Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

DGB-Party: Gewerkschafter lassen Verschwörungstheoretiker rappen

Von Alexandra Sillgitt

Sie machen die USA für den Terror am 11. September verantwortlich, werfen ihnen vor, Soldaten absichtlich geopfert zu haben, "um in den Zweiten Weltkrieg einzugreifen": Die Hip-Hop-Truppe "Die Bandbreite" verbreitet wüste Verschwörungspolemik. Jetzt durfte sie erneut bei einem Gewerkschaftsfest auftreten.

Nürnberg - Gegen Azubi-Ausbeute und Lehrstellenmangel: Zunächst ging es auf dem Aktionsfest der Gewerkschaftsjugend am Samstag in Nürnberg um klassische Inhalte. Doch als die Duisburger Gruppe "Die Bandbreite" die Bühne betrat, waren Gewerkschaftsthemen passé. Lautstark wetterte sie gegen US-Präsident George W. Bush und den Irak-Krieg. Ihre Botschaft: Der 11. September sei von den USA inszeniert worden, um den Einmarsch in Afghanistan und in den Irak zu legitimieren. Damit sorgen sie auch im Internet für Aufsehen, so bei YouTube, wo das Video zu ihrem aktuellen Song "Selbst gemacht" bereits tausendfach angeklickt wurde.

40 Minuten spielte die Band auf dem Aktionsfest, auch "Selbst gemacht". Darin rappt Frontmann Marcel Wojnarowicz alias Wojna: "Habt ihr (die USA) eure eignen Leute getötet, weil ihr das Öl da drüben so dringend benötigt?"

"Ich habe sehr viel recherchiert, habe Dokumentationen angeschaut und im Internet geforscht", sagt Wojna zu SPIEGEL ONLINE. Er wolle die Wahrheit verbreiten, seine Wahrheit: "Die Amerikaner sind selbst für den Terrorismus verantwortlich."

"Ich hör das zum ersten Mal", sagt Mario Patuzzi, Landesjugendsekretär des DGB Bayern, der die Veranstaltung mitorganisiert und auch daran teilgenommen hat. Die verbalen Entgleisungen von "Bandbreite" will er nicht mitbekommen haben. Matthias Jena von der IG Metall Bayern zeigt sich, von SPIEGEL ONLINE mit den Textzeilen konfrontiert, schockiert: "Wir teilen in keiner Weise diese abstrusen Theorien."

Die USA als Täter und nicht als Opfer des 11. September, das ist eine beliebte These unter Verschwörungstheoretikern. Die Musiker von "Bandbreite" holen in ihrem Lied zum historischen Rundumschlag gegen die US-Politik der vergangenen 60 Jahre aus: vom Zweiten Weltkrieg über Vietnam hin zu Afghanistan und Irak.

"Die USA sind immer mit Lügen in einen Krieg eingestiegen", rechtfertigt Wojna gegenüber SPIEGEL ONLINE seinen Text, in dem er die USA beschuldigt, sie hätten die eigenen "Leute geopfert im Massaker von Pearl Harbor, ja die bösen Japaner, die euch nur dabei halfen, endlich mit in den Zweiten Weltkrieg einzugreifen".

Gewerkschaften in Erklärungsnot

Vor zwei Wochen musste sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) dafür rechtfertigen, dass er einen Integrationssong mit dem Sänger Muhabbet aufgenommen hatte, der wegen angeblichen islamistischen Äußerungen kritisiert wurde. Jetzt geraten die Gewerkschaften in Erklärungsnot. Denn seit vier Monaten kann man das Video zu "Selbst gemacht" aus dem Netz herunterladen, die Duisburger Band war aufgrund des Inhalts in den letzten zwei Monaten stark in den westfälischen Medien präsent. Den Text, den Wojna wiederholt in Radio und Zeitung gerechtfertigt hat, stellt "Die Bandbreite" zum Nachlesen auf der eigenen Webseite zur Verfügung.

Die IG Metall Jugend habe ihm "Die Bandbreite" empfohlen, erklärt Patuzzi. Für die schrieb Wojna 2005 den Titelsong der Kampagne "Wir können auch anders". Zuvor waren die Hip-Hopper allerdings schon beim DGB Duisburg und auf der Landesjugendkonferenz der Gewerkschaft aufgetreten. 2007 rappten sie am "Tag der Arbeit" für den DGB Münster.

Die Band hat einen stark gewerkschaftlichen Hintergrund: Torben Pape alias DJ Torben von der "Bandbreite" ist aktives Mitglied im Ortsjugendausschuss der IG Metall Duisburg und das Logo der IG Metall Jugend zierte auch schon das Cover der Band-CD.

"Kyoto ist ein Dreck für dich"

Der US-Präsident und seine Regierung sind seit Jahren beliebtes Ziel von "Bandbreite". "Ich habe ein Recht, meine Meinung frei zu äußern", rechtfertigt sich Wojna gegenüber SPIEGEL ONLINE.

In "An den Präsidenten" besingt er den "Tag, an dem du (Bush) die Demokratie ermordet hast." Der Musikpädagoge, der an Schulen Rap-Unterricht erteilt, orakelt: "Nicht mehr lange, und es gibt ein Wiedersehen in der Hölle mit Osama bin Laden und Saddam Hussein."

Auf dem Aktionstag in Nürnberg hat die DGB Jugend der Polemik des Rappers gegen die USA und Bush ein Forum geboten - wohl zum letzten Mal. "Diese Band wird nicht mehr bei Veranstaltungen der IG Metall Bayern und der DGB Jugend auftreten", sagt Jena.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: