Die Linke Kader der Arbeitsgesellschaft

Die Einheit des bundesdeutschen Linkssozialismus steht kurz bevor. Am Wochenende sollen die Delegierten der Linkspartei und der WASG auf getrennten Parteitagen in Dortmund die Gründung der neuen Partei "Die Linke" beschließen. Wie stehen die Erfolgschancen des Projekts?

Von Franz Walter und Matthias Micus


Schaut man auf die demoskopischen Befunde, dann scheint die Sonne recht freundlich auf die Beete der Linken, da sich die Partei bei der kontinuierlich gestellten "Sonntagsfrage" in ruhiger Konstanz und trotz regelmäßiger innerparteilicher Aufgeregtheiten um die 9 bis 10 Prozent potentieller Wähler bewegt. Chaos und Linkspartei - an diesen Analogieschluss hatte man sich in früheren Jahren irgendwie schon gewöhnt. Umso bemerkenswerter ist es, wie wenig die zuweilen unordentlichen Verhältnisse in der Partei links von der SPD bei Umfragen bislang geschadet hat. Der Anhang im Linkssozialismus scheint loyaler und stabiler, als man das einer Protestpartei gemeinhin unterstellt.

Gysi (hinten) und Lafontaine: Noch ein gewaltiges Stück Arbeit
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Gysi (hinten) und Lafontaine: Noch ein gewaltiges Stück Arbeit

Und so konnte die Gysi-Lafontaine-Partei peu à peu in soziale Räume eindringen, die in früheren Jahrzehnten noch allein von den Sozialdemokratischen besetzt waren. Die Linkspartei hat sich von einem Nostalgie- und Traditionsverein ostdeutscher Nomenklatura-Biografien erstaunlich erfolgreich - angesichts der Untergangsprophetien nach den Bundestagswahlen 2002 - zur Repräsentanz linker und sozialstaatlicher Einstellungen in spezifischen Teilen der gesamtdeutschen Wählerschaft fortentwickelt.

Dennoch sind Ungleichgewichte nicht zu ignorieren. In der Generation, die in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts groß geworden ist, ist die Partei Gysis und Lafontaines nicht sonderlich gelitten. Die Linkspartei ist vielmehr die politische Formation von linken Männern im mittleren Alter, des Typus Gewerkschafter mit abgeschabter Lederjacke, krawattenlosem Hemd, grauem Bart und schütteren Haaren. Hätten bei der Bundestagswahl 2005 allein Männer dieser Kohorte und Kultur wählen dürfen, dann wäre die Linkspartei locker auf 15 Prozent Wähleranteile und mehr gekommen. Wenn es einen linken Kern in Deutschland geben mag, dann befindet er sich unzweifelhaft in den 1950er Geburtsjahrgängen. Gut jeder dritte Wähler von Linkspartei.PDS ist in diesen Adenauer-Ulbricht-Jahren zwischen Rügen und den Alpen zur Welt gekommen. Es ist schon bemerkenswert, dass trotz der innerdeutschen Grenze konstitutive Gemeinsamkeiten innerhalb dieser Kohorte nicht zerschnitten wurden.

Die DDR blieb zeitlebens eine "Arbeitsgesellschaft"

Natürlich, Linkspartei.PDS und WASG verkörpern unterschiedliche Parteitypen: Die eine agiert im Osten als Volkspartei mit beachtlichen Wurzeln in der Gesellschaft und Organisationen im vorpolitischen Raum. Die andere ist mehr eine noch fragile Protestpartei, aus Unmut über die Agenda-Politik der rot-grünen Regierung entstanden, mit parteistrukturellen Kristallisationskernen in urbanen südwestdeutschen Verdichtungsgebieten und geringen gesellschaftlichen Verflechtungen. An der Basis beider Parteien reicht das Mitglieder- und Anhängerspektrum vom (oft unfreiwillig) verrenteten Mitglied der DDR-Dienstklasse zum unqualifizierten Jungarbeiter, vom antiparlamentarischen Radikaloppositionellen zum pragmatischen Befürworter von Regierungsbeteiligungen, von demokratischen Sozialisten bis hin zu starrsinnigen Zöglingen verblichener ML-Schulungen.

Dennoch: Das Übergewicht der 1950er Geburtskohorte in den Schaltzentralen (und der Wählerschaft) beider linker Bündnispartner relativiert einige der inneren Differenzen. Die Zeit der kollektiven politischen Sozialisation der Aktivisten hier, der Kader dort, die siebziger Jahre, war in beiden deutschen Teilstaaten ein Jahrzehnt ökonomischer Prosperität und Hochphase sicherheitsversprechender Wohlfahrtsstaatlichkeit. In Westdeutschland schmälerten sich in dieser Epoche die Klassen- und Bildungsunterschiede stärker als zuvor (und auch danach). Kindern aus aufstiegswilligen Facharbeiterfamilien gelang ein massenhafter sozialer Aufstieg. Zeitgleich erlebte die DDR ihr "goldenes Zeitalter", knüpften ihre Machthaber ein dichtes Netz sozialer Absicherung und erhöhten den Anteil der Sozialleistungen am Bruttosozialprodukt beträchtlich.

Kurzum: Die Erfahrungsfolie der Aktivisten von Wahlalternative und Linkspartei.PDS ähnelt sich in dieser entscheidenden Formierungsphase der Sozialisation. Ostdeutsche Postkommunisten und westdeutsche WASG-Gewerkschafter gleichen sich darüber hinaus in ihren "materialistischen" Einstellungsmustern. Während die westdeutschen Junggewerkschafter seinerzeit in einem postmateriellen Umfeld aufwuchsen, aber aufgrund ihrer betrieblichen Alltagserfahrungen - nicht zuletzt auch als Resultat historisch-materialistischer Schulungen in von DKP-Teamern orthodox gefärbten Gewerkschaftslehrgängen - durch libertäre Zeitströmungen nur am Rande berührt wurden, hat in der DDR eine postmaterialistische Kulturrevolution inklusive Wertewandel gar nicht erst stattgefunden.

