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Deutschland-Besuch: Erdogan fordert deutsche Hilfe bei EU-Beitritt

Mit seiner scharfen Kritik an Deutschland irritierte Recep Tayyip Erdogan zuletzt die Bundesregierung, auch bei seinem Auftritt in Berlin gab sich der türkische Premier fordernd - betonte aber auch die Partnerschaft der beiden Länder. "Wir gehören zusammen", rief er auf Deutsch aus.

Recep Tayyip Erdogan bei seiner Rede in Berlin: "Wir gehören zusammen" Zur Großansicht
dapd

Recep Tayyip Erdogan bei seiner Rede in Berlin: "Wir gehören zusammen"

Berlin - Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat Deutschland eindringlich zur Unterstützung der Türkei auf dem Weg in die EU aufgefordert. "Deutschland ist das Land, von dem wir uns an erster Stelle Unterstützung erhoffen", sagte Erdogan bei einem Festakt in Berlin zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens am Mittwoch. Erneut kritisierte er jede Unterstützung für die als terroristisch eingestufte kurdische PKK. Die Türkei dürfe im Kampf gegen die PKK nicht alleingelassen werden.

Erdogan nannte das Anwerbeabkommen von 1961 einen Vertrag zum Nutzen beider Länder. "Vor 50 Jahren haben die Menschen nicht nur ihre Arbeitskraft angeboten, sondern auch ihren guten Willen. In diesen 50 Jahren haben sie die Fremde zu ihrer Heimat gemacht", sagte Erdogan. Auf Deutsch rief er: "Wir gehören zusammen."

Die türkischstämmigen Menschen in Deutschland forderte Erdogan dazu auf, Deutsch zu lernen und die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. Integration sei aber kein einseitiger Prozess; notwendig sei eine "Kultur des Zusammenlebens".

An dem Festakt nahm auch Angela Merkel teil. Die Bundeskanzlerin würdigte die erfolgreiche Integration vieler türkischstämmiger Menschen in Deutschland, benannte aber auch Defizite. Das Bildungsniveau von Menschen mit Migrationshintergrund habe sich zwar verbessert. "Dennoch können wir mit diesen Fortschritten noch nicht zufrieden sein", sagte Merkel und betonte die Wichtigkeit von Ausbildung und Bildung. "Die deutsche Sprache zu beherrschen und zu erlernen ist zwingend für gelungene Integration", sagte sie.

Das Zusammenleben sei immer ein Geben und Nehmen, sagte die Kanzlerin, die auch die Bedeutung des Grundgesetzes für alle Bürger hervorhob. Dies gelte etwa auch für die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Deutsch oder Türkisch als erste Sprache?

Erdogan hatte zuvor mit einem Interview in der "Bild"-Zeitung für Verärgerung in der Bundesregierung gesorgt. Die Interviewäußerungen Erdogans seien "kontraproduktiv für die Integration der türkischstämmigen Migranten in Deutschland", sagte Staatsministerin Maria Böhmer, die Migrationsbeauftragte der Regierung. Der türkische Staat müsse lernen, die Migranten in unserem Land "loszulassen".

Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) widersprach Erdogan und sagte, die erste Sprache junger Türken in der Bundesrepublik sei heute eigentlich Deutsch und nicht Türkisch.

Erdogan hatte erklärt, junge Türken in Deutschland sollten zuerst Türkisch lernen: "Wenn ein Kind eine neue Sprache erlernen will, muss es die eigene Sprache gut können."

Anzeige wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen

Deutsche Anwälte haben den türkischen Ministerpräsidenten, Verteidigungsminister Vecdi Gönül, dessen Vorgänger Sabahattin Çakmakoglu und mehrere hohe Militärs bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe angezeigt. In der Strafanzeige werden sie für Kriegsverbrechen verantwortlich gemacht, die angeblich seit 2003 im Kurdenkonflikt in der Südosttürkei begangen worden sind. Grundlage ist das deutsche Völkerstrafgesetzbuch von 2002. Demnach können verantwortliche Militärs und Politiker belangt werden, auch wenn die Taten außerhalb Deutschlands begangen wurden.

