Deutschland 2067 Die Zukunft ist schwarz-rot-greis

Der SPIEGEL ist 60 - SPIEGEL ONLINE blickt 60 Jahre in die Zukunft: 2067 ist Deutschland ein ausgedünnter, rationalisierter, sich selbst blockierender Senioren-Staat. Die Bundeswehr hat Söldner aus Afrika, und Chinesen haben das Willy-Brandt-Haus zum Thermalbad gemacht.

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Berlin - Für Peter Pawelski ist es ein bedeutsamer Tag in der 204-jährigen Geschichte seiner Partei. "Wir haben unsere Mitgliederzahlen stabilisieren können", frohlockt der SPD-Generalsekretär. Pawelski strahlt in die Kameras. Er darf sich freuen. Die SPD zählt an diesem trüben Januarmorgen 2067 wieder 100.000 Mitglieder.

Rentner (bei Demonstration in Berlin 2004): 2067 hat Deutschland 57 Millionen Einwohner - und ein Großteil davon sind Senioren
DDP

Rentner (bei Demonstration in Berlin 2004): 2067 hat Deutschland 57 Millionen Einwohner - und ein Großteil davon sind Senioren

Das hat die Republik lange nicht mehr erlebt. In den vergangenen Jahren hatten die Generalsekretäre verschämt eine niederschmetternde Zahl nach der anderen verekündet. Die großen Parteien leerten sich, sie wurden zum Symbol für das Land: kraftlos, verzagt, voller Selbstzweifel.

Sogar die SPD-Zentrale im Willy-Brandt-Haus in Berlin wurde verkauft - an einen chinesischen Finanzinvestor, der es kurzerhand in ein Thermalbad umwandelte. Dort, wo einst die Willy-Brandt-Statue des Künstlers Rainer Fetting stand, räkeln sich nun seit fünf Jahren chinesische Touristen, die zum Kurzbesuch nach Berlin kommen.

Die Statue ihres Übervaters haben die deutschen Genossen mitgenommen in ihr neues Quartier, einem runtergekommenen Altbau in der Karl-Marx-Straße in Neukölln. "Wir sind wieder da", verkündet hier der SPD-Generalsekretär Pawelski.

Alle über 60 - aber immerhin ist der Generalsekretär 27

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Eine Schar ergrauter Journalisten hört ihm zu. Der jüngste Reporter ist 40 - alle anderen über 60. Pawelski, er wirkt in dieser Runde wie ein Mensch aus einer anderen Zeit. 27 ist er und der junge Vorzeigemann der SPD. Er zählt nicht nur in der Partei zur selten gewordenen Spezies der jungen Deutschen.

Pawelskis Gehilfe, ein Mann um die 60, verteilt Pressematerial. In den Papieren finden sich Daten zu den Mitgliederzahlen, die wie ein Widerhall längst vergangener Zeiten sind. Einst war die SPD stolz auf ihr personelles Gewicht, selbst dann noch, als die Zeichen des Absturzes nicht mehr zu übersehen waren.

Ende Dezember 2006 hatte sie noch 561.239 Mitglieder. Schon damals waren es 40 Prozent weniger als 1990.

Auch aus der CDU, die am Jahresende 2006 auf 557.175 Mitglieder kam, ist eine Schrumpfpartei geworden. Die Christdemokraten zählen 102.000 Mitglieder im Jahr 2067 - die immer noch nicht so schwesterliche CSU im Süden immerhin noch 40.000.

Zuwanderung? Fehlanzeige

Die Lage der Parteien spiegelt den Zustand der Republik. 2067 ist sie ist deutlich leerer als noch zu Beginn des Jahrhunderts. 57 Millionen Menschen leben zwischen Rhein und Oder, zwischen dem platten Land im Norden und den Alpen. 2006 waren es rund 82 Millionen.

Zuwanderung? Von den einen wurde sie befürchtet, von den anderen erhofft - eingetreten ist sie nicht. Nach Deutschland zog es die wenigsten Ausländer in der EU. Deutschland musste in den vergangenen Jahrzehnten mit schrumpfenden Städten und toten Dörfern zurechtkommen, mit Leerstand und fallenden Immobilienpreisen.

Selbst die Bundeswehr wandelte sich - und unterhält nun eine Art Fremdenlegion, in der vorwiegend Afrikaner Dienst tun und in internationale Einsätze geschickt werden.

Die dramatische demographische Veränderung, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten erfasst hat, hat die Fundamente der deutschen Politik verändert. Erst vor zehn Jahren, 2057, hatte der SPIEGEL getitelt: "Die andere Republik". Das war dem tiefen Einschnitt gewidmet, den SPD, CDU und CSU dem Land verordnet hatten.

Trennwand im Reichstag gegen den Leerstand

Gegen den Widerstand der kleinen Parteien - Grüne, FDP und der Rechtsaußen-"Deutschlandpartei" - änderten sie das Grundgesetz und führten das Mehrheitswahlrecht ein. Die Legislaturperiode wurde von einst vier auf sieben Jahre verlängert, die Zahl der Wahlkreise von 299 (2007) auf 200 drastisch reduziert. Nur wer einen dieser Wahlkreise direkt gewinnt, kommt seither noch in den Bundestag.

Im Bundestag sitzen nun 80 Abgeordnete von der Union, die den Kanzler stellt, 60 von der SPD, je 22 von FDP und Grünen - und 10 von der 2020 gegründeten "Deutschlandpartei". 8 Abgeordnete sind unabhängig.

