20 Jahre Rostock-Lichtenhagen: Das große Verdrängen

Von Rico Grimm, Rostock

Der Bundespräsident kommt, die Kamerateams reisen an - es ist der 20. Jahrestag der schwersten ausländerfeindlichen Krawalle in der Geschichte der Bundesrepublik. Alle Augen sind auf Rostock-Lichtenhagen gerichtet. Das passt nicht allen Bewohnern. Sie sagen: Es wurde genug erinnert.

dapd

Bei jeder Straßenbahnfahrt zu den Satellitenstädten Ostdeutschlands kommt dieser Moment der Beschleunigung. Dann geht es schnurgerade durchs Grüne und die Fahrer nehmen richtig Tempo auf. Das ist so in Jena-Lobeda oder Gera-Bieblach. Eigentlich kommt dieser Moment nur einmal. Aber auf dem Weg nach Rostock-Lichtenhagen muss der Tram-Fahrer zweimal Schwung geben, so weit ist es vom Stadtzentrum entfernt.

Vierzig Minuten dauert die Fahrt zum sogenannten Sonnenblumenhaus, in dem vor 20 Jahren die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber untergebracht war. Am 22. August 1992 wurde das Büro von einem Mob angegriffen. Bis zu 3000 Menschen, Schaulustige und Randalierer, darunter viele Rostocker, wie Zeitzeugen berichten, attackierten das Haus mit Steinen und Molotow-Cocktails. Fünf Tage herrschte Pogromstimmung im Viertel. Die Bilder von aufgehetzten Jugendlichen, von den brennenden Gebäuden und der flüchtenden Polizei gingen um die Welt. Es waren die schwersten ausländerfeindlichen Krawalle in der Geschichte der Bundesrepublik.

Da war es wieder, dieses andere Deutschland, das dunkle.

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20. Jahrestag der Randale in Rostock: Der Mob von Lichtenhagen
Das seien damals "Auswärtige" gewesen, behaupten die Bewohner des Viertels heute. Diese Leute hätten die Sinti und Roma bedrängt, die wegen Platzmangels vor der Aufnahmestelle campierten. Die "Auswärtigen" sollen es auch gewesen sein, die Molotow-Cocktails auf das Haus geworfen und so 150 Menschen, darunter vor allem ehemalige DDR-Vertragsarbeiter aus Vietnam, die Flucht versperrt haben. Die Bewohner sagen zu ihrer Verteidigung auch, dass sie mit den Vietnamesen immer gut zusammengelebt hätten.

Lichtenhagener sehen sich als Opfer fremder Mächte

20 Jahre nach den Ausschreitungen fühlen sich die Lichtenhagener hier also immer noch als Opfer fremder Mächte. Sie verdrängen ihre Rolle bei dem Pogrom. Obwohl Menschen wie Wolfgang Richter seit 20 Jahren versuchen, aufzuklären: "Begonnen hat es als eine Rostocker Angelegenheit", sagt er. Richter war damals Ausländerbeauftragter der Stadt und einer der Eingesperrten im Haus. Er war von Anbeginn der Krawalle vor Ort. Erst am Sonntag, dem 23. August 1992, seien die Rechtsextremen gekommen und hätten die Führung übernommen, sagt er. "Die Nazis sind auf einen fahrenden Zug aufgesprungen."

Als Richter in dem Haus eingeschlossen war, schwor er sich: "Wenn du hier rauskommen solltest, musst du alles tun, damit die politisch Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden." Denn Richter ist sich sicher, dass die Behörden die Krawalle hätten verhindern können, wenn sie auf die Warnungen, Sorgen und Beschwerden der Anwohner reagiert hätten.

Vor dem Sonnenblumenhaus campierten damals Roma und Sinti, die nicht in die Aufnahmestelle gelassen wurden. Sie mussten unter Balkonen leben, in Gebüschen ihre Notdurft verrichten. Es war ein heißer August. Es stank.

Die Zustände seien untragbar gewesen, sagt Erika Müller, die in der Mecklenburger Allee 18 wohnt, wo früher die Aufnahmestelle für die Asylbewerber war. "Die Politik hatte uns verlassen."

Erika Müller ist eine von wenigen Anwohnern, die offen redet und ihren Namen verrät. Denn sie haben hier schon wieder genug. Eine Passantin sagt: "Das ist doch alles so lange her, da müssen wir auch nicht mehr drüber reden." Und was das mit dem Zelt solle, weiß sie auch nicht.

