Von Philipp Wittrock
Vor 24 Jahren, am 1. Mai im Jahr 1987, da war es besonders übel. Da sah die völlig überforderte Polizei hilflos zu, wie ein rasender Mob in Kreuzberg Läden plünderte, Dutzende Autos in Brand setzte und den Kiez verwüstete. Irgendwann stand der "Bolle"-Supermarkt in Flammen, er sollte zum Symbol werden für die schlimmste Krawallnacht, die Berlin in der Nachkriegsgeschichte erlebt hat, zum Mythos der Mai-Randale.
Manch einer mag sich nun an jene Nacht erinnert fühlen, wenn er die Bilder aus Englands Städten sieht. Die vermummten Jugendlichen, die Scheiben einschlagen, davonschleppen, was sie tragen können und schließlich das Gebäude abfackeln, ohne dass irgendwo ein Ordnungshüter zu sehen ist. Und sorgenvoll wird nun - stellvertretend von der "Bild"-Zeitung auf der Titelseite - die Frage gestellt: "Kann so etwas auch bei uns passieren?"
Die Antwort muss heißen: Nein.
Wenn die Polizeigewerkschaft jetzt vor einer ähnlich "hochexplosiven Mischung" und "britischen Verhältnissen" auch in deutschen Großstädten warnt, dann ist das vor allem Mittel zum Zweck: Es geht darum, dem Ruf nach mehr Personal und besserer Ausrüstung Nachdruck zu verleihen. Ein Ruf, der übrigens auch jedes Jahr wieder vor und nach dem 1. Mai ertönt.
Doch die, die sich in Berlin oder Hamburg und ihren sozialen Brennpunkten auskennen, winken ab. Nicht, weil sie der Polizei keine zusätzlichen Beamten oder moderne Gerätschaften gönnen. Nicht, weil sie die zweifellos zahllos vorhandenen Probleme verharmlosen. Es ist einfach so: Berlin ist nicht London. Und Hamburg ist es auch nicht.
Ähnliche Schlagworte, andere Qualität
Niemand leugnet die Gewaltbereitschaft der linksradikalen Szene. Nacht für Nacht brennen Autos, fliegen Farbbeutel oder Steine gegen die vermeintlichen Symbole des verhassten kapitalistischen Systems. Niemand sollte die Augen davor verschließen, dass kriminelle Banden Spaß an Gewalt und Zerstörung haben oder ganze Straßenzüge als ihr Hoheitsgebiet betrachten. Und sicher, auch heute toben sich noch Jahr für Jahr am 1. Mai Autonome und sogenannte erlebnisorientierte Jugendliche im Schutz der anonymen Masse auf den Straßen von Kreuzberg aus.
Dazu die Schlagworte, die zur Erklärung von derlei Phänomenen herhalten müssen - es sind hüben wie drüben die gleichen: Armut, Perspektivlosigkeit, Hass auf den Staat, das Gefühl abgehängt zu werden. Und doch ist der Nährboden in Berlin, Hamburg oder Frankfurt ein anderer als in London, Manchester oder Liverpool - ganz abgesehen davon, dass manch einer sicher nicht aus Frust über seine persönliche Ausweglosigkeit einen aufgebrochenen Supermarkt leerräumt. Sondern nur, weil sich gerade die Gelegenheit dazu bietet.
Die hiesigen Quartiere der sozial Schwachen sind mit britischen Elendsvierteln schlicht nicht zu vergleichen. Wer schon einmal dort war, wird feststellen, dass Berlin-Wedding oder Neukölln dagegen immer noch einigermaßen funktionierende Stadtteile sind. Bei allen Einsparungen der vergangenen Jahre kümmert sich hier trotzdem eine Schar von Sozialarbeitern um die Benachteiligten und Ausgegrenzten, das Quartiermanagement funktioniert, die Polizei kontrolliert, es gibt keine No-go-Areas.
Auch die Statistik zeigt deutliche Unterschiede: Laut OECD ist der Wohlstand in keinem anderen westlichen Land so ungerecht verteilt wie in Großbritannien. Nirgendwo anders sind die Chancen für ein Kind, aus ärmlichen Verhältnissen aufzusteigen, so schlecht. Man kann nicht sagen, dass Deutschland bei der sozialen Mobilität glänzt, aber immerhin liegen wir im Mittelfeld. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Deutschland bei rund neun Prozent - nur Österreich und die Niederlande stehen besser da. In Berlin ist sie zwar höher als im Bundesdurchschnitt, aber an britische Verhältnisse kommt das nicht heran. In Großbritannien sind laut EU-Statistik fast 20 Prozent der unter 25-Jährigen ohne Job, in manchem Londoner Stadtteil liegt die Quote noch weit darüber.
Die explosive Grundstimmung sei in Berlin bei Weitem nicht so stark wie in einigen Vierteln englischer Städte, sagt der Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, der nicht gerade verdächtig ist, die sozialen Probleme in seinem Kiez schönzureden. Auf die Frage, ob es in seiner Stadt zu ähnlichen Aufständen kommen könnte, antwortet er: "Möglich ja, wahrscheinlich nein."
Auch wenn ein Restrisiko bleibt - Panikmache ist völlig unangebracht. Die Ereignisse in Großbritannien sind kein Grund, das Klima für soziale Unruhen in Deutschland herbeizureden. Sie sind aber sehr wohl ein Grund zur Mahnung. Eine Mahnung an die Politik und Gesellschaft jeden Tag dafür zu arbeiten, dass der Nährboden für solche Gewaltausbrüche gar nicht erst bereitet wird.
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