die "Modernen" im Laufe der nachfolgenden Jahre von Individualisierung, Genussorientierung und Mehroptionalität.

Die traditionelle Unterschicht ist weiblicher; ihre Zugehörigen sind naturgemäß älter. Ein stattlicher Teil lebt von einer äußerst kargen Rente, ist verwitwet. Das Wertefundament ist noch klassisch, weist noch durchaus einige Affinitäten zur sozialdemokratisch, gewerkschaftlich, auch katholisch durchformten Arbeiterschaft auf.

Die traditionelle Unterschicht lebt bescheiden und sparsam, ist um Sauberkeit und Ordnung bemüht, schätzt Fleiß und Pünktlichkeit, strebt nach intakten Familienverhältnissen, sieht die Dinge nüchtern und realistisch. Soziale Gerechtigkeit, Solidarität und die Integration in Freundes- wie Vereinsnetzwerke gelten ihnen ebenfalls nach wie vor viel. Diesen Kanon von Tüchtigkeitstugenden übersetzt sich unmissverständlich in Freizeitaktivitäten: Man strickt, schneidert, gärtnert, bastelt und hobelt emsig vor sich hin.

Die Freizeit in den modernen Unterschichten gestaltet sich anders. Man strömt in Freizeitparks und begibt sich zu Techno-Events, hält sich in Schnellrestaurants auf oder vergnügt sich zu Hause bei Action-, Thriller- und Horror-DVDs. Die modernen Unterschichten sind jünger, männlicher, leben bevorzugt in Mehr-Personen-Haushalten, sind in der Tat keine praktizierenden Freunde von Disziplin, Langfristigkeit, Triebaufschub. Freizeit, Spaß, Unterhaltung, Ablenkung, Traumwelten, und Body-Kult - in diesen Chiffren drücken sich die Alltagsphilosophien und die Lebensbewältigung der modernen Underclass aus.

Nur Verachtung für die moderne Unterschicht

Mit der sozialkatholischen Lebensweise der kleinen, bescheidenen Leute und dem sozialdemokratischen Milieu klassenbewusster Arbeiter hat das nichts mehr zu tun. Die beiden (früheren) Volksparteien können daher auch ersichtlich nichts mit den neuen Unterschichten anfangen; ihnen ist deren Hedonismus, deren Ziel- und Organisationsindifferenz, die Leistungsdistanz fremd, ja verächtlich.

Die traditionelle Unterschicht steht ihnen da mit ihrem Anpassungs- und Einordnungskodex weit näher, wirkt natürlich auch weniger bedrohlich. In der neuen Unterschicht - das zeigt die Sinus-Studie sehr präzise - flackert demgegenüber gleichsam ein Stück Insubordination, Unberechenbarkeit, Aufbegehren. Die neuen Unterschichten lehnen es in großen Teilen ab, sich "bei der Arbeit herumkommandieren" zu lassen. Sie zeichnen sich durch Tabulosigkeiten, Lebenshunger, spontane Direktheit aus. Und deutlich wird ebenfalls: Sie wollen in den nächsten Jahren bei einem weiteren Anstieg der ökonomischen Wachstumsraten einen Teil des Kuchens auch für sich. Gehen sie leer aus, dann droht Krawall.

Schon jetzt findet es ein Viertel der modernen Unterschichtangehörigen - im krassen Unterschied zu den eingehegten traditionellen Arbeiterschichten der altbundesdeutschen Industriegesellschaft - keineswegs verwerflich, Gewalt beim Verfolgen der eigenen Interessen einzusetzen.