hen/heb/dpa/dapd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 92 Beiträge
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1. Antwort
imation, 02.11.2011
Zitat von sysopMit seiner scharfen Kritik an Deutschland irritierte Recep Tayyip Erdogan zuletzt die Bundesregierung, auch bei seinem Auftritt in Berlin gab sich der türkische Premier fordernd - betonte aber auch die Partnerschaft der beiden Länder. "Wir gehören zusammen", rief er auf Deutsch aus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,795458,00.html
Tuen wir nicht, und das wird auch so bleiben.
2. Erdogan soll sich....
Cortado#13, 02.11.2011
Zitat von sysopMit seiner scharfen Kritik an Deutschland irritierte Recep Tayyip Erdogan zuletzt die Bundesregierung, auch bei seinem Auftritt in Berlin gab sich der türkische Premier fordernd - betonte aber auch die Partnerschaft der beiden Länder. "Wir gehören zusammen", rief er auf Deutsch aus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,795458,00.html
endlich mässigen! Er hat nichts, aber auch garnichts zu fordern!! Wann begreift der das endlich?
3. .
Haio Forler 02.11.2011
Zitat von sysopMit seiner scharfen Kritik an Deutschland irritierte Recep Tayyip Erdogan zuletzt die Bundesregierung, auch bei seinem Auftritt in Berlin gab sich der türkische Premier fordernd - betonte aber auch die Partnerschaft der beiden Länder. "Wir gehören zusammen", rief er auf Deutsch aus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,795458,00.html
Wenn ich einem Türkischen Bürger die folgende Frage gestellt habe: "Was hat die Türkei bzw. der Türkische Bürger eigentlich von einem EU-Beitritt?*" ... ... konnte oder wollte mir dies noch niemand beantworten. Was könnte der Grund sein? * Kulturaustausch kann's nicht sein; den haben wir doch bereits. Vielleicht gibt es ja hier ein Antwort. ;)
4. Erdogan ist nur noch unverschämt
susanne@spiegelonline 02.11.2011
Herr Erdogan tritt in Deutschland auf als ob es ein Teil der Türkei wäre. Türkische Mitbürger werden dazu aufgerufen sich nicht zu integrieren, sondern zur Türkei zu bekennen. jetzt sollen wir auch noch dabei helfen in die EU zu kommen. Lieber Herr Erdogan, Sie können Ihre Reden ja gerne in der Türkei halten, wir werden Ihnen hier aber ganz bestimmt nicht dabei helfen Ihre Wünsche umzusetzen. Kümmern Sie sich doch einmal um die Christen in der Türkei, dann reden wir weiter. Im Übrigen hat Frau Merkel sehr deutlich den Willen des Deutschen Volkes ausgesprochen: Besondere Partnerschaft: ja, EU-Mitglied: NEIN
5. und andersrum
thrasybulos 02.11.2011
Zitat: "In diesen 50 Jahren haben sie die Fremde zu ihrer Heimat gemacht", sagte Erdogan. Und zunehmend unsere Heimat zu einer Fremde...
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Erdogan-Besuch in Berlin: Wie die Türkei boomt

Wie die Gastarbeiter nach Deutschland kamen
Das Abkommen
Schon in den späten fünfziger Jahren kamen vereinzelt türkische Arbeiter in die Bundesrepublik - eine gesetzliche Rahmenregelung zwischen Ankara und Bonn wurde erst Jahre später getroffen Am 31. Oktober 1961 wurde in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Die sogenannten "Gastarbeiter" sollten maximal zwei Jahre in Deutschland bleiben dürfen. Die Türkei erhoffte sich, dass durch das Geld, das türkische Arbeiter aus Deutschland in die Heimat überwiesen, die Wirtschaft angekurbelt würde. Deutschland suchte in den Jahren des Wirtschaftswunders billige Arbeitskräfte. Das Rotationsprinzip, nachdem die "Gastarbeiter" nach zwei Jahren ausgewechselt werden sollten, wurde 1964 auf Wunsch der Arbeitsgeber in einer Neufassung des Abkommens aufgehoben. 1973 kam es zum Anwerbestopp.

Wieviele kamen?
Von 1961 bis November 1973 bewarben sich etwa 2,66 Millionen Türken um einen Arbeitsplatz in Deutschland, nur knapp 650.000 wurden nach Angaben des "Dokumentationszentrums und Museums über die Migration aus der Türkei" (DOMIT) vermittelt. Fast jeder dritte Gastarbeiter war laut DOMIT Facharbeiter oder angelernte Arbeitskraft - die Quote war deutlich höher als etwa unter den Gastarbeitern aus Italien, Spanien, Griechenland oder Portugal. Ein Fünftel aller Angeworbenen aus der Türkei waren Frauen.
Wer durfte kommen?
Das Bewerbungs-Prozedere spielte sich wie folgt ab: Die deutschen Arbeitgeber wandten sich an die Arbeitsämter mit einem so genannten "Vermittlungsauftrag - Türkische Arbeitskräfte", die Angebote wurden weitergeleitet zur deutschen Vermittlungsstelle in Istanbul und von dort an das türkische Arbeitsamt. Es gab verschiedene Altersgrenzen: Qualifizierte männliche Bewerber durften nicht älter als 40 Jahre sein, Frauen nicht älter als 45 Jahre. Bei unqualifizierten Arbeitern lag die Grenze bei 30 Jahren.
Wieviele blieben?
Etwa die Hälfte aller zwischen 1961 und 1973 angeworbenen Arbeitskräfte aus der Türkei sind Schätzungen zufolge wieder in ihre Heimat zurückgegangen. Die andere Hälfte blieb, immer mehr Familienangehörige zogen nach. Heute haben rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland türkische Wurzeln.
Die Gesundheitsprüfungen
Alle Arbeiter, die vom türkischen Arbeitsamt ausgewählt wurden, mussten sich in Istanbul untersuchen lassen. Gruppenweise mussten die Kandidaten vor Ärzte treten - Blutdruck wurde gemessen, Blut- und Urinproben unternommen, körperliche Übungen mussten vorgeführt werden, der Körper wurde nach Operationsnarben abgesucht, Genitalien wurden abgetastet. Letzteres "war für die Menschen aus Anatolien vermutlich das Schlimmste", schreibt das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei DOMIT. Zwischen 10 und 17 Prozent der Kandidaten, die das türkische Arbeitsamt als geeignet befunden hatte, wurden bei den Gesundheitsprüfungen in Istanbul aussortiert. Wer beí den Gesundheitschecks als nicht geeignet befunden wurde, musste den Traum von der Arbeit in Deutschland für immer begraben.

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