Razzien in Deutschland Gefahr aus dem linken Untergrund

Die "Revolutionären Aktionszellen" sollen Sprengsätze vor Behörden gezündet und Pistolenpatronen an Innenminister Friedrich geschickt haben. Jetzt hat die Bundesanwaltschaft die Gruppe ins Visier genommen. Die Mitglieder planen die "gewaltsame Überwindung des Klassenstaats".

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Hamburg - Die Ermittler kamen im Morgengrauen: 300 Beamte haben am Mittwoch insgesamt 21 Wohnungen und andere Räume in Berlin, Stuttgart und Magdeburg durchsucht. Im Visier der Bundesanwaltschaft stehen die "Revolutionären Aktionszellen" ("RAZ"), eine linksextreme Gruppe, die für mehrere Anschläge seit 2009 verantwortlich sein soll. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und der Brandstiftung in mehreren Fällen. Zu den am Mittwoch durchsuchten Objekten gehören auch die Wohnungen von neun Beschuldigten.

Die "RAZ" traten im Dezember 2009 erstmals in Erscheinung. Damals detonierte vor der Arbeitsagentur in Berlin-Wedding ein Sprengsatz, zwei Monate später folgte ein Anschlag auf das Haus der Wirtschaft im Stadtteil Charlottenburg. Zu den Angriffen bekannte sich die Gruppe ebenso wie zu einem Anschlag auf das Bundesverwaltungsamt in der Hauptstadt im November 2010.

Die Aktionen seien Signale gegen die "Repressions- und Ideologieapparate des Klassenstaates", teilten die "RAZ" in ihren Bekennerschreiben mit. "Es braucht jetzt zündender Initiativen, um einen Flächenbrand auslösen zu können", forderten die Radikalen weiter und verkündeten: "Wir haben uns für eine zündelnd-feurige Auseinandersetzung mit dem Gewaltmonopol des Klassenstaats BRD entschieden."

Projektile an Politiker und Wissenschaftler

Für besonderes Aufsehen sorgten die Linksextremisten im März 2011 als sie Acht-Millimeter-Pistolenpatronen an Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe schickten. Die "RAZ" begründeten die Drohsendungen unter anderem mit Razzien und Ausspähungen der linken Szene. "Wenn der repressive Staatsapparat der Meinung ist, uns durch eine Kette von Repressionsschlägen einzuschüchtern, dann hat er sich verspekuliert", hieß es in einem Bekennerschreiben, das der "taz" zugeschickt wurde.

Auch bei den beiden Extremismusforschern Uwe Backes und Eckhard Jesse gingen damals Drohbriefe mit Acht-Millimeter-Projektilen ein. Die "RAZ" warfen ihnen Propaganda gegen linke Gruppen vor. In allen Schreiben fand sich die Drohung: "Die nächste Zustellung erfolgt per Express."

Im Dezember 2011 schlug die Gruppe offenbar erstmals außerhalb Berlins zu. Damals explodierten vor dem Amtsgericht und dem Kreishaus in Göttingen Sprengsätze. Die Täter hatten "Nazis morden! Der Staat schiebt ab!" sowie das Kürzel "RAZ" als Parole am Tatort hinterlassen. Bislang ist durch die Anschläge der Gruppe niemand verletzt worden.

Nachfolgeorganisation der "militanten gruppe"

Der Verfassungsschutz beobachtet die Organisation seit Jahren. Nach Einschätzung der Geheimdienstler propagieren die Linksradikalen einen "revolutionären Aufbauprozess zur gewaltsamen Überwindung des kapitalistischen Klassenstaates".

Der Verfassungsschutz betrachtet die "RAZ" als Nachfolgeorganisation der "militanten gruppe" ("mg"). Diese linksextremistische Bewegung war zwischen 2001 und 2009 für Dutzende Brandanschläge auf Unternehmen und Behörden in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt verantwortlich.

Zudem verschickte sie 2001 ähnlich wie später die "RAZ" Drohbriefe mit scharfer Munition an den Regierungsbeauftragten für die Entschädigung der Zwangsarbeiter, Otto Graf Lambsdorff, und an Repräsentanten der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft. Im Sommer 2009 gab die "mg" ihre Auflösung bekannt, wenig später traten die "RAZ" erstmals in Erscheinung.

Nach eigener Darstellung sind die Linksextremisten insgesamt in vier Zellen organisiert, die nach ehemaligen Führungsfiguren der italienischen Roten Brigaden und der RAF benannt sind. Als Zentrum der "RAZ" galt bislang Berlin, über die Standorte der anderen Zellen herrschte bislang Rätselraten. Nach den Durchsuchungen vom Mittwoch scheint klar, dass ihre Mitglieder auch in Stuttgart und Magdeburg aktiv sind.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
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wurzelbär 22.05.2013
1. Razzia, heute links, morgen rechts !
Sie sollen (haben Sie, oder nicht?) Sprengsätze vor Behörden gezündet (Sylvester ist doch vorbei) und Pistolenpatronen an Innenminister Friedrich geschickt haben. (Der seine Post öffnen läßt) Jetzt hat die Bundesanwaltschaft die "Revolutionären Aktionszellen" ins Visier genommen. (Das Feindbild dem Bürger gegenüber muß erhalten bleiben!) Die