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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen

Eine Kolumne von

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Linken-Vorsitzende Kipping, Riexinger: Man ist von der Linkspartei einiges gewöhnt

Was ist mit einer Partei los, in der über unliebsame Abgeordnete wie über Abfall geredet wird? Die Linke kann ihre SED-Gene nicht verleugnen.

"Reste-Rampe" ist kein gutes Wort. Auf der Reste-Rampe landet Überzähliges, das im Wert so gesunken ist, dass man froh sein kann, wenn sich noch jemand dafür interessiert. Was man dort nicht mehr loswird, kommt in den Abfall. Wer im Zusammenhang mit anderen Menschen von Reste-Rampe redet, denkt also auch im menschlichen Umgang in den Kategorien von Wertminderung und Ausschuss. Der Gebrauch des Wortes ist mehr als die Verwendung einer Metapher. Er macht aus einem schlechten Wort ein böses.

Drei Wochen ist es her, dass aus dem Büro der beiden Vorsitzenden der Linkspartei ein Papier an die Öffentlichkeit gelangte, in dem es um das Führungspersonal der Partei geht, die heute im Bundestag die Opposition anführt. Das Papier listet auf zwei Seiten auf, wer in der neuen Fraktion eine Zukunft haben sollte ("zu schützende Personen") und wer zu ersetzen sei.

"Die Fraktion darf nicht zur 'Reste-Rampe' der Abgewählten oder Rausgeschmissenen werden", heißt es unter dem Punkt "personelle No-Gos", womit die Mitarbeiter und Abgeordneten gemeint sind, für die man keine Verwendung mehr hat. Dass "Reste-Rampe" in dem Text in Gänsefüßchen steht, zeigt, dass der Autor sich der Problematik des Ausdrucks bewusst war: Das Anführungszeichen täuscht eine Distanzierung vor, die in Wahrheit keine ist.

Drei Wochen sind eine lange Zeit. Sie reicht mit etwas Glück aus, um einen Vorgang aufzuklären und aus der Welt zu schaffen, vorausgesetzt, dass man ihn ernst nimmt. Die beiden Vorsitzenden der Linkspartei, in deren Büro das Papier entstand, haben es vorgezogen, so zu tun, als hätten sie mit der Angelegenheit nur am Rande zu tun. Katja Kipping hat erklärt, sie habe das Dokument, von dem sie sich distanziere, weder gekannt, noch habe sie es in Auftrag gegeben. In einer "Klarstellung" hat sie rechtliche Schritte gegen den SPIEGEL angekündigt, der als erster darüber berichtete.

Man ist von der Linkspartei einiges gewöhnt

Es ist das gute Recht, sich juristisch gegen eine Berichterstattung zur Wehr zu setzen, die man als ungerecht oder unwahr empfindet. Aber die Frage, die sich aus dem Strategiepapier ergibt, ist eine, die sich nicht juristisch klären lässt: Was ist mit einer Partei los, in der es auf höchster Führungsebene offenbar als normal empfunden wird, unliebsame Parteimitglieder für Ausschussware zu erklären? Das Büro der beiden Vorsitzenden hat vier Mitarbeiter, einer der vier ist der Autor. Soll man wirklich annehmen, dass der Verfasser nicht wusste, wie man in der Parteispitze über andere denkt und redet?

Man ist von der Linkspartei einiges gewöhnt. Man nimmt die Anti-Israel-Ausfälle in ihren Reihen hin. Man hat sich noch mit den hanebüchensten Argumenten abgefunden, warum die Russen in der Ukraine-Krise die eigentlichen Opfer sind. Vielleicht sind wir zu abgestumpft, um das Außergewöhnliche zu erkennen. Man muss sich nur einmal vorstellen, im Büro von Angela Merkel oder Sigmar Gabriel würde über Mitarbeiter und Abgeordnete wie über Abfall geredet. Glauben wir, dass es anschließend bei juristischen Spitzfindigkeiten bliebe?

