Die Mauz-Kolumne Zwei Jahre, zehn Monate in 30 Minuten

Warum Gerichtsshows so anziehend sind - und bedenklich


Im Programm heißt es "Gerichtsshow". Eine Show also. Etwas für's Auge. Und für die Emotionen, denen eine Show Futter bietet. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Dies soll kein Angriff sein auf die Berufsrichterinnen und Berufsrichter, die mitwirken. Da sitzt ein Publikum reglos in einem ordentlichen Saal. Allenfalls sieht das Textbuch einen Zwischenrufer vor, der zum Zeugen wird oder sich eine Ordnungsstrafe zuzieht, weil er das Maul nicht halten kann.

Und schnell geht es, schnell. Zwei Jahre und zehn Monate binnen 30 Minuten. Es ist ein Wunschtraum der Berufsrichter und Berufsrichterinnen, der hier erfüllt wird. Ach, ist das schön. Ach wär' das so. - Nur ist es in der Realität natürlich gar nicht so.

Eine "Sauerei" sind diese Sendungen genannt worden. Doch aus den zögernden Anfängen hat sich ein Programm der privaten Sender entwickelt, das deftige Einschaltquoten und entsprechende Werbung auf sich zieht. Der Saustall blüht, und wer keinen im Programm hat, der grübelt, was man dagegenstellen kann, etwas, das nichts mit einer Show zu tun hat.

In den Sendungen wird in der sterilen Atmosphäre eines Gerichtssaals verhandelt, den es nirgendwo auf der Welt gibt. Nichts ist zu spüren von dem Hin und Her auf den Gängen der Gerichte, der Unruhe der Kläger und der Beklagten draußen vor der Saaltür, der als Zeugen geladenen Menschen und derer, die beteiligt sind oder sich beteiligt fühlen und deshalb ins Gericht kommen. Nichts gegen die Berufsrichterinnen und Berufsrichter, die mitwirken. Sie wirken an einem köstlichen Spiel mit, an der kurzen Realisierung eines Traums.

Gerhard von Kujawa hat in "Ursprung und Sinn des Spiels" definiert, was den Gewinn des Spiels ausmacht: "Die wesentlichen Bedingungen für jedes echte Spiel stellt die zeitlich begrenzte Beseitigung der alltäglichen Schranken des Ich dar. Mit der Befreiung des Ich von dieser sonst praktisch stets notwendigen Eingrenzung ist nun aber Tür und Tor geöffnet für jeden Einbruch tieferer Gewalten ..."

Und er erinnert auch an die Warnung der Redewendung "es steht etwas auf dem Spiel".

Wir sind geradezu erpicht darauf, die Schranken des Ich zu überspielen. Es gibt nichts, was wir nicht spielerisch zu bewältigen suchen. Es wird Börse gespielt und Rettungseinsatz und eben auch Gericht. Es ist doch nur ein Spiel, sagen wir, obwohl das Spiel alles andere ist als eine Fluchtburg - obwohl es in der Tat Tür und Tor für den Einbruch tieferer Gewalten öffnet.

Wir verspielen uns. Nichts ist so paradox und gefährlich wie die unausweichliche Realität, dass es Menschen sind, die über Menschen befinden, die urteilen müssen.

Doch wir machen eine Show daraus. So meinen wir, der Drohung zu begegnen. Aber die kann man nicht wegspielen.



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