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Deutschlandweite Aktion: Hunderttausende fordern sofortigen AKW-Stopp

Zigtausende Atomgegner haben in Deutschland für den Ausstieg aus der Kernkraft demonstriert. Widerstand gegen den Regierungskurs kommt inzwischen auch aus den Reihen der Koalition - doch Kanzlerin Merkel verteidigt ihre Politik.

Getty Images

Berlin - Die Naturkatastrophe und die nachfolgenden massiven Probleme im AKW Fukushima haben die Atomdebatte in Deutschland neu entfacht. Unmittelbar vor den wichtigen Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gingen am Samstag Hunderttausende Menschen auf die Straße, um gegen Atomkraft zu demonstrieren. In Berlin, Hamburg, Köln und München forderten die Demonstranten einen sofortigen Stopp der Atomkraftwerke in Deutschland unter dem Motto "Fukushima mahnt: Alle AKW abschalten".

In Berlin wurde die Bannmeile rund um den Bundesrat aufgehoben, um den Andrang der Teilnehmer zu bewältigen. In den Demonstrationszug reihten sich auch SPD-Chef Sigmar Gabriel und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier ein sowie die Fraktionschefs der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin und Renate Künast. Der Protestzug sollte auch an der CDU-Parteizentrale vorbeiführen.

Die Protestierenden machten ihre Ablehnung gegen die Atomenergie lautstark und mit phantasievollen Plakaten deutlich. "Sympathie für Atom endet wie das alte Rom", war auf einem Transparent zu lesen, auf einem anderen "Deutschland sucht den Super-GAU".

"Wir werden jetzt nicht mehr lockerlassen"

In Hamburg bewegte sich der Protestzug mit bunten Flaggen, Bannern und Transparenten durch die Innenstadt in Richtung Jungfernstieg. Vor der Kundenfiliale des Energieversorgers Vattenfall hielten die Demonstranten und skandierten Parolen wie "Atomkraftwerke abschalten".

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Fukushima-Effekt: Großaufgebot gegen Atomkraft
Zusammen mit den Demonstrationen in Berlin, Köln und München gingen die Betreiber von mehr als 200.000 Teilnehmern aus. Um 14.15 Uhr wurde eine Schweigeminute für die Erdbebenopfer in Japan abgehalten.

Die Organisatoren werteten den Aufmarsch als "deutliches Zeichen an die Politik". Zu den Aktionen aufgerufen hatten unter anderem die Anti-Atom-Initiative Ausgestrahlt, die Umweltschutzorganisationen Bund, Naturfreunde Deutschland und Robin Wood sowie die Kampagnennetzwerke Attac und Campact. Unterstützt werden die Proteste auch von der evangelischen und katholischen Kirche, Gewerkschaften sowie Künstlern wie der Band Wir sind Helden.

Der Sprecher der Organisation Ausgestrahlt, Jochen Stay, erklärte, die Aktionen seien "nur der Auftakt für eine neue starke Anti-AKW-Bewegung". "Wir werden jetzt nicht mehr lockerlassen, bis die Atomkraftwerke endgültig stillgelegt werden." Die Demonstranten verlangten von der schwarz-gelben Bundesregierung, dass sie nicht länger die Interessen von Stromkonzernen vertrete, "sondern auf die Bevölkerung hört, die nicht bereit ist, die Risiken der Atomenergie weiter hinzunehmen".

Kritiker in der Union machen Front gegen Merkels Politik

Inzwischen formiert sich in der schwarz-gelben Koalition Widerstand gegen das von Kanzlerin Angela Merkel durchgesetzte Atommoratorium. "In der Atomfrage wurde überhitzt eine Entscheidung getroffen, die unsere Glaubwürdigkeit in Frage stellt", sagte der CDU-Energiepolitiker Thomas Bareiß dem SPIEGEL. "Unsere bisherige Argumentation in der Kernenergie ist in sich zusammengefallen."