Ein Sonderermittler soll nun bei der Linken für Aufklärung sorgen, aber auch das ist wieder nur ein Winkelzug. Man braucht keinen Sonderermittler, um bei vier Leuten die Autorenschaft eines Vorstandspapiers zu klären, dazu reicht ein Gespräch am gleichen Tag. Wer die Linkspartei kennt, der ahnt, dass die Ermittlung in Wahrheit nach innen zielt: Das eigentliche Ziel ist nicht herauszufinden, wer was geschrieben hat, sondern wie das, was geschrieben wurde, nach außen gelangen konnte.

Ein Erbe des Kommunismus ist die Paranoia. Die SED hat sich in den vergangenen 25 Jahren so oft umbenannt, dass wir denken, die "Linke" sei eine andere Partei, aber sie ist noch immer die alte. Wie wir sehen, gilt dieses nicht nur im juristischen Sinn. Wo der Einzelne nicht als Individuum zählt, sondern nur in seiner Funktion als Träger eines gesellschaftlichen Auftrags, ist jede Kritik Ausdruck verborgener Interessen und Mächte und damit eine Frage von Freund und Feind. Auch jetzt ist wieder von einer "Intrige" die Rede, die stellvertretende Parteivorsitzende Caren Lay spricht von einer "Schmutzkampagne" gegen Kipping. "Zu schützende Personen" heißt in dem "No-Go"-Papier das zur Weiterbeschäftigung vorgesehene Personal - zu schützen vor wem?

Sprache ist mehr als nur ein Werkzeug zur Erklärung der Welt, sie hat Rückwirkung auf denjenigen, der spricht, und auf diejenigen, über die gesprochen wird. "Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen", heißt es im Vorwort zu dem "Wörterbuch des Unmenschen", das der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger 1957 zusammen mit dem Journalisten Wilhelm Emanuel Süskind und dem Pädagogen Gerhard Storz herausgab: "Darum ist nichts gleichgültig an der Sprache, und nichts so wesentlich wie die façon de parler."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Wenn ausgerechnet...
Alfred S 24.06.2014
...der Rechte den Linken vorwirft, Menschen nach Wertigkeit zu kategorisieren, dann ist mal wieder Herr Fleischhauer an den Tasten... Beim nächsten Mal dann wieder contra die Gleichmacherei!
2. Wenn ausgerechnet...
Alfred S 24.06.2014
...der Rechte den Linken vorwirft, Menschen nach Wertigkeit zu kategorisieren, dann ist mal wieder Herr Fleischhauer an den Tasten... Beim nächsten Mal dann wieder contra die Gleichmacherei!
3. Die SED von damals ist die Union von heute
Lanek 24.06.2014
Die Linke ist nicht die SED von damals. Ist es nicht ironisch, dass ausgerechnet die Linke die Bürgerrechte lautstark verteidigt? Nein, ich liebe die Linke nicht, aber dennoch muss ich anerkennen, dass sie eine der wenigen Parteien ist, die sich konsequent gegen Überwachung vom eigenen Staat und von "befreundeten Staaten" stellen. Nein, die SED von damals ist die Union von heute. Dazu muss man sich nur mal die Innen- und Sicherheitspolitik der letzten Jahre ansehen. Die abgedrehten Überwachungsfetischisten sitzen in der Union - aber nicht nur. Denn wer macht beim Spiel oft genug mit? Die SPD. Ich frage mich nur, wie blind man sein kann, um die Union nicht als das Monster zu sehen, was sie ist. Ganz unabhängig davon, ob man nun konservativ, liberal, links oder was-auch-immer ist.
4.
P.Delalande 24.06.2014
Zitat von sysopDPAWas ist mit einer Partei los, in der über unliebsame Abgeordnete wie über Abfall geredet wird? Die Linke kann ihre SED-Gene nicht verleugnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-ueber-die-linke-und-katja-kipping-a-977141.html
Werte Fleischhauer, solch einen Text wie Ihren, (sollte das eigentlich eine Polemik sein?) nennt man nicht zu Unrecht "Locken drehen auf einer Glatze", denn wo nix is, da is nix....
5. Menschen die meinen, das Recht für sich gepachtet zu haben
Straussenblatt 24.06.2014
Deshalb können sie auch nichts falsch machen, deshalb ist das auch eine Intrige und Kein Fehlverhalten des Autors. Das ist eine Linke und auch Grüne Krankheit, so von seiner Gutheit überzeugt zu sein, dass das eigene tun zweifelsfrei richtig und gut sein muss.
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