insgesamt 177 Beiträge
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sam clemens, 23.04.2007
1. Eigene Kultur?
Die Beobachtung der Symptome ist treffend. Ich frage mich allerdings, ob dieser "Hedonismus" auf die beschriebenen Schichten beschränkt ist - dann wäre er ja eine eigene Art Kultur. Ist es nicht wahrscheinlicher, daß dort - als Farce - nachgelebt wird, was man sich unter "Gutes Leben in der Oberschicht" vorstellt? Man beachte nur die leider auch vom Spiegel obsessiv beobachtete Paris Hilton und andere Medienhelden. Vielleicht gehören die kurzlebigen Trends, der Hang zur Hysterie, die Körperbetontheit, der Hang zur Künstlichkeit, die modernen Gladiatorenkämpfe usw. zur allgemeinen Charaktersitik der Gesellschaft? Ich würde sagen - Rom, späte Kaiserzeit. Fragt sich nur, wo die Barbaren bleiben.
Noodles, 23.04.2007
2. Erst kommt das Fressen....
dann kommt die Moral, diese Erkenntniss des alten Brecht ist so richtig, wie Sie zeitlos ist. Ein russisches Sprichwort hingegen besagt, das der Fisch vom Kopf her stinkt. Professor Walter ( erstaunlich für was Banalitäten man heute als Professor geadelt wird )hingegen, erkennt das die Unterschicht selbst Schuld sei, weshalb Sie Unterschicht heißt, und wohl auch bleiben soll. Sie haben es sich verdient. Die gute alte Zeit, wo ist Sie geblieben, oder gab es Sie nie. Man lese Brechts Dreigroschenoper, oder die Romane eines Charles Dickens, über das frühkapitalistisch erzeugte Massenelend. Früher war es auch nicht anders,Reichtum setzt Armut voraus , letztere ist nun einmal nicht geeignet den menschlichen Charakter zu veredeln. Ethos und Moral werden zum Luxus in einer lebensfeindlichen Umwelt,den sich die Ärmsten der Armen nun einmal nicht leisten können.Mit den Finger auf die von der Gesellschaft als überflüssig Außgestoßenen zu zeigen, deren Schweiß Niemand mehr kaufen möchte, heißt die Tatsachen zu verdrehen, und den Bock zum Gärtner zu machen. Was bleibt ist bigotte Heuchelei. Die das Fleisch wegnehmen vom Tisch, lehren Zufriedenheit. Die, für die die Gaben bestimmt sind, verlangen Opfermut. Die Sattgefressenen sprechen zu den Hungrigen von großen Zeiten, die kommen werden. Die das Land in den Abgrund stürzen, nennen das Regieren zu schwer für den einfachen Mann. Bertolt Brecht
Einbauschrank, 23.04.2007
3. Unter der Sonne nichts Neues
Das predige ich auch ohne Titel, dafür wurde mir auf den Spiegelforen Hartherzigkeit vorgeworfen. Ohne Not ändert sich nichts. In Deutschland werden idiotische Lebensweisen staatlich subventioniert, so daß keine Not besteht, diese zu ändern. Kein Bock auf Fleiß und Schule? Macht nichts, es gibt ja Hartz IV und Förderung (in Berlin wurden Schüler dafür *bezahlt*, daß sie Unterrichtsstunden besuchten!), Teenagerschwangerschaft? Wird auch gefördert. Kein Bock, die Sprache zu erlernen? Macht auch ncihts, Leitkultur ist ja scheisse. Statt daß Individuen die Dummheit ihres Tuns erkennen, werden sie vor den Konsquenzen ihrer Handlungen bewahrt - auf Kosten der Gemeinschaft. Das ist, als würde man einen jungen Hund, der in die Wohnung pisst, mit einem Leckerli belohnen und sich später wundern, warum er nicht damit aufhören will.
Wurm_im_Sturm 23.04.2007
4. ...
Ich kann Herrn Walter in seiner Analyse eigentlich nur zustimmen. Allerdings stört mich, dass er andauernd versucht sich selbst Glaubwürdigkeit und Autorität zu verschaffen indem er besonders ausgefallene, nur leider wenig hilfreiche, Wörter benutzt. Damit tut er sich keinen Gefallen, da es eher Verwirrung als Verstehen fördert.
Hercules Rockefeller, 23.04.2007
5. Ist doch schön
Eigentlich ist es doch ein Grund zur Freude, dass die Unterschicht langsam radikalisiert. Denn das deutet auf einen durchaus vorhandenen Realitätssinn hin. Mit dem Büchlein bei Kerzenschein den sozialen Auftstieg zurecht schnitzen geht heute nämlich nicht mehr. Die Büchlein, die man dazu lesen muss sind nämlich für Unterschichten zu teuer und lesen und dann machen geht in Deutschland ja nun- so ehrlich muss man mal sein- auch nicht mehr. So ganz ohne Knete gehts nämlich nicht und ging es auch nie. Unterschichtenkredite werden von den Banken jedenfalls nicht beworben. Und Hartz4 lehrt nunmal die Gewalt. Für jeden falschen Furz gibts eine Leistungskürzung, gefördert wird allenfalls der Internetführerschein (welcher Arbeitgeber kriegt bei Vorlage eines solchen heutzutage denn noch leuchtende Augen?) und Bewerbungstrainings nach Clockwork Orange Art bis zum Brechreiz. Wenn nun ein junger Mensch Kraft seiner Geburt in einen Unterschichtenhaushalt geworfen wird und den Staat nur als Gewaltmonopolisten und Ekelpaket zu Gesicht bekommt, dann ist Gewalt die folgerichtige Reaktion. Der Politik indes fällt nur Spargel stechen als Universalantwort auf alle Fragen des Prekariats ein. Beim Spargel kann uns der Chinese und der Inder nämlich nix, die haben keinen Spargel. Spargel sticht Globalisierung mag es den Söders unserer Republik dünken. Problembär Beck kommt mit Stylingtipps und sieht selber aus wie der Moppel vor dem Herren. Wuchtbrumme oder Arschgeweih, was hätten sie lieber im Vorzimmer sitzen? Es werden tolle Jahre kommen, Klima ist jedenfalls das kleinste Problem, was es lösen gibt.
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