Europa Die deutsche Arroganz gegenüber Frankreich

Frankreich muss von Deutschland lernen? Nicht auf jedem Gebiet: Frankreich ist insbesondere dort gut, wo Deutschland erhebliche Defizite hat. Wenn wir weiter selbstzufrieden bleiben, wird uns der Nachbar überholen.

Macron, Merkel beim G7-Treffen in Sizilien
AFP

Macron, Merkel beim G7-Treffen in Sizilien

Ein Gastbeitrag von Stephan-Götz Richter


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Obwohl in Deutschland jetzt Wahlkampf angesagt ist, sind sich die beiden großen Parteien in einem Punkt fast brüderlich einig: Frankreich braucht deutsche Hilfe, um jemals wieder auf die Beine zu kommen.

Dahinter steckt eine schwer erträgliche germanische Arroganz. Wenn etwa die SPD meint, dass die Franzosen nur mit großen Investitionsprogrammen und möglichst mit Eurobonds wieder hochzupäppeln seien, dann sagt sie vor allem eins: Aus eigener Kraft kann Frankreich nicht mehr zu einer positiven Herausforderung für Deutschland werden.

Die CDU ist nicht weniger arrogant, sie ist nur anders strukturiert: Hier glaubt man, allerlei düstere Szenarien zeichnen zu müssen, wie etwa die Eurobonds, die uns Deutsche für ruinöse EU-Partner bluten lassen würden. Auf diese Weise soll wohl eine Phobie gegenüber einem - ganz gleich, unter welchem Präsidenten - unvermeidlich sozialistisch eingefärbten Frankreich aufgebaut werden. Dies geschieht, obwohl Emmanuel Macron Eurobonds bisher nicht zu seinem Programm gemacht hat (und dies mit Blick auf Altschulden und konsumtive Ausgaben auch entschieden seiner wirtschafts- und finanzpolitischen Philosophie widerspricht).

Warum üben sich die beiden Volksparteien in derartigen Verzerrungen dessen, wofür das neue Frankreich steht? Wahrscheinlich, damit die Große Koalition in Selbstzufriedenheit weiter vor sich hindümpeln kann.

Besser noch: Mit den obigen Maßgaben können sich SPD und CDU ihre ideologischen Scheuklappen bewahren und Frankreich so darstellen, wie es der eigenen Parteiräson am besten nützt.

Dass aus Frankreich jemals wieder ein wirtschaftlicher Herausforderer für Deutschland werden könnte, scheint aus Berliner Sicht ausgeschlossen. Das ist umso verwunderlicher, als das Phänomen eines modernen Frankreich und schlafmützigen Deutschland noch gar nicht so lange zurückliegt.

Wer aber in Deutschland umweltfreundlich mit den hierzulande ICE genannten Bummelzügen herumreist, aber im Nachbarland mit dem TGV sehr viel längere Bahnstrecken schneller abgefahren ist, dem kann als Bundesbürger nur zum Heulen zumute sein.

Kreuzungsweiche nahe Wismar (Archiv)
DPA

Kreuzungsweiche nahe Wismar (Archiv)

Gleiches gilt für den, der eine moderne Internetversorgung für selbstverständlich hält - also ein Glasfasernetz erwartet und nicht eines, das im Achtzigerjahrestil noch auf dem Kupferkabel basiert, dieser deutschen Datenschneckenpost.

Unmut gegenüber den deutschen Dingen sollte auch bei den Frauen und Männern grassieren, die seit dem Ende der DDR darüber verzagt sind, was wir hierzulande ganz lebenspraktisch für berufstätige Mütter tun - bei weitem nicht genug. Stattdessen werkeln wir weiterhin am strukturkonservativen deutschen Bildungssystem herum und ergötzen uns an der Debatte über das acht- oder neunjährigen Abitur. Echte Fortschritte für Frauen und Mütter jenseits der Teilzeitarbeit? Fehlanzeige.

Ein Schelm, der meint, dass wir Deutschen von Frankreich irgendetwas zu lernen hätten.

Dabei sollten wir doch wissen, dass es in einem zentralistisch geführten Staat für die öffentliche Hand einfacher ist, Projekte schneller umzusetzen, als in einem föderalistischen Land. Dies gilt umso mehr, wenn dieser Staat von einem zugleich in politischen, administrativen und technischen Dingen versierten Ingenieurskorps mitangeführt wird.

Zwar reden wir Deutschen fleißig davon, dass unser übertriebener Föderalismus - ob in der Bildung, der Digitalisierung, der Ausländerpolitik oder der Polizeiarbeit - dringend reformiert werden muss. Aber selbstzufrieden, wie sich die beiden Großkoalitionäre im Tandem nun einmal geben, sehen wir nicht, was Frankreich Deutschland an Impulsen geben könnte.

Das ist nicht nur peinlich, sondern auch regelrecht dumm. Gerade dem vermeintlich so aufgeschlossenen Deutschland muss es doch wichtig sein, über seine eigenen Grenzen hinauszublicken, um nicht in Selbstzufriedenheit zu versinken.

Das sollte sich für eine (per Definition der Welt zugewandte) Exportnation eigentlich von selbst verstehen. Aber offenbar gilt die Maxime, sich an anderen zu messen, nur für den Privatsektor. Für den Staat, der aktuell geradezu im Geld versinkt, hingegen scheint zu gelten: Weiter so, wir machen's ja glänzend!

Bei so viel germanischer Selbstzufriedenheit kann man sich leicht vorstellen, dass die Franzosen, die ja im Unterschied zu uns durchaus eine strategisch denkende Elite haben, in Aufbruchstimmung sind. Sie wollen endlich den schwer erträglichen Makel als wirtschaftlicher Juniorpartner Deutschlands loswerden.

REM-Parteimitglieder bei einer Wahlkampfveranstaltung in Aubervilliers, nahe Paris
AFP

REM-Parteimitglieder bei einer Wahlkampfveranstaltung in Aubervilliers, nahe Paris

Daher gibt es in Frankreich eine aktive Debatte über die Schröder'schen Reformen. Deren dynamisierende Wirkungen will sich Frankreich unter Macron nun zu eigen machen.

Das zeigt sich auch in der überraschend stark ausgeprägten Deutschland-Expertise von wichtigen Ministern der neuen französischen Regierung. In deutschen Medien wird das zum Teil als eine Art Kapitulationserklärung angesehen.

Dass diese Orientierung an Deutschland aber nichts anderes bedeutet, als dass viele französische Politiker die deutsche Wirklichkeit studiert haben, um diese nach Möglichkeit bald einzuholen und zu überholen, das wird im politischen Berlin nicht verstanden.

Das Frankreich Macrons will nicht auf finanzielle Almosen von jenseits des Rheins angewiesen sein, sondern Europa modernisieren. Das könnte sich für die Berliner Besitzstandswahrer schon bald als echte Herausforderung erweisen.



insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
cvdheyden 05.06.2017
1. Michel
Klar hat Frankreich Stärken. Deutschland war schon immer flexibel wie ein Panzerschrank und wählt dem entsprechend eine solche Politik. Die Leute in Deutschland ticken nun mal so. Nicht bewegen, wir alle spiele Beamtenmikado.
mjs2342 05.06.2017
2. Vive la France!
Glücklicherweise haben wir unsere Nachbarn, die uns ab und zu in unseren fetten deutschen Hintern treten, wenn wir wieder sanft entschlummert sind... En marche, France!
K.Hexemer 05.06.2017
3. Na schön, da kann man
Herrn Macron nur viel Erfolg wünschen. Und dass die EURO Bonds selbstverständlich nur für Neuschulden, mit denen dann Altschulden abgelöst werden, einen anderen blumigen Namen bekommen, was solls. Ziel ist und bleibt die Schulden- und Haftungsgemeinschaft, und das hat mit deutscher Arroganz nichts zu tun, eher mit Dummheit!
nisse1970 05.06.2017
4. Danke!
Super Kommentar. Gruss aus Paris
Runneristi 05.06.2017
5. Seit Schröder schnarcht/ merkelt Deutschland
Marode Infrastruktur, ein Rentensystem auf Kosten der Jüngeren und Familien mit Kindern, ein Schulsystem mit Inklusionsklassen, das gleichzeitig dreigliedrig ist. Es passt vieles nicht in unserem Lande. Hauptsache die Null steht - Was für ein Irrglaube. Ich will keine Grundschulklassen mit 26 oder mehr Kindern, Brücken, auf denen LKWs den Abstand vergrößern sollen, damit sie nicht einstürzen und Benachteiligung in ungheuerlichem Ausmaß für Eltern mit Kindern, die die Melkkühe dieses Landes sind und am Ende bei der Rente verarscht werden, obwohl sie den Generationsvertrag eingehalten haben während die Dinks ihn brechen und davon profitiren.
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