Berlin - Sie kann gar nicht genug davon bekommen. Claudia Roth steht in einem lila Gewand auf der Bühne des Parteitags und boxt. Wirft. Und kickt. Einen grünen Riesenballon nach dem anderen befördert die Parteichefin so wieder zurück in die Halle. 58 dieser Ballons - auf jedem der Titel eines grünen Wahlkampfthemas - schweben über den Köpfen der Delegierten hin und her. Dazu spielt eine Blaskapelle. Großes Parteitagsfinale also, wie immer bei den Grünen mit großem Tamtam.
Da ist Roth, 57, in ihrem Element. Solche Inszenierungen liebt die gelernte Theaterdramaturgin. Für die Grünen-Chefin kann es gar nicht genug Drama geben in der Politik. Je höher die Emotionen ausschlagen, desto besser. Es gibt Beobachter, die bei jedem Roth-Auftritt Wetten darauf abschließen, ob sie diesmal wieder weint.
Das ist der Grund, warum man bei Union und FDP so gerne über Claudia Roth herzieht, sie als grüne Gutmenschlerin durch den Kakao zieht. Auch in der eigenen Partei hört man immer wieder genervte Kommentare über "die Claudi", Vorsitzende seit 2004. Und die grüne Basis - nicht zu verwechseln mit Parteitagsdelegierten - zeigte ihr im vergangenen Herbst deutlich, dass sie als Spitzenkandidatin nicht in Frage kommt: Bei der Urwahl landete sie hinter Jürgen Trittin, Katrin Göring-Eckardt und Renate Künast auf dem letzten Platz.
Und doch ist Claudia Roth, das zeigte der Parteitag in Berlin, schlicht unverzichtbar für die Grünen. Vielleicht war ihr Wert sogar nie größer als in diesen Tagen.
Da kommt Stimmung auf
Roths Parteitagsrede am Samstagmittag wirkte wie eine Art Weckruf für die Delegierten. Bis dahin war das Treffen im Berliner Velodrom vor sich hin geplätschert: Der Steuerstreit zwischen Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Berliner Führung fand außerhalb der Radrennhalle statt, die Spitzenkandidaten Göring-Eckardt und Trittin enttäuschten mit blassen Reden.
Und dann kam Roth. "Ich freu' mich narrisch auf einen Wahlkampf mit euch", rief sie den Delegierten zu. Innerhalb weniger Minuten kochte der Saal. Vor allem ihre Attacken auf die schwarz-gelbe Regierung zündeten.
Beispiele: "Bei der CSU kommt die Moral nicht mal nach dem Fressen" - so kommentierte Roth die jüngst bekannt gewordene Praxis, wonach christsoziale Landtagsabgeordnete nahe Verwandte beschäftigen. Von wegen christliche Moral, tobte Roth: "Denen soll wirklich das Kruzifix von der Wand fallen." Und die CDU sei auch nicht viel besser. Die jüngsten Versprechen in Sachen Frauenquote kämen ihr vor, lästerte Roth, "wie die Wundertüte auf dem Kindergeburtstag - leider hat Mama nur Nieten reingetan".
Das war der Hammer
Auch andere versuchen sich bei den Grünen an dieser Art von Bierzeltstimmung - aber niemand kann das so gut wie die Augsburgerin Roth. Und keiner spricht so die Seele grüner Delegierter an wie die Vorsitzende und führende Parteilinke bei Themen wie Flüchtlingspolitik, Rechtsextremismus, Armut. "Ihre Auftritt war der Hammer", solche Sätze hörte man am Samstag auch von Leuten vom Realo-Flügel, die gemeinhin nicht als Roth-Freunde bekannt sind.
Nach der Urwahl-Pleite wollte Claudia Roth hinschmeißen. Aber was hat sie außer der Politik, ihrer Partei? Dass das Weitermachen richtig war, auch im Interesse der Grünen, zeigt der Berliner Parteitag. Die Spitzenkandidaten Göring-Eckardt und Trittin sind die Aushängeschilder in der Öffentlichkeit, dazu kommt der Stuttgarter Regierungschef Kretschmann - aber Roth stellt die Verbindung der Führungsriege zum Mittelbau der Partei her. Das sind jene Grünen, die ganze Wochenenden in stickigen Hallen sitzen und noch den letzten Spiegelstrich mit höchster Disziplin beraten.
Damit wird die Vorsitzende für den Fall einer grünen Regierungsbeteiligung im Herbst noch wichtiger: Dann werden Parteitage von den Delegierten Entscheidungen erfordern, für die es große Überzeugungskunst braucht. Roth hat in den letzten beiden rot-grünen Jahren unter Gerhard Schröder 2004 und 2005 schon einmal bewiesen, dass sie dafür die Richtige ist.
Allerdings dürfte Claudia Roth dann nicht mehr oben auf ihrem Bühnenstammplatz am Podium des Bundesvorstands sitzen. Sollte es am 22. September klappen mit dem Regieren, kann sie sich berechtigte Hoffnungen auf ein Ministeramt machen. Aber das würde wohl nichts an ihrer Rolle für die Grünen ändern.
Und - nein, sie hat bei ihrer Parteitagsrede wieder nicht geweint.
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