Die Grünen: Ö ist das neue C

Eine Analyse von Franz Walter

Mit Katrin Göring-Eckardt haben die Grünen eine Kirchenfrau an ihre Spitze gewählt. Die Entscheidung markiert das Ende eines Umbruchs: Die Partei ist schon lange keine linke Kampftruppe mehr, sondern hat endgültig die Mitte der Gesellschaft erreicht - mit konservativen Botschaften.

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Katrin Göring-Eckardt also, verheiratet mit einem evangelischen Pfarrer, mit Anfang 20 selber einige Jahre Studentin der Theologie in Leipzig, heute Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands. Oft beschreibt man sie als bürgerlich, wertekonservativ, kühl. Man zeichnet sie als Kontrastfigur zu Claudia Roth, die mehr emotional, rhetorisch links, mit dem sichtbaren Hauch alternativer Boheme der frühen Kohl-Jahre ausgestattet ist.

Doch nicht Frau Roth repräsentiert die Grünen im Wahljahr 2012/13, sondern die Frau der Kirche, des Osten Deutschlands, der bürgerlichen Wertegemeinschaft rund um das protestantische Pfarrhaus. Eine Zäsur in der Geschichte der Grünen? Die Neuerfindung einer Partei?

Nein, einen überraschenden Einschnitt erleben wir nicht. Die Entscheidung für die Kandidatin aus Thüringen ist Ausdruck einer Entwicklung, die sich bereits in den neunziger Jahren abzuzeichnen begann und nun ihren erkennbaren Abschluss fand. Eigentlich ist es ganz trivial: Die Zeit ist längst passé, in der man Grüne mit antibürgerlich, provozierend, gegenkulturell, systemskeptisch, kapitalismuskritisch, kurz: als eine wie auch immer geartete linke Kampftruppe randständiger Oppositionsbewegungen charakterisieren konnte. Das mag noch für die achtziger Jahre halbwegs zutreffen. Indes, die Zahl der Grünen-Mitglieder, die in diesem Jahrzehnt schon in der Ökopartei organisiert waren, ist mittlerweile zu einer kleinen Minderheit geschrumpft.

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Doch selbst diese Minorität - vor einem Vierteljahrhundert noch oft jung, studentisch, rebellisch - ist wie die Neu-Grünen vollauf im sozialen, kulturellen und politischen Zentrum der Gesellschaft angekommen. Bei den 35- bis 55-Jährigen haben die Grünen den solidesten Teil ihrer Stammwählerschaft. Überhaupt kann keine andere Partei mit einer Wählerschaft renommieren, in der so viele im aktiven Arbeitsleben stehen und Steuern zahlen. Am wenigstens dazu in der Lage ist übrigens die CDU, deren Elektorat sich am stärksten aus Transferempfängern zusammensetzt.

Grünen: Die Inkarnation der Bürgerlichkeit

Mittlerweile dürfte sich ebenso herumgesprochen haben, dass die Grünen-Anhängerschaft auch vom Einkommen her die Partei der Besserverdienenden schlechthin konstituieren. Und wenn man Bürgerlichkeit unter anderem über höhere Bildungsabschlüsse definiert, dann ist die Ökoformation erst recht die Inkarnation der Bürgerlichkeit hierzulande, wieder ganz im Unterschied zur Union, die in der letzten Dekade ihre gravierendsten Einbußen bei den Akademikern hinnehmen musste.

Und schaut man auf die Berufe, dann konnten sich die Grünen zuletzt auf hohe Wahl- und Zustimmungswerte besonders in zwei Gruppen verlassen: bei den Beamten des höheren Dienstes und bei den Unternehmern. In ihren historischen Anfängen zogen die Grünen noch viel Antriebskraft aus der antibürgerlichen Pose, jetzt aber bilden sie selbst den Nukleus des Bürgertums in Deutschland.

Vom Sozialprofil gar noch ein Stückchen bürgerlicher als im Westen ist die Wählerschaft der Ökopartei im Osten Deutschlands. Seit den letzten zwei Bundestagswahlen gelingt es ihr, auch auf diesem lange als sozialkulturell widrig angesehenen Terrain flächendeckend über die Fünf-Prozent-Grenze zu gelangen. Auch aus diesem Grund war die Kür von Frau Göring-Eckardt nur folgerichtig.

Ein Wandel hin zum Protestantischen und Weiblichen

Sie reiht sich ein in einen gesamtnationalen und lagerübergreifenden Trend, der den Wandel gegenüber der früheren rheinisch-katholischen westdeutschen Republik reflektiert. Das Land wird protestantischer, zumindest von der Sozialisation, der Sprache, der Attitüde ihrer politischen Protagonisten. Erst Merkel, dann Gauck, jetzt Göring-Eckardt und dazwischen schon De Maizière, Kauder, Schäuble, von der Leyen.

Dieses Bürgertum ist überdies in vielerlei Hinsicht weiblicher denn je. Die Grünen sind auch hier Ferment und Spiegel der Entwicklung. Gerade bei den jungen Wählerinnen mit Abitur haben sie CDU und SPD deutlich hinter sich gelassen. In diesem Zukunftssegment scheinen sich die früheren Volksparteien nicht mehr hinreichend zu reproduzieren.

Seit Jahren lässt sich auch eine bemerkenswerte Veränderung des Wertehorizonts im Milieu der Postmateriellen feststellen. Die Grünen entstanden bekanntlich als eine Partei des Wertewandels, also der Fortentwicklung von kirchlich-klerikalen, spießigen Disziplin- und Ordnungsnormen hin zu libertären, individualistischen, säkularisierten und freigeistigen Orientierungen. Mittlerweile aber ist ein weitreichender Wandel des Wertewandels zu beobachten.

Schon vor einigen Jahren musste die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung mit Verblüffung am Ende einer Erhebung konstatieren, dass Anhänger der Grünen Moral- und Ethikgebote wichtiger nehmen als die des christdemokratischen Lieblingspartners FDP. Grüne hatten während ihrer postadoleszenten Jahre überwiegend ein positives Kirchenbild angenommen. Jeweils zwei Drittel der Sympathisanten von Union und Grünen unterschrieben die Aussage, dass Gott in jedem menschlichen Leben wirksam und erfahrbar ist. In den Wählerlagern der anderen Parteien sind die Distanzen zur Religiosität weit größer.

Wandlung zum altbürgerlichen Konservatismus

Doch auch in anderer Hinsicht ist der Wandel des Wertewandels markant. Claudia Roth etwa ist noch durch und durch eine Vertreterin der achtziger Lebensformen, der demonstrativ anti-konservativen Protestkultur. Für die Zugehörigen der gegenwärtigen grünen Lebensmilieus gilt das längst nicht mehr. Dort vollzieht sich vielmehr seit einiger Zeit eine lange kaum für möglich gehaltene Synthese von Werten zum altbürgerlichen Konservatismus mit einigen Basismaximen des früheren Gegners.

Das grüne Bürgertum hält wohl weiterhin an den Selbstzuschreibungen des Eigensinns, der Emanzipation, der Partizipation fest, kombiniert sie aber im familiären Alltag - gerade wenn Kinder zu erziehen sind - nunmehr mit Tugenden, die noch in den achtziger Jahren herablassend als sekundär verworfen wurden: Pünktlichkeit, Höflichkeit, Verlässlichkeit, Rücksicht. Der eigene Nachwuchs wird zu respektvollen Umgangsformen angehalten.

Postmaterielle, die in ihren jungen Jahren die Leistungsgesellschaft noch scharf angriffen, gelten den Milieu- und Werteforschern heute als weit überdurchschnittlich leistungsbereit und leistungsfähig, wenngleich sie nach wie vor das Etikett leistungsorientiert vehement von sich weisen. Stattdessen bestehen sie darauf, dass Leistung mit Selbstbestimmung zwingend verknüpft sein muss. Angesichts der Erfahrungen mit der Schul- und Hochschulzeit ihrer Töchter und Söhne während der Gymnasial- und Bologna-Reformen hat sich ihr Argwohn gegen einen einförmig fixierten Leistungs(druck)imperativ bewahrt, wenn nicht sogar vertieft.

Für Natur, Umwelt, eben Bio sind gegenwärtig irgendwie alle

Nur: Damit stehen sie nicht (mehr) allein da im deutschen Bürgertum. Auch Anhänger der CDU haben in den letzten Jahren ihr Unbehagen gegenüber diese Art von Leistungsüberdrehung, die zulasten von reflexiver Bildung und autonomer Individualität geht, vernehmlich kundgetan. Sehr weit jedenfalls sind christdemokratische Bürgerliche von Grün-Bürgerlichen in dieser Frage nicht entfernt. In vielerlei Hinsicht haben die Grünen das Erbe der CDU sogar übernommen.

Das "Ö" der Ökologie hat das "C" der Christdemokraten und der Christsozialen im politischen Feld zumindest in Teilen ersetzt. Für Natur, Umwelt, eben Bio sind gegenwärtig irgendwie alle. Der Naturbezug hat in der bundesdeutschen Gesellschaft der früheren Religiosität gleichsam den Rang abgelaufen. Natur ist nun der neubürgerliche Sinnstifter. Natur gilt es zu bewahren, gegen Eingriffe zu schützen - alles genuin konservative Zielsetzungen also.

Insofern müssten bei der CDU an diesem Wochenende die Alarmglocken kräftig läuten. Kretschmann und Göring-Eckardt - in derartigen Führungsfiguren drückt sich der bürgerlich-wertekonservative Wandel der Grünen kongenial aus, zu einem Zeitpunkt, da wiederum die CDU im Grunde nicht mehr weiß, was konservativ und bürgerlich überhaupt noch für sie real bedeutet. Das kann zur elementaren Gefahr für die Christdemokraten werden, aber natürlich auch - bevor die Sozialdemokraten sich zu früh freuen sollten - zur Chance der bedingungslos elastischen Angela Merkel auf neue Bürgerlichkeiten in den Koalitionsvarianten der Republik.

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insgesamt 183 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wolkenthron
Peter_Lublewski 11.11.2012
Zitat von sysopdapdMit Katrin Göring-Eckardt haben die Grünen eine Kirchenfrau an ihre Spitze gewählt. Die Entscheidung markiert das Ende eines Umbruchs: Die Partei ist schon lange keine linke Kampftruppe mehr, sondern hat endgültig die Mitte der Gesellschaft erreicht - mit konservativen Botschaften. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-gruenen-die-partei-hat-laegst-die-mitte-der-gesellschaft-erreicht-a-866492.html
Das ist beleidigend für die Mitte der Gesellschaft. Die Grünen sind nur mittlerweile dort angekommen, wo die Vertreter der "alten" Parteien schon lange sitzen: Auf einem Wolkenthron, Lichtjahre von den sie immer noch wählenden Bürgern entfernt, borniert, vollgefressen, ohne jegliches Interesse an den Menschen, die sie vertreten sollen - ein lächerlicher Haufen von Egomanen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht.
2. Die CDSUFDP links zu ueberholen ....
Worldwatch 11.11.2012
... ist fuer alle Parteien, ausser der Linken vielleicht, schwer geworden. Und, ja, mit dem neu gewichteten 'C' bei den Gruenen kommt nun auch das konservative Waehlerpotential in Sicht.
3. Roth muss bleiben
Adam_Sapfel 11.11.2012
Zitat von sysopdapdMit Katrin Göring-Eckardt haben die Grünen eine Kirchenfrau an ihre Spitze gewählt. Die Entscheidung markiert das Ende eines Umbruchs: Die Partei ist schon lange keine linke Kampftruppe mehr, sondern hat endgültig die Mitte der Gesellschaft erreicht - mit konservativen Botschaften. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-gruenen-die-partei-hat-laegst-die-mitte-der-gesellschaft-erreicht-a-866492.html
Hoffentlich bleibt C.Roth, denn sollte sie gehen würden noch mehr Irre die Grünen wählen.
4.
Quentin_Quencher 11.11.2012
Zitat von sysopdapdMit Katrin Göring-Eckardt haben die Grünen eine Kirchenfrau an ihre Spitze gewählt. Die Entscheidung markiert das Ende eines Umbruchs: Die Partei ist schon lange keine linke Kampftruppe mehr, sondern hat endgültig die Mitte der Gesellschaft erreicht - mit konservativen Botschaften. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-gruenen-die-partei-hat-laegst-die-mitte-der-gesellschaft-erreicht-a-866492.html
Im Prinzip stimme ich der Analyse von Franz Walter zu. Allerdings mit dem Zusatz, dass die Grünen heute spießiger als die Schwarzen sind. Und noch mehr, sie sind vor allem dogmatischer. Während die Schwarzen im Laufe der Zeit Toleranz erlernt haben, steht das den Grünen noch bevor. Damit dürften sie sich schwer tun, weil Toleranz nicht kompatibel ist mit einer im Grunde missionierenden grünen Grundhaltung. Wenn auch Werte und Anschauungen bei beiden eine große Schnittmenge haben, vor allem Wertevorstellungen, so ist bei den Grünen eine Ideologie als Grundhaltung vorhanden, was es denen schwer machen wird Toleranz gegenüber Andersdenkenden zu üben. Wer den Vorstellungen von Nachhaltigkeit, so wie es die Grünen und weite Teile der Schwarzen haben, nicht anhängt, ja diese geradezu für Unfug hält, kann und wird von den Grünen nicht toleriert werden. Ich betrachte diese Entwicklung mit Sorge.
5. schön
pjcomment 11.11.2012
Sehr schön - so können wir wieder einige unserer Stereotypen über Bord werfen. Weniger Schubladendenken - das kann Politik in diesem Lande intelligenter machen.
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Zum Autor
Uni Göttingen
Franz Walter, Jahrgang 1956, ist Parteienforscher und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Seit März 2010 leitet er das Göttinger Institut für Demokratieforschung. Walter schreibt regelmäßig für SPIEGEL ONLINE.

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