Deutscher IS-Kämpfer vor Gericht "Ich chille, gehe kämpfen, tu meinen Job für Allah"

Kreshnik B. soll in Syrien für die Terrororganisation "Islamischer Staat" gekämpft haben - jetzt steht er in Frankfurt vor Gericht. Abgehörte Telefonate mit seiner Schwester geben einen Einblick in die Gedanken des 20-Jährigen.

Von , Frankfurt am Main


"Hallo, hallo", ruft Aferdita B. ins Telefon, "hallo Nick, wie geht's?" Am anderen Ende der Leitung ist ihr Bruder Kreshnik, der irgendwo im syrischen Bürgerkrieg steckt. Doch die Verbindung ist schlecht. "Jetzt bleib mal stehen, Junge, bleib stehen", fährt die Frau den Möchtegern-Terroristen an. Und der pariert.

Das abgehörte Gespräch, das die beiden Geschwister vor ziemlich genau einem Jahr miteinander geführt haben, wird am Montagmorgen vor dem Staatsschutzsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts abgespielt. Dort muss sich Kreshnik B., 20, als erster Deutscher wegen einer mutmaßlichen Mitgliedschaft in der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft dem blassen, dicklichen Mann vor, zwischen Juli und Dezember 2013 unter anderem an Kampfeinsätzen der Miliz teilgenommen zu haben.

Dabei deutete zunächst nichts darauf hin, dass sich der Sohn kosovarischer Einwanderer religiös radikalisieren könnte. B., der zwei ältere Schwestern hat, machte seinen Realschulabschluss und spielte als Teenager Fußball im jüdischen Fußballverein Makkabi Frankfurt. Er sei ein guter Innenverteidiger gewesen, erinnerte sich ein früherer Mannschaftskamerad. Einmal fiel B. wegen eines besonders schweren Diebstahls auf, doch das Verfahren wurde eingestellt.

Erst auf der Berufsschule geriet B. an eine Gruppe Islamisten. Die jungen Männer trugen Kaftane und Gebetsmützen, sie sprachen nicht mit Lehrerinnen und verließen die Klasse, wenn es um Sexualität ging. Sie besuchten auch die einschlägig bekannte Abubakr-Moschee im Frankfurter Stadtteil Hausen. Schließlich reisten im Juli 2013 sieben von ihnen mit dem Bus nach Istanbul - darunter auch B., von dort ging es weiter nach Syrien.

"Merkst du", berichtete B. seiner Schwester in einem ihrer Telefonate, "ich hab keinen Bock, in Deutschland zu leben." In Syrien sei die Chance hoch, dass ein islamischer Staat entstehe. Später dozierte Kreshnik B., der Dschihad sei die "individuelle Pflicht" jedes Muslims. Seine Schwester wollte davon nichts wissen: "Mit 25 wirst du das bereuen", prophezeite sie ihm. "Du bist jung, dumm und naiv."

Monatslohn 50 Euro

Laut Anklage bildete der IS den Gotteskrieger B. in der syrischen Stadt Aleppo an der Kalaschnikow aus. Nachdem er einen Treueeid auf die Organisation abgelegt hatte, schob er Wachdienste, versorgte Verwundete und nahm an mehreren Kampfeinsätzen teil. Dafür erhielt er nach Erkenntnissen der Ermittler monatlich 50 Euro, Essen, Kleidung und eine Waffe.

In Chats mit seiner Schwester sprach B. davon, als Märtyrer sterben zu wollen. "Ich chille, gehe kämpfen, tu meinen Job für Allah", schrieb er Aferdita etwa im November 2013 über Skype.

Doch irgendwann hatte B. genug. Vielleicht war der Alltag im Bürgerkrieg doch nicht so aufregend, wie er sich das vorgestellt hatte. Im Dezember 2013 reiste er jedenfalls erst in die Türkei und von dort mit seiner Schwester und seinem Cousin Labinot B. zurück nach Deutschland. Tags darauf nahm ihn die Frankfurter Polizei fest. "Besser in Deutschland im Knast als in Syrien im Krieg", sagt B.s Onkel.

Zumal Kreshnik B. wohl mit einer milden Strafe rechnen kann. "Wir wollen Ihnen nicht mit aller Gewalt Ihre Zukunft verbauen", sagt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel am Montag. "Es ist angezeigt, Ihnen eine Chance zu geben."

Sollte B. die Vorwürfe persönlich einräumen, drohen ihm maximal vier Jahre und drei Monate Haft. Sein Verteidiger, der Bonner Rechtsanwalt Mutlu Günal, kündigt an, den Vorschlag "sehr wohlwollend" zu prüfen. Sein Mandant habe sich inzwischen vom radikalen Islam abgewandt und sei "heilfroh", dem Krieg unbeschadet entkommen zu sein.

Von B.s sechs Mitreisenden, mit denen er gemeinsam nach Syrien aufgebrochen war, sind nach Erkenntnissen der Behörden mittlerweile zwei nach Deutschland zurückgekehrt, zwei kämpfen immer noch in Syrien, einer wurde verwundet und einer starb.

Sie seien "dumme Kinder", die ihr Leben riskierten, für nichts, "für Politik", empörte sich Aferdita B. im September 2013 in einem der abgehörten Gespräche mit ihrem Bruder. Und dann schrie die kleine, blasse Frau in den Hörer: "Keiner wird dich jemals so sehr lieben, wie deine Familie dich liebt. Keiner!" Damals schnaubte Kreshnik B. nur verächtlich ins Telefon.

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Seite 1
dergog 15.09.2014
1. Heimkehrer
Die Aussage des Onkels, so sie denn stimmt, lässt hoffen. Vielleicht kommt der Junge doch noch runter und wird wieder normal. Jeder hat eine zweite Chance verdient
Ruhri1972 15.09.2014
2.
... und was ist mit den evtl. begangenen Kriegsverbrechen ? Spielen die in Deutschland keine Rolle ?
schmusel 15.09.2014
3. Die Schwester hatte recht:
"Mit 25 wirst du das bereuen", prophezeite sie ihm. "Du bist jung, dumm und naiv." Wie recht sie doch hatte. Mit 25 wird er seit kurzem aus dem Knast gekommen sein und die verlorenen Jahre bedauern. Andererseits kann er froh sein, dass er noch rechtzeitig da raus gekommen ist. Schon bald fliegen seinen Ex-Kameraden die smartbomben und Drohnen um die Ohren.
zappa99 15.09.2014
4. Die Frage ist, was er dort gemacht hat
Der Mann ist 20. Wenn er gemordet hat ist es Mord. Auch Dummheit schützt vor Strafe nicht.
schmusel 15.09.2014
5.
Zitat von Ruhri1972... und was ist mit den evtl. begangenen Kriegsverbrechen ? Spielen die in Deutschland keine Rolle ?
In Deutschland liegt die Beweislast nicht beim Angeklagten. Wenn du also keine Handfesten Beweise für seine Kriegsverbrechen hast, sondern nur Vermutungen, dann spielt das alles in der Tat keine Rolle. Und dafür sind 3-4 Jahre Zuchthaus gar nicht mal so unangemessen.
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