Der Bundespräsident wird sprechen

Das Zelt steht auf der Wiese hinter der ehemaligen Aufnahmestelle und ist so etwas wie eine vorübergehende Gedenkstätte, extra aufgestellt zum Jahrestag von dem Rostocker Verein Bunt statt braun. Hier finden Workshops für Kinder und Jugendliche statt. Wie verloren steht das Zelt zwischen den Plattenbauten. Zum zentralen Gedenktag am Wochenende kommen noch zahlreiche Bühnen im ganzen Viertel dazu. Der Wochenmarkt fällt aus. Der Bundespräsident wird sprechen.

Vielleicht wollen viele Bewohner des Viertels lieber alles vergessen, aber die Stadt und das Land wollen weiter darüber reden. In Rostock finden rund um den Jahrestag viele Veranstaltungen zu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Toleranz statt. Auch in der Lichtenhagener Gesamtschule versuchen die Lehrer die Schüler zu "sensibilisieren". "Unser ältester Schüler wurde 1994 geboren", sagt Schulleiter Olaf Meyer. Zwei Jahre nach den Pogromen. "Viele Kinder wissen gar nicht richtig, was damals passiert ist."

Die Alten müssen den Jungen erklären, was geschehen ist. Alte wie die 60-jährige Vietnamesin Lenkeit, die ihren Nachnamen nicht öffentlich lesen will. Sie sitzt Freitagmorgen im Asia-Markt Son Ca in Rostock-Lichtenhagen und entspannt nach dem Einkauf. Lenkeit war vor 20 Jahren in dem Haus eingesperrt und konnte sich mit den anderen erst in Sicherheit bringen, nachdem sie eine Tür zum Dach aufgebrochen hatten.

"Habe immer noch Angst, wenn ich daran denke", sagt Lenkeit in holprigem Deutsch. "Aber wenn neue Leute kommen, sprechen wir darüber." Mit "neuen Leuten" meint sie andere Vietnamesen, die sich in Rostock niederlassen - und ihre Kinder. Ihnen erklären sie, wie es damals gewesen ist. Aber vielleicht erklären sie es nicht gut genug. Oder die Jungen interessiert es nicht.

Denn die 21-jährige Trâng Tran wirkt nicht so, als würde sie das alles sehr beschäftigen. Sie huscht immer wieder in schnellen Schritten durch den Markt, vom Lager zur Kasse, vorbei an tiefgefrorenen Garnelen und goldenen Buddhas und wieder zurück. "Ich glaube, dass dieses Sonnenblumenhaus gebrannt hat", sagt sie. "Ganz genau habe ich aber auch nicht verstanden, wieso das gemacht wurde."

Immer noch Angst vor den Rechtsextremen

Nur Lenkeit hat wieder Angst. Sie fürchtet sich vor dem kommenden Wochenende. "Vielleicht NPD kommt. Gefährlich." Dann muss sie los. Sie schnappt sich eine riesige Tüte mit Gemüse und noch zwei kleinere und geht hinaus durch die Tür in die heraufziehende Hitze des Tages.

Draußen vor dem Zelt geht eine Anwohnerin zum Supermarkt. Sie will namenlos bleiben: "Schreiben Sie, dass ich vor den Rechten Schiss habe." Sie wird laut, als die Sprache auf das Zelt kommt: "Da gehe ich nicht hin. Da fange ich nur wieder an zu schimpfen. Wenn die das dann wieder alles auf der Bevölkerung abladen… dann platze ich!"

Im Zelt sitzen zwei Männer und langweilen sich. Sie haben das Zelt aufgebaut und müssen es nun bewachen. Manchmal kämen Anwohner rein, um sich umzuschauen, erzählen sie. Manche würden dann sogar besorgt fragen: Ist das ein Zelt von der NPD? Wegen des Jahrestags?

Die Republik schaut wieder auf dieses Lichtenhagen. Sie will gedenken und erinnern. Viele Lichtenhagener wollen nur ihre Ruhe. Sie verdrängen. "Bei vielen wird das noch lange dauern, bis sie darüber reden können", sagt Meyer, der Schulleiter. "Weil ihnen das peinlich ist."

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