Kriminalstatistik Skandal! Deutschland immer sicherer!

Die Polizei teilt mit: Deutschland wird immer sicherer. Wutbürger und AfD-Wähler, ihr müsst jetzt ganz stark sein. Sicherheit soll Gefühlssache bleiben! Lasst euch das nicht durch Fakten kaputtmachen!

Wutbürger (Archiv)
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Eine Kolumne von


Gefühle können so schön sein. Frühlingsgefühle zum Beispiel. Denken wir an den guten Goethe:

"Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land."

Der Deutsche ist ja ein Gefühlsmensch. Im Frühling sowieso. Und je deutscher, desto gefühliger. Das war immer so. Tatsachen stören da nur. Zum Beispiel das Gedicht, das ist gar nicht von Goethe. Aber ist doch egal. Hauptsache, das Gefühl stimmt.

So ist das auch mit dem Sicherheitsgefühl. Dieses Gefühl beginnt mit den Worten "Jeder wei߅". Also, jeder weiß, dass das Leben in Deutschland immer gefährlicher wird. Ist ja kein Wunder bei all den Ausländern. Die ganzen Merkel-Geschenke und Integrationsverweigerer. Man kann an keinem Bahnsteig mehr stehen, ohne von irgendeinem Bereicherer ins Gleisbett gestoßen zu werden. Überall steht der Musel mit dem Messer. Und Exhibitionisten gibt es auch immer mehr.

So weit die Gefühlslage. Nun zu den Fakten. Die Kriminalität in Deutschland ist stark rückläufig. 2017 zählte die Polizei annähernd zehn Prozent weniger Straftaten als im Jahr davor. Das bedeutet einen Rückgang, wie es ihn in den vergangenen 25 Jahren nicht gab, und die niedrigste Zahl registrierter Straftaten seit der Wiedervereinigung. Das geht aus einer vorläufigen Version der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2017 hervor, die eine Zeitung am Wochenende vorab veröffentlichte. Viel weniger Einbrüche und Taschendiebstähle, weniger Ladendiebstähle, weniger geklaute Autos und Fahrräder, weniger Gewaltdelikte.

Horst Seehofer, in seiner Funktion als Innenminister, wird die Zahlen Anfang Mai der Öffentlichkeit vorstellen. Ausgerechnet Heimat-Horst! Seine CSU stolpert als AfD-light in den bayerischen Wahlkampf, da passt Entspannung an der Kriminalitätsfront gar nicht.

Was fängt man nun an mit der Kluft, die sich zwischen Gefühl und Realität auftut? Es gibt drei bewährte Methoden, mit dieser kognitiven Dissonanz fertigzuwerden: Verleugnung, Verschwörungsglaube, Verdrehung.

Für Verleugnung ist Jens Spahn ein gutes Beispiel. Spahn hat gesagt: "Schauen Sie sich doch Arbeiterviertel in Essen, Duisburg oder Berlin an. Da entsteht der Eindruck, dass der Staat gar nicht mehr willens oder in der Lage sei, Recht durchzusetzen." Eben. Wumms mit Ordnung und Recht und Hmtata. Spahn ist eigentlich Gesundheitsminister. Aber sein Beruf lastet ihn nicht aus. Darum arbeitet er bei der Union als Experte für Alles. Der Chef des Bundeskriminalamtes sagt zwar: "Es gibt in Deutschland keine No-go-Areas." Aber der hat eben keine Ahnung, der Mann.

Die zweite Methode besteht in der Neigung zu Verschwörungstheorien: Wir werden belogen. Alle. Immerzu. Auf Twitter hat eine, sagen wir, besorgte Bürgerin geschrieben: "Straftaten in Deutschland um 10% gesunken? Wer das glaubt, der glaubt auch an den Weihnachtsmann. Es sind noch nie so viele Menschen abgestochen worden wie in diesen 4 Monaten in diesem Jahr. Alleine was alles vertuscht wird." Genau! Überall geschichtsvergessene, linke Volkserzieher und Moralimperialisten, die uns über die wahre Lage täuschen. Jeder weiß - da ist es wieder -, dass die Behörden und die linksgrün-verseuchte Systempresse kollaborieren, um das deutsche Volk zu belügen. Das ist eine saubere Sache, so eine Verschwörungstheorie. Vorteil für den Aluhut-Träger: Was jeder weiß, muss nicht bewiesen werden.

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Die dritte Methode - Verdrehung - ist ein bisschen interessanter: Die Kriminalstatistik spiegelt gar nicht die Wirklichkeit der Kriminalität wider, sondern nur die Arbeit der Polizei. Da ist tatsächlich etwas dran. Wenn zum Beispiel alle Polizisten gleichzeitig in Rente gehen würden, gäbe es keine ermittelten Straftaten mehr und die Statistik sänke auf null. Toll. Dass damit auch das Verbrechen verschwindet, ist unwahrscheinlich. Andersherum wäre allerdings die Vorstellung abenteuerlich, die Polizeistatistik habe gar nichts mit der realen Bedrohungslage zu tun. Es sollte die Polizei in eine tiefe Sinnkrise stürzen, wenn das so wäre.

Für die Mehrheit der Bundesbürger ist die neue PKS eine gute Nachricht. Für die Wutbürger und AfD-Wähler gilt dagegen: Ihr müsst jetzt stark sein. Sicherheit soll Gefühlssache bleiben! Lasst euch das nicht durch Fakten kaputtmachen!

Das berühmteste Zitat im Zusammenhang mit Statistik lautet bekanntlich: "Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe." Es wird Winston Churchill zugeschrieben. Aber in seinen Reden und Texten ist es nicht auffindbar. Der wahrscheinlichere - und passendere - Urheber ist ein anderer: Joseph Goebbels.

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insgesamt 176 Beiträge
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Seite 1
zeichenkette 23.04.2018
1. Die Emotionalisierung der Politik...
...verträgt keine Fakten. Wenn Vorurteile und Gefühle als göttliche Offenbarung empfunden werden, können alle Fakten, die dagegen sprechen, nur noch Lügen sein. Das führt dann konsequenterweise nur zu noch stärkeren Emotionen.
thomas haupenthal 23.04.2018
2. Bin...
...normalerweise kein Fan des Autors, aber den Artikel fand ich gut. Und sehr unterhaltsam. Nur: Mit Fakten die Angst widerlegen? Dann doch lieber die Angst. Ist sicherer. Und die Wutbürger finden bestimmt irgendwann eine neue Sau, die sie durchs Dorf treiben können....
Crom 23.04.2018
3.
Das Bild ist mal wieder differenzierter als es Herr Augstein hier darstellen will, denn die Gewaltkriminalität (Mord, Totschlag, Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen) hat z.B. gegenüber 2014 z.B. zugenommen (von 180.955 Gewalttaten auf 188.946).
Hammelinda 23.04.2018
4. Ich Bin Froh Darüber
Aber es muss weiterhin gesagt werden: die Tatsache, dass deutsche Staatsanwaltschaften jährlich weit über eine Millionen Verfahren einfach einstellen (Stichworte: "Opportunitätsprinzip", "Geringfügigkeit") macht dann weniger froh.
UCOM 23.04.2018
5. Na ja, Herr Augstein,
Skepsis ist bei diesen Statistiken aber häufig angebracht, da sie meistens „bereinigt“ präsentiert werden! Die Arbeitslosenzahlen sind da ein sehr gutes Beispiel...
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