Auch der für Wirtschaft mit zuständige Fraktionsvize Michael Fuchs (CDU) warnt: "Wenn diese sieben Kraftwerke nicht mehr ans Netz gehen, wird es schwieriger, unsere ambitionierten Klimaschutzziele zu erreichen." Fuchs befürchtet, dass auf den Steuerzahler finanzielle Belastungen zukommen. Ähnlich argumentiert der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Joachim Pfeiffer: "Wenn wir jetzt die günstigen Kernkraft-Erzeugungskapazitäten vom Netz nehmen, wird dies den Druck auf die Strompreise noch einmal drastisch erhöhen. Wir können es uns nicht leisten, dass die stromintensiven Industrien deswegen aus Deutschland weggehen."

Merkel verteidigt Atomkehrtwende

Merkel wies am Samstag bei der Schlusskundgebung im Landtagswahlkampf der rheinland-pfälzischen CDU den Vorwurf zurück, ihre Kehrtwende in der Atompolitik sei nur Wahlkampfmanöver. "Ob nun Wahlkampf ist oder ob kein Wahlkampf ist, und ob Japan 9000 Kilometer weg ist oder nicht: Dass ein vernünftiger Mensch in einer solchen Situation einfach mal innehält und sagt, auch ich kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen (...), das ist einfach der gesunde Menschenverstand, den wir da anwenden", sagte sie in Trier. Es sei "der Sache angemessen", sich dafür eine Ruhepause von drei Monaten zu gönnen.

Bei der Katastrophe in Japan seien mit dem Erdbeben und der Flutwelle "unwahrscheinliche Dinge" zusammengekommen: "Und deshalb müssen auch wir uns fragen, ob auch bei uns unwahrscheinliche Dinge zusammenkommen können", sagte Merkel vor rund 800 Zuhörern.

Die Regierung wolle ein zukunftsfähiges Energiekonzept, so Merkel: "Und wenn diese Landtagswahlen rum sind, dann wird sehr erkennbar werden, dass die Bundesregierung genau an diesem Energiekonzept Schritt für Schritt weiterarbeitet." Es gehe um einen Ausstieg aus der Kernenergie mit Augenmaß. Ein sofortiges Abschalten aller Atommeiler sei nicht möglich. Wer gegen Atomkraft demonstriere, müsse auch bereit sein, Stromleitungen für den Transport von Windenergie vom Norden in den Süden zu akzeptieren. "Kopf in den Sand und überall an der Spitze der Demonstranten stehen, das ist nicht zu machen."

