Das Interview lief an einem Mai-Samstag im Radio, irgendwann am frühen Morgen. Ich höre gern Deutschlandfunk, aber nicht am Wochenende, nicht zu dieser Uhrzeit. Offenbar teilen ein paar Menschen in Deutschland diese Lebensweise - insbesondere Journalisten. Denn dass Bundespräsident Horst Köhler just auf dem Rückflug vom Afghanistan-Truppenbesuch ein paar reichlich missverständliche Sätzen zu Bundeswehreinsätzen und deutschen Wirtschaftsinteressen in ein Reporter-Mikro spricht - das wird erst ein paar Tage später offenbar.
Mitte der Woche schreiben Leser an SPIEGEL ONLINE. Es gebe da eine Audiodatei mit irritierenden Präsidentenworten im Netz. Redet Köhler dort Wirtschaftskriegen das Wort? Wir hören uns das Interview immer wieder an, machen eine Abschrift. Es ist missverständlich, es wimmelt von verschwurbelten Sätzen.
Warum äußert sich Köhler nicht eindeutig? Der Mann ist der Präsident. Seine einzige Macht sind: Worte. Und offenbar beherrscht er die nicht. Er entfacht eine neue Kriegsdebatte, verstört die Leute. Am Donnerstagmorgen bringt SPIEGEL ONLINE die Geschichte mit ausführlichen Zitaten aus dem Interview, auch der Deutschlandfunk berichtet erneut. Experten kritisieren Köhlers Äußerungen ("imperialer Zungenschlag"), in Union und FDP finden sie ihren Präsidenten ein weiteres Mal recht merkwürdig: "Keine besonders glückliche Formulierung, um es vorsichtig auszudrücken."
Das Präsidialamt stellt dann klar: keine Wirtschaftskriege. Es gehe um den Schutz von Handelswegen, um den Kampf gegen Piraten vor der afrikanischen Küste etwa. Damit könnte die Sache erledigt sein. Doch am Montag, 31. Mai, erreicht uns die Einladung zu einer Pressekonferenz im Schloss Bellevue. Konkretes Thema? Fehlanzeige. Das kann vieles heißen. Es könnte bedeuten: Köhler wirft hin. Nein, sagen wir, wegen eines Interviews? Oder?
"Ich erkläre hiermit meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten - mit sofortiger Wirkung", sagt Horst Köhler kurz darauf im Schloss.
Doch das 2010er Drama um die Nummer eins im Staat ist noch nicht vorbei. Es ist der 30. Juni. Brütende Hitze im Reichstag, nervöse Akteure, Buffet und Getränke gibt es erst, wenn das neue Staatsoberhaupt gewählt ist. Es dauert. Und dauert.
Christian Wulff braucht trotz satter schwarz-gelber Mehrheit in der Bundesversammlung drei Wahlgänge und über neun Stunden, um Präsident zu werden. Die eigenen Leute wollen der Kanzlerin eins auswischen. "Ende gut, alles gut", sagt ein schmallippiger Wulff dann irgendwann in der Nacht.
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