Die ostdeutsche Lebenswelt blieb daher stets wesentlich stärker traditional durchwirkt, die DDR zeitlebens eine "Arbeitsgesellschaft", im Unterschied zur westdeutschen "Erlebnisgesellschaft". Doch gerade in eben jener Bedeutung arbeits- und organisationsbezogenen Disziplintugenden treffen sich die Aktivisten der Linkspartei.PDS kulturell durchaus mit den altersgleichen, ebenfalls präpostmaterialistischen Gewerkschaftern in der WASG. Die Führungsgruppen beider Parteien sind daher nicht - wie oft unterstellt - durch unüberwindliche kulturelle Abgründe getrennt. Ganz im Gegenteil: Sie denken in vielem ähnlich, weisen zahlreiche, nicht zuletzt mentale Gleichförmigkeiten auf und überwinden auf diese Weise bündnisintern die gesamtgesellschaftlich übliche mentale Spaltung zwischen autoritär-etatistischen Ost- und gesellschaftspolitisch eher individualistischen Westdeutschen.

Im Westen stagniert die Mitgliederzahl

Doch zeichnen sich, andererseits, auch einige Gefahren und Zukunftsrisiken des Linksbündnisses ab - nicht zuletzt wiederum in der Gegenüberstellung von Ost und West. Die Westausdehnung galt in den Führungsgremien der Linkspartei.PDS seit jeher als notwendige Bedingung dauerhafter Parlamentspräsenz auf Bundesebene und war stets ein wichtiges Argument für die Parteienfusion. Anfangs schien die Rechnung durchaus aufzugehen. Durch die WASG gewann die PDS beinahe 12.000 Mitglieder - fast ausschließlich im Westen - hinzu, bei der Bundestagswahl erreichte das Bündnis immerhin 4,9 Prozent in den alten Bundesländern und übersprang auch deshalb komfortabel bundesweit die Fünf-Prozent-Hürde. Zuletzt allerdings geriet die Westausdehnung unübersehbar ins Stocken, in mancher Hinsicht befindet sich die Linkspartei.PDS trotz der Kooperation mit der WASG bereits wieder auf dem Rückzug. So stagnierte zuletzt die gemeinsame Mitgliederzahl im Westen. Bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg Ende März 2006 ließen sich dann die Bundestagsergebnisse nicht halten, geschweige denn, dass der Einzug in ein Landesparlament geglückt wäre.

Misslich ist diese Entwicklung für die Fusionspartner insofern, als anhaltende Erfolglosigkeit zur Demobilisierung und zum Rückzug zahlreicher realpolitischer Mitglieder und zur abermaligen Stärkung sektiererischer Strömungen führen kann. Die bisherige Erfahrung mit PDS und WASG zumindest lehrt, dass die mitgliederschwachen Diasporagebiete der Postkommunisten in Westdeutschland und der Wahlalternative in den fünf neuen Ländern identisch sind mit den Hochburgen der innerparteilichen Dogmatiker und Führungskritiker. Durch ihre unterschiedlichen regionalen Schwerpunkte heben beide Bündnispartner die Randständigkeit des jeweils anderen auf und drängen so die überzeugungsstarken, hochmobilisierten, aber zahlenmäßig schwachen radikalen Minigruppen in die Defensive. Sofern nun die westdeutschen Landesverbände erneut zu Splitterorganisationen degenerieren sollten, dürften die Radikalen wieder an Einfluss gewinnen. Dann aber würden nicht bloß die internen Auseinandersetzungen abermals anschwellen, dann würde auch die wählerwirksame Kraft der Linken im Westen erlahmen und der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde bei kommenden Bundestagswahlen wäre wieder weitaus weniger selbstverständlich als zuletzt.

Von der objektiven Konfliktstruktur der Gesellschaft indessen liefert das 21. Jahrhundert durchaus genügend Benzin für die historische Weiterfahrt einer linken Partei in Deutschland. Die Gesellschaft nach dem Industrialismus und der kollektiven Interessenorganisation wird sehr viel weniger nivelliert, integriert und institutionell pazifiziert sein. Schon jetzt hat sich der Wohlstandsgraben zwischen den Klassen und Schichten nach Maßgabe ihrer verfügbaren Bildungs- und Besitzsubstanz weit geöffnet. Die Gegensätze zwischen oben und unten, zwischen Netzwerkfähigen und Netzwerklosen, zwischen Menschen mit und ohne Sozialkapital haben erheblich zugenommen. Insofern werden die Quellen, aus denen der Linkssozialismus zuletzt seine Wahlerfolge in Ost und West schöpfte, aller Voraussicht nach in den kommenden Jahrzehnten nicht versiegen. Der sozioökonomische Konflikt wird weiterhin Interessen, Mentalitäten und Handlungsweisen produzieren, die - ob man es nun mag oder nicht - nach einer pointierten politischen Repräsentanz auf der linken Achse des Parteiensystems streben.

Doch natürlich: Man kann gute Gelegenheiten zupackend nutzen, man kann sie aber auch verblendet ignorieren. Es kommt also auch für die Linkspartei künftig auf fähiges Personal, vorausschauende Führung und umsichtiges Organisationsmanagement, kurz: auf ein exklusives Leistungsprofil an. Den Herren Gysi und Lafontaine steht also noch ein gewaltiges Stück Arbeit bevor.



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