yes/dpa/AP

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insgesamt 487 Beiträge
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1. Freudige Nachricht
geistigmoralischewende 26.03.2011
Zitat von sysopDie*Anti-Atom-Bewegung*in Deutschland*bekommt durch die Katastrophe in Japan kräftigen Rückenwind: Zehntausende Kernkraftgegner demonstrierten in*vier Großstädten*gegen den Weiterbetrieb von Reaktoren.*Die Veranstalter sehen die*Veranstaltungen nur als Auftakt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,753341,00.html
Schöne Perspektive! Natürlich unterstütze ich diese Bewegung aus besten Kräften!
2. Hoffentlich
naturfreund 26.03.2011
Hoffentlich führt dieser Protest wirklich zum Ende aller Atomkraftwerke, sowohl in Deutschland, als auch in aller Welt. Niemand kann die Verantwortung für die Folgen der Atomtechnologie übernehmen. Daher wäre es Pflicht einer verantwortungsvollen Regierung, diesen Spuk sofort zu beenden. Wenn die Regierung es nicht kann, muss es das Volk tun, sonst wird es mit den Folgen leben müssen. Das ist wie ein verlorener Krieg. Der hoffentlich erfolgreiche Protest ist reiner Selbstschutz.
3. Bis zur Grenze und keinen Schritt weiter
Klapperschlange 26.03.2011
Zitat von naturfreundHoffentlich führt dieser Protest wirklich zum Ende aller Atomkraftwerke, sowohl in Deutschland, als auch in aller Welt. Niemand kann die Verantwortung für die Folgen der Atomtechnologie übernehmen. Daher wäre es Pflicht einer verantwortungsvollen Regierung, diesen Spuk sofort zu beenden. Wenn die Regierung es nicht kann, muss es das Volk tun, sonst wird es mit den Folgen leben müssen. Das ist wie ein verlorener Krieg. Der hoffentlich erfolgreiche Protest ist reiner Selbstschutz.
An den Grenzen Deutschlands hört dieser Wahn auf! Kein anderes Land dieser Welt ist so bescheuert, wie Deutschland. Ich hoffe auf Verdoppelung der Strompreise und den Bezug von Strom von ausländischen AKWs.
4. 2 Mal in 25 Jahren statt 1 Mal in 100000 Jahren
mr future 26.03.2011
Zitat von sysopDie*Anti-Atom-Bewegung*in Deutschland*bekommt durch die Katastrophe in Japan kräftigen Rückenwind: Zehntausende Kernkraftgegner demonstrierten in*vier Großstädten*gegen den Weiterbetrieb von Reaktoren.*Die Veranstalter sehen die*Veranstaltungen nur als Auftakt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,753341,00.html
Da müssen wir uns doch bedroht und verschaukelt vorkommen. Wenn Helmut Kohl, der schon als Kanzler meinte, das Restrisiko vertreten zu können, jetzt noch einmal die alten Mächte stärkt sollen doch bitte die Anti-Atom Kräfte in der CDU ihre Stimme deutlich erheben. Von dieser Gruppe kam in den letzten Tagen entäuschend wenig. Weniger als von einem Aufrechten in der CSU: Josef Göppel! re future
5. Das Liebe Atom...
sporti1304 26.03.2011
Die Proteste sind berechtigt, die Frage ist ob es was bringt, ich bin mir sehr sicheer das die AKWs in dreim monaten wieder lafuen und das bis 2040, wenn sie das aushalten, dennoch es wird zeit für ein umdenken auch in er Union, was leider nicht wirklich der fall ist, denn bei der momentanen Debatte handelt es sich um Wahlkampf.! http://irrwelt.wordpress.com/2011/03/26/morgen-wird-gewahlt-baden-wurttemberg-rheinland-pfalz/
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Atomkraft in Deutschland
Leistung älterer Kernkraftwerke
Leistung älterer deutscher Kernkraftwerke
Kraftwerk Betriebs-
start
Defekte Netto-
leistung
in MW
Brunsbüttel 1977 80 771
Isar 1 1979 44 878
Neckarwestheim 1 1976 47 785
Philippsburg 1 1980 39 890
Biblis A 1974 66 1167
Biblis B 1976 78 1240
Unterweser 1978 49 1345
Gesamt 7076
Quelle: Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz, IAEA - Power Reactor Information System, Informationskreis KernEnergie
Umsätze Altreaktoren
Durchschnittliche Jahresstromproduktion und Gesamtumsatz Altreaktoren
Kraftwerk Leistung in MW Produktion in TWh
Biblis A 1167 8,1
Neckarwestheim 1 785 5,4
Biblis B 1240 8,6
Brunsbüttel 771 0,0 (nicht am Netz)
Isar 1 878 6,1
Unterweser 1345 9,3
Philippsburg 1 890 6,1
Gesamt 7076 43,6
Jahresumsatz gesamt in Mio. € 2310
Quelle: Energiekonzerne, Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz; Berechnungen: Wolfgang Pfaffenberger. Ausgegangen wird von einer Jahresproduktion von 6900 Volllaststunden und dem Grundlastpreis vom 15.3.11 (53 Millionen Euro pro Terawattstunde).
Reststrommengen der Altmeiler
Reststrommengen der Altmeiler
Kraftwerk Reststrom 1. Januar 2011 Reststrom aktuell*
Biblis A 4305 3332
Biblis B (in Revision) 4961 7490
Neckarwestheim I 188 0
Brunsbüttel (nicht am Netz) 10999 10999
Isar 1 3585 2276
Unterweser 13572 11344
Philippsburg 1 9869 8518
Gesamt 43959
 
Umsatzpotential in Mio. € 2329
Quellen: Bundesamt für Strahlenschutz, VGB. * Eigene Berechnungen (Reststrom 1. Januar 2011 minus [Jahreswert 2010 geteilt durch 12 mal 2,5 Monate]). Die Tabelle gibt die Reststrommengen ohne die im vergangenen Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung wieder.
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