Um den Plenarsaal nicht ganz so groß erscheinen zu lassen, wurde kurzerhand eine Trennwand im hinteren Bereich aufgestellt - einen Umbau lehnten die großen Parteien mit Verweis auf die Kosten ab.

Weil an manchen Tagen der Bundestag wie ausgestorben wirkt, haben die führenden Parteien kürzlich eine Geschäftsordnung für das Parlament beschlossen. Demnach müssen in jeder Debatte mindestens 30 Prozent der Abgeordneten anwesend sein. Sonst werden drastische Geldbußen gegen die Fehlenden verhängt.

15 bis 40 Prozent Wahlbeteiligung

Wahlkämpfe sind nicht mehr, was sie einst waren - wegen des neuen Wahlrechts und der personellen Auszehrung der Parteien. Kurz vor Ende der Legislaturperiode stellen die Kandidaten ihre Teams zusammen, meist Anhänger, die ihnen für die Dauer des Wahlkampfes zur Verfügung stehen. Darunter auch viele Parteilose.

Zwar gehen nur noch 40 Prozent der Wahlberechtigten zur Bundestagswahl (20 Prozent bei Landtagswahlen, 15 Prozent bei Kommunalwahlen). Doch gerade die unabhängigen Direktkandidaten haben starke Unterstützerteams. Wie vor Jahrzehnten schon auf kommunaler Ebene lösen sich jetzt auch in der Bundes- und Landespolitik die Wähler von den etablierten Parteien. Wer auffällt, ist gefragt:

  • Unter den Unabhängigen ist zum Beispiel der türkischstämmige Kenan Suleiman. Er gewann im Bundesland Berlin-Brandenburg den Wahlkreis Großberlin.
  • Aus dem tiefen Osten kommt Thorsten Mann, ein junger Rechtsradikaler aus dem Sächsischen, dem selbst die "Deutschlandpartei" noch zu gemäßigt ist.
  • Aus dem früheren Saarland hat es ein bekennender Marxist in den Bundestag geschafft.

Der Bundespräsident wird nicht mehr von der Bundesversammlung gewählt - SPD und Union sahen sich gezwungen, dem Volk eine Art Kompensation für das neue Wahlrecht anzubieten. So bestimmen seit 2062 die Bürger das Staatsoberhaupt (dessen Befugnisse allerdings eingeschränkt wurden: Lehnt es die Unterzeichnung eines Gesetzes ab, muss sich das Bundesverfassungsgericht damit befassen und kann ersatzweise mit Mehrheit ein Gesetz in Kraft setzen).

Frau Kraft ist das Staatsoberhaupt

Gleich die erste Bundespräsidenten-Direktwahl 2062 gewann eine Unabhängige - und eine Frau: Ursula Kraft. Die Sorge, sie könne ihr Amt missbrauchen, erfüllte sich nicht. Kraft wird eine weitere Amtsperiode zugetraut.

Die große Rationalisierung hat auch die Bundesländer nicht verschont. 2020 schlossen sich Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein wegen Geldnot und Bevölkerungsschwund zum "Norddeutschen Land" zusammen. Fünf Jahre später folgten Berlin und Brandenburg, ein Jahr darauf Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, die sich seitdem Südostdeutschland nennen. Im Westen gibt es seit 2030 das neue Land Saar-Pfalz-Hessen. Nur Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern sind geblieben, wie sie waren - dank ihrer wirtschaftlichen Kraft konnten sie ihre Stellung im föderalen Gefüge halten.

Deutschland wird trotzdem nicht schneller und transparenter regiert. Im Tausch für die Länder-Fusionen handelten die neuen Länder mehr Mitspracherechte heraus. Die Föderalismusreform von 2006 wurde faktisch rückgängig gemacht; auch die zehn Jahre später erneuerte Finanzverfassung wurde rasch wieder zugunsten der Länder rückreformiert.

Die Bonner Ministerialbürokratie hat überlebt

SPIEGEL-Titel "Die blockierte Republik" (2002): Auch in sechs Jahrzehnten noch hochaktuell
Illustration Rafal Olbinski für den SPIEGEL

SPIEGEL-Titel "Die blockierte Republik" (2002): Auch in sechs Jahrzehnten noch hochaktuell

"Die blockierte Republik", titelte der SPIEGEL im Jahr 2065 - und verwies dabei auf ein gleichlautendes Cover von 2002.

Nur manches ist 2067 noch so wie zu Beginn des Jahrhunderts. Bonn ist weiter Erstsitz von sechs Bundesministerien. Forderungen, sie nach Berlin umzuziehen, wurden von allen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten abgeblockt - ob von CDU oder SPD.

Der Umzug ist ein Thema, das in nachrichtenarmen Zeiten immer noch gern aufgegriffen wird - auch jetzt im verregneten Januar 2067. In der Fragerunde zu seinen neuesten Mitgliederzahlen muss auch SPD-Generalsekretär Pawelski dazu Stellung beziehen.

Er hat kurz vor seinem Auftritt mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Sebastian Rust telefoniert, der als kommender Kanzlerkandidat der SPD im Gespräch ist. Pawelski, ebenfalls in dem Bundesland beheimatet, war sich mit Rust schnell einig. Ebenso eilig verkündete dann der SPD-Generalsekretär den Journalisten: "Am Bonn-Berlin-Gesetz wird nicht gerüttelt."



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