Die Linke Ost-Realos wollen wirre Westler zähmen

Marxisten, Kommunisten, Sektierer - die Linke bringt in Hessen und Niedersachsen Kandidaten in die Landtage, die sich eher durch orthodoxe Rhetorik denn durch politischen Pragmatismus auszeichnen. Die Parteiführung redet sich die Truppe schön, aber Konflikte zwischen Ost und West sind programmiert.

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Hamburg - Gregor Gysi feierte den vergangenen Wahlsonntag wie eine Initiation: "Das war der Durchbruch. Wir sind keine bloße Ostpartei mehr", sagte der Fraktionschef der Linken im Bundestag über die Erfolge in Niedersachsen und Hessen.

Lafontaine, Flauger, van Ooyen: Homogene, auf Realpolitik setzende Fraktionen sehen anders aus
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Lafontaine, Flauger, van Ooyen: Homogene, auf Realpolitik setzende Fraktionen sehen anders aus

Wie matt klang er dagegen vor drei Jahren. "Ich mache mir keine Illusionen mehr: Absehbar werden wir im Westen keine ausreichende Bedeutung haben." Gabi Zimmer jammerte 2001 über eine "kulturelle Fremdheit (...), die es nach wie vor auch auf der Linken zwischen Ost und West gibt". Es sind Sätze zweier erfahrener Sozialisten, die das Dilemma der PDS in den vergangenen Jahren beschreiben: Der groß angelegte Versuch, mit der SED-Nachfolgepartei auch im Westen Fuß zu fassen, und die Erkenntnis, wie unterschiedlich Linke in Ost und West ticken.

Viel Geld hatte die Partei Anfang der neunziger Jahre locker gemacht, um Büros in westdeutschen Städten aufzubauen, Kader der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) wurden angheuert. Das Ergebnis war ernüchternd bis desaströs, weil sich in der West-PDS Spontis, Sektierer, Kommunisten, Marxisten und radikale Autonome zusammengefunden hatten, vereint lediglich im Streit. In Hamburg etwa krachte es so sehr, dass die Berliner Parteispitze eine Zeit lang überlegte, den fundamentalistischen Landesverband auszuschließen.

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Sie tat es nicht und musste sich weiter mit der renitenten Truppe rumschlagen. Wie beim Parteitag in Münster 2000, als PDS-Leute aus der Hansestadt dem damaligen Parteichef Gysi als Provokation Bananen auf den Stuhl legten. Bananen für den Ossi, die Botschaft: Du bist mit deiner Machtversessenheit schon längst im Westen angekommen. "Durchgeknallte Mensastudenten", schäumte Gysi.

Realpolitik oder Weltrevolution?

Der Graben zwischen Ost und West in der PDS verlief in etwa so: Auf der einen Seite langjährige SED-Mitglieder, herausgefallen aus dem kaputten System DDR, die aber ankommen wollten in der Bundesrepublik und in die Landesparlamente der neuen Länder strebten. Ihre Stärke: Pragmatismus. Sie wollten die Gesellschaft in kleinen Schritten verbessern: durch Realpolitik.

Auf der anderen Seite die dogmatischen West-Genossen, die irgendwie auf Weltrevolution machten und glaubten, ihren Parteifreunden im Osten den Sozialismus erklären zu müssen. "Die sollen uns damit nicht mehr auf den Geist gehen", sagte Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch damals.

Und heute soll alles ganz anders sein: Die Partei heißt inzwischen Die Linke und hat durch die Integration von ehemaligen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, die gegen die Agenda 2010 Sturm laufen, im Westen kräftig Zuwachs bekommen. Sie kennt nach den Wahlerfolgen in Niedersachsen und Hessen nur noch Triumphgeschrei: "Angekommen im Westen", "Durchbruch", "Meilenstein", "Links wirkt", so das pathetische Tremolo im Karl-Liebknecht-Haus, der Parteizentrale in Berlin.

Vergessen scheint der zermürbende Fusionsprozess von Linkspartei.PDS und Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) zur neuen Linken, in dem sich noch vor kurzem die Kämpfe der vergangenen Jahre wiederholten. Über "Splittergruppen" und "linke Sektierer" wetterte Bundestagsfraktionschef Oskar Lafontaine, sein Vize Bodo Ramelow hatte gar "zerstörerische Kräfte" ausgemacht. Ihr Zorn galt Aktivisten der Sozialistischen Alternative Voran (SAV), die sich in mehreren WASG-Landesverbänden eingenistet hatten, um die Fusion zu hintertreiben. Das grundsätzliche Ziel der SAV: Das "bestehende System auf revolutionäre Weise zu stürzen".

Verstellt oder im Siegesrausch ausgeblendet ist bei den führenden Genossen wohl auch der Blick auf das eigene Personal, das in die Landtage Hessens und Niedersachsens einziehen wird; homogene, auf Realpolitik setzende Fraktionen sehen anders aus. Eher nähren manche Landtagsneulinge die Vermutung, dass schon bald wieder kulturelle Konflikte aufbrechen könnten: In beiden Parlamenten werden künftig auch Kommunisten oder Abgeordnete mit tiefroter Vergangenheit die Linke vertreten - die Partei ist im Westen auch heute noch Sammelbecken unterschiedlichster Strömungen, in der WASG stritten Sozialdemokraten, Trotzkisten und Gewerkschafter miteinander.

Die DKP feiert ihre Abgeordnete bei der Linken

In Niedersachsen gehört Christel Wegner zu den künftig elf Linke-Abgeordneten. Die 60-Jährige ist seit 40 Jahren DKP-Mitglied und kandidierte auf der Landesliste der Linken. Auf den Internet-Seiten der DKP wird sie derzeit gefeiert: "Erste Kommunistin im Landtag", heißt es etwa beim Hamburger Landesverband. Manfred Sohn, der zusammen mit Kreszentia Flauger das Spitzenduo für die niedersächsische Linke bildete, gehörte der DKP 20 Jahre lang an und war bei den Kommunisten im Vorstand für marxistische Bildung zuständig. Der 52-Jährige hat aber auch bereits bei den Jusos, der SPD und der FDP mitgewirkt. "Wir sind Realos geworden", sagt er heute; vor zwei Jahren noch hatte er in der Linkspostille "Ossietzky" geschrieben, dass "die DDR 40 Jahre lang der friedlichere und sozial gerechtere Teil Deutschlands war".

Orthodox-fundamentalistische Strömungen gab es im niedersächsischen Landesverband schon zu PDS-Zeiten. Das liegt nicht zuletzt am Landesvorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Diether Dehm, prominentester Kopf der Linken im Norden mit fragwürdiger Vergangenheit. Die Stasi führte den ehemaligen SPD-Mann als "IM Dieter" und "IM Willy" - ohne sein Wissen, wie der Unterhaltungsmanager, der unter anderem als Autor für den Musiker Klaus Lage arbeitete ("Tausendmal berührt"), beteuert. Er habe nie wissentlich für den Geheimdienst der DDR gearbeitet.

Ende der neunziger Jahre kehrte Dehm der SPD den Rücken, trat in die PDS ein und wurde 1999 zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt - irgendwann verstörte er selbst wohlmeinende Genossen: Weil er in Frankfurt auf Flugblättern für die Freigabe von Haschisch warb und gleich ein Rezept für Haschischplätzchen mitlieferte. Weil er 2001 die Verstaatlichung von Großbanken forderte - just in dem Augenblick, als die PDS in Berlin mit der SPD über eine gemeinsame Landesregierung verhandelte und dabei auch über die Sanierung der staatseigenen Bank sprach. Noch mehr aber, als 2002 Anschuldigungen aufkamen, Dehm habe den damaligen Bundesgeschäftsführer Bartsch durch den Wachdienst der PDS-Zentrale kontrollieren lassen, damit dieser nicht Dokumente aus der Parteizentrale entwenden könne. Genossen warfen Dehm, der die Vorwürfe bestritt, "Stasi-Methoden vor", was er erfolgreich gerichtlich zurückweisen ließ.



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