Auftakt zum Grünen-Parteitag "Geht's noch?"

Ein Gaststar aus den Niederlanden, Katy Perry aus der Konserve, Standing Ovations: Zum Auftakt ihres Parteitags verbreiten die Grünen Optimismus. Die Konflikte zwischen Linken und Realos brechen trotzdem durch.

Canan Bayram
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Canan Bayram


Mit Pop-Hits und einer Bühnenshow haben die Grünen versucht, ein Signal des Aufbruchs und Optimismus zu verbreiten. Am Freitag begann der Parteitag der Grünen in Berlin - es ist das letzte große Treffen dieser Art vor der Bundestagswahl.

Das Wahlprogramm wird bis ins Detail debattiert, mehr als 2200 Änderungswünsche für die bisherige Version reichte die Basis ein.

Der erste Tag der Konferenz sollte vor allem Geschlossenheit beschwören, die Parteispitze möchte vermeiden, dass sich die eigenen Leute in Zeiten schlechter Umfragewerte zerlegen. "Dieser Parteitag muss die Wende bringen", hatte Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt im Vorfeld im SPIEGEL gefordert.

In Umfragen liegen die Grünen derzeit bei sieben bis acht Prozent - also noch hinter dem als enttäuschend empfunden Wahlergebnis von 2013, als sie 8,4 Prozent holten.

Es gebe bei den Grünen die Neigung, Parteifreunden Niederlagen zuzufügen, sagte Spitzenkandidat Cem Özdemir am Freitag. Die Versammlung müsse aber in dem Bewusstsein ablaufen, dass es um etwas Größeres gehe. "Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und dieses Land mitzugestalten."

Katrin Göring-Eckardt, Cem Özdemir, Jesse Klaver
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Katrin Göring-Eckardt, Cem Özdemir, Jesse Klaver

Außer mit der AfD wolle man keine Koalition ausschließen. "Wenn alle alles ausschließen, bleibt am Ende nur die Große Koalition." Und die solle abgelöst werden. In Schleswig-Holstein sind die Grünen gerade ein Bündnis mit CDU und FDP eingegangen.

Özdemir holte für seine Rede Dutzende Bundestagskandidaten auf die Bühne und ließ die Ankündigung seines Auftritts mit einem Song von Katy Perry beschallen. Eine Stunde lang stand er vor einem Meer aus Grünen, sprach erst auf Englisch für die internationalen Gäste, dann auf Deutsch - am Ende genoss er in schweißdurchtränktem Hemd die Standing Ovations im Saal.

Cem Özdemir, Winfried Kretschmann
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Cem Özdemir, Winfried Kretschmann

Die Spitzenkandidatin Göring-Eckardt sagte, mit dem Themendreiklang Ökologie, Gerechtigkeit und Vielfalt zeigten die Grünen, "dass wir für das ganze Land denken und nicht nur für eine bestimmte Klientel".

"Einfach mal die Fresse halten"

Dass der Parteitag nicht ohne Konflikte zwischen dem linken Flügel und den Realos bleibt, wurde schnell klar. Viele Links-Grüne sind mit dem realpolitischen Kurs des Spitzenduos nicht zufrieden. "Lasst uns Grüne radikale Programme beschließen, damit wir die Menschen nicht im Stich lassen", forderte Canan Bayram, Nachfolgerin des "Alt-Grünen" Hans-Christian Ströbele in dessen Wahlkreis.

Zum Abschluss ihrer Rede teilte sie gegen den in der Partei umstrittenen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer aus, der ein Buch über Integration mit dem Titel "Wir können nicht allen helfen" geschrieben hat. "Da sage ich ganz ehrlich - geht's noch? Einfach mal die Fresse halten." Teile des Saals reagierten mit Applaus und Jubel.

Unterstützung für Özdemir und Göring-Eckardt kam von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, einem der prominentesten "Realos". Sie seien "erfahrene und seriöse Spitzenkandidaten", sagte Kretschmann. Mit ihrem Einsatz für Klima- und Artenschutz seien die Grünen heute wichtiger denn je.

Ströbele wird lange bejubelt

Ströbele, der sich im Herbst aus dem Bundestag zurückzieht, bekam schon vor seiner Rede langen Applaus. Er wies kritisch darauf hin, dass im Entwurf des Wahlprogramms aus seiner Sicht nichts Aussagekräftiges zu Kriegseinsätzen der Bundeswehr stehe. Darüber solle man auf dem Parteitag sprechen.

"Ich habe aufmerksam die zehn Punkte durchgelesen und auch das Programm: über Kriegseinsätze gibt es da keinen Leitfaden, wie sich Grüne verhalten, egal in welcher Koalition", sagte Ströbele. "Die Wählerinnen und Wähler wollen von uns eine Antwort auf solche Fragen haben", forderte er. Am Ende seiner Rede reckte er kämpferisch seinen Krückstock in die Höhe.

Hans-Christian Ströbele
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Hans-Christian Ströbele

Der Chef der niederländischen Grünen, Jesse Klaver, hatte einen aufwendig inszenierten Gastauftritt. Die beiden Spitzenkandidaten liefen mit ihm durch die Halle, dazu wummerten die Black Eyed Peas. Klaver rief seine deutschen Parteifreunde auf, zu ihren Idealen zu stehen. Bei den Wahlen im März in den Niederlanden hatte die Partei GroenLinks ihre Stimmen vervierfacht und war auf über neun Prozent gekommen. "Wir erleben das Ende der Ära der etablierten Parteien", sagte der 31-Jährige.

Mit den Themen Klimaschutz, Integration und Europa wollen die Grünen nach der Bundestagswahl ein respektables Ergebnis holen - und danach am liebsten mitregieren. Ziel ist ein zweistelliges Ergebnis und Platz drei hinter Union und SPD. Am Sonntag soll das Wahlprogramm endgültig verabschiedet werden.

Der Auftakt des Parteitags wurde überschattet vom Tod Helmut Kohls. Spitzenkandidat Özdemir und andere Grüne zollten dem Altkanzler Respekt.

amz/akm/dpa

insgesamt 34 Beiträge
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W/Mutbürger 16.06.2017
1. Egal
ist nicht schade drum. Eine dauermoralisierende Blockier-Partei die sich die Einführung der Unisex-Toilette auf die Fahnen geschrieben hat, braucht kein Mensch. Wir haben drängendere Probleme in Deutschland und Europa.
mymindisramblin' 16.06.2017
2. Ach ja, die Grünen...
Mensch was waren wir damals froh als sich die Grünen Anfang der 80er gründeten. Wackersdorf, saurer Regen, Pershing 2 und endlich war eine Partei da die unsere Interessen vertrat und den Etablierten in die Suppe spuckte. Und heute? Heute sind die Grünen selbst etabliert, die FDP für besserverdienende Wellnessanhänger, die ihr Gewissen beruhigen wollen, und es geht Ihnen doch nur noch um Macht. Egal mit wem koaliert wird, Hauptsache an der Regierung sein. Und Spitzenpersonal wie KGE oder Frau Peter sind doch einfach nur weltfremd und von der normalen Existenz eines durchschnittlichen Arbeitnehmers meilenweit entfernt. Abgesehen davon dass ich von deren Intelligenz nicht wirklich überzeugt bin und mich frage, wie jemand mit einem dermaßen engstirnigen Horizont in dieser Partei an die Spitze kommen konnte. Mit 19 hab ich die noch gewählt, aber jetzt schon viele Jahre nicht mehr. Die Zeit der Grünen ist vorbei, und mit immer abstruseren Forderungen zu versuchen, sein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Parteienlandschaft zu profilieren, ist kein wirklich zukunftsträchtiges Konzept.
marthaimschnee 16.06.2017
3. Was sind eigentlich "Realos"?
Das sind doch eigentlich nur Konservative, die sich in anderen Parteien aufhalten, um dort deren TINA-Philosophie durchzusetzen. Kretschmann ist das beste Beispiel dafür, der macht eine Politik, die sich praktisch nicht von der Union unterscheidet. Er wurde überhaupt nur ins Amt gewählt, weil er den Eindruck erweckte, S21 begraben zu können/wollen, nicht weil er so tolle Realpolitik versprach.Die Grünen waren eine linke Partei mit Umweltinteressen. Wenn sie das nicht mehr sein wollen, sind sie genauso überflüssig, wie die anderen Parteien, die alle ihr Heil in der Mitte zu finden glauben!
Nobody X 16.06.2017
4.
Klimaschutz wäre durchaus ein ernstzunehmendes Thema für die Grünen -- mit ihrer Einstellung zu Integration und Europa werden sie auf die Nase fallen. Und deshalb ist die Aussage "Wir erleben das Ende der Ära der etablierten Parteien" schlicht und ergreifend Unsinn.
conny1969 16.06.2017
5. wofür steht grün ?
Das einzige was mir in Erinnerung bleibt ist Tritin und der Dosenpfand. Die Grünen haben bereits auf Bundesebene mitregiert, auch in vielen Bundesländern, Städten und Gemeinden. Unterschiede zur CDU oder SPD, gibt es nicht mehr. Machen wie alle Politik für Minderheiten, auf den Rest wird gesch........ , mal abgesehen von Steuern und Abgaben. Diese Partei Braucht kein Mensch, kein Tier und auch nicht die Natur. Schade, wal mal anders.
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