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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Die Idealisierung des Fremden

Eine Kolumne von

Die Flüchtlingseuphorie nimmt bedenkliche Formen an. Vielen reicht es nicht mehr, die Fremden, die zu uns kommen, freundlich aufzunehmen - sie wollen in jedem Asylbewerber gleich einen Neubürger sehen.

Wir kennen Fremdenangst. Wie soll man das nennen, was wir gerade erleben: Fremdenmut?

Die Deutschen scheinen fest entschlossen, sich in der Flüchtlingskrise von ihrer besten Seite zu zeigen. Die Medien entsprechen dem Bedürfnis, der Vorstellung von einer weltoffenen Nation gerecht zu werden, indem sie die Flüchtlinge im denkbar besten Licht präsentieren. Wer die Zeitungen aufschlägt, sieht in die hoffnungsfrohen Gesichter von Menschen, die nur die lautersten Absichten haben.

Sogar die "Bild"-Zeitung ist der Stimmung erlegen. Auch sie kennt keine Fremden mehr, vor denen man besser die Grenzen verschließen sollte, sondern nur noch Menschen, denen man Herz und Häuser öffnen muss. "Feras aus Aleppo" heißt dort der Musterflüchtling, der den Lesern als typischer Asylbewerber aus der Mitte der zu uns Strömenden vorgestellt wird: "perfekt ausgebildet", "bester Student an seiner Universität". "Warum macht Europa das mit uns an den Grenzen?" fragt "Bild" stellvertretend für Leute wie Feras.

Ja, warum nur? Eine Antwort könnte sein, dass nicht alle, die zu uns kommen, so leistungswillig und perfekt ausgebildet sind wie Feras.

Es ist anrührend zu sehen, wie viele Menschen in Deutschland tatkräftig mithelfen, um den Flüchtlingen, die um Aufnahme bitten, einen freundlichen Empfang zu bereiten. Aber es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, in erster Linie gerührt zu sein. Von Politikern sollte man erst recht etwas anderes erwarten. Man kann den Realitätssinn mit dem Ende des Humanismus gleichsetzen, wie es Georg Seeßlen in den "taz" getan hat. Man kann darin aber auch eine Enttäuschungsprophylaxe sehen, die verhindert, dass mit jeder Ernüchterung gleich die Politik umschlägt.

Stimmungen können sich verändern, in jede Richtung. Eine Politik, die sich auf Gefühlslagen verlässt, ist schnell verlassen. Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, da haben die Deutschen noch hinter jedem Zauselbart einen Dschihadisten vermutet und unter jedem Kopftuch die dazugehörige Braut. Wenn der Zuzug in diesem Tempo anhält, wird sich die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime in absehbarer Zeit verdoppelt haben. Das ist eine Entwicklung, die alle Prognosen in den Schatten stellt, mit denen Thilo Sarrazin sein Publikum zum Gruseln brachte. Man ahnt, dass es nicht viel braucht, um die alten Befürchtungen wieder zu aktivieren.

Vermutlich wird es unter den Bewerbern sogar IS-Kämpfer geben

So wie die Fremdenfurcht in den Neunzigern übertrieben war, die in der Tabuisierung des Wortes "Einwanderungsland" mündete, erleben wir gerade eine Übertreibung in die andere Richtung, die ihre Entsprechung in der Euphorie über die "Willkommenskultur" findet. Es liegt auf der Hand, dass nicht jeder, den wir aufnehmen, Herzchirurg sein kann. Es werden Menschen darunter sein, die nur darauf aus sind, die Gegebenheiten auszunutzen. Einige werden den Nachbarn ermordet haben, bevor sie sich auf den Weg in den Westen machten. Vermutlich wird es unter den Bewerbern sogar IS-Kämpfer geben, die sich bei uns nur ausruhen wollen.

In Wahrheit wissen wir sehr wenig über die Menschen, die in Deutschland Asyl beantragen. Wir kennen den Namen, das Geschlecht und das Herkunftsland, aber zu allem Weiteren sind wir auf Vermutungen angewiesen. Es gibt keine verlässlichen Angaben über Beruf oder Bildungsgrad. Wir wissen nicht einmal, wie viele der Ankommenden allein reisen oder mit Familie, was für den Bezug von Sozialleistungen einen großen Unterschied macht. 129 Euro Taschengeld klingen wenig, 626 Euro für eine sechsköpfige Familie plus Verpflegung und Unterkunft hingegen ist für jemanden, der aus Albanien stammt, sehr viel.

Bei der Linken hat die Idealisierung des Fremden eine lange Tradition. Der Publizist Frank A. Meyer hat mir vergangene Woche eine interessante Erklärung gegeben, warum so viele Leute links der Mitte dazu neigen, in jedem Asylbewerber gleich einen Neubürger zu sehen. Für die einen sei der Flüchtling der "edle Wilde", wie schon Rousseau ihn erträumte, ein Geschöpf, das von der Moderne noch nicht verdorben sei. Die anderen imaginieren in ihm die "Auferstehung des Proletariers", der ihnen in den Kulturkämpfen der Vergangenheit abhandengekommen sei, und auf dem nun die Hoffnung ruht, dass er den Kampf gegen den Kapitalismus wieder aufnimmt. Dazu muss man wissen, dass Meyer politisch eher den Sozialdemokraten nahe steht. Außerdem ist er Schweizer, die dürfen so etwas sagen.

In Wahrheit ist die große Wanderung nach Europa ein Beweis für die Anziehungskraft des westlichen Systems. Man hat jedenfalls noch von keinen Flüchtlingstrecks gehört, die gen Russland oder Saudi-Arabien zögen. Das mag an der Einseitigkeit der Medien liegen, die alles unterschlagen, was ihnen nicht passt. Aber wahrscheinlicher ist als Erklärung, dass die Attraktivität des russischen Modells doch nicht ganz dem entspricht, was Putin sich vorstellt.

Ich habe vergessen, wer zuerst daran erinnert hat, dass es sich bei der Flüchtlingskrise nicht nur um ein europäisches Drama handelt: Es ist mindestens genauso eine arabische und eine afrikanische Tragödie.

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Kolumne - Der schwarze Kanal
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 635 Beiträge
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1. Vielen Dank!
sphaeren 01.09.2015
Vielen Dank für diesen Kommentar, Herr Fleischhauer. Endlich mal wieder eine Stimme der Vernunft in den von der übertriebenen Fremdenliebe und Willkommenshysterie vollkommen beherrschten Medien.
2. 422
otto_iii 01.09.2015
Volle Zustimmung Herr Fleischhauer. Das Bild wird rund, wenn man auch die ökonomische Seite sieht, wie Herr Augstein es zuletzt tat. Der außergewöhnliche "Fremdenmut" ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Jahrzehntelang als zentrales Problem Deutschlands betrachtete Arbeitslosigkeit heute kaum noch thematisiert wird. Die Wirtschaft spekuliert auf billige Arbeitskräfte oder wenigstens zusätzliche Konsumenten. Der SPAM-Artikel - Senkung des Mindestlohns - erscheint mir gar nicht so abwegig.
3. Danke für diesen Beitrag!
ddorfer_ 01.09.2015
Dieser Beitrag kommt genau zur richtigen Zeit! Zwischen all den emotionalen Jubelmeldungen überkommt mich das ungute Gefühl, dass die Ernsthaftigkeit dieses Themas komplett unterschätzt wird. Integration bedeutet mehr als ein paar Fußballfreikarten, kostenlose Schwimmbadbesuche und Essensausgaben. Zwei Minderheiten dominieren die Berichterstattung. Gesichtstätowierte und Vollasis auf der einen und kindliche Naivität auf der anderen Seite! Ein sachlicher Umgang mit diesem Thema, Konzepte und ganzheitliche Strategien sollten dringend ausgearbeitet werden. Der positive Aktionismus endet spätestens in ein paar Wochen. Wenn bald nichts passiert, sitzen wir hier in wenigen Jahren auf einem sozialen Pulverfass!
4.
io_gbg 01.09.2015
Dass man Flüchtlinge in den Medien nur positiv darstelle, ist falsch. Fleischhauers Beitrag ist ein Beispiel dafür. Ist auch ein Beispiel, wie man auf subtile Weise die Klientel vom rechten Rand bedienen kann, die heutzutage die Online-Foren zuspammt. Dass dafür noch Platz in SpOn angeboten wird, ist ein neuer Tiefpunkt.
5.
niamh 01.09.2015
Ich musste laecheln, als ich den Satz in diesem Artikel las: "Es liegt auf der Hand, dass nicht jeder, den wir aufnehmen, Herzchirurg sein kann". Sicher wahr. Das gilt aber auch fuer den Herrn Fleischhauer, der offenbar es auch nicht schaffen konnte, "Herzchirurg" zu sein. Auf der anderen Seite hier in GB gibt es wohl sehr viele Einwanderer aus Afrika und Asien,die - anders als den Herrn Fleischhauer - brillante, hochverdienende Chirurge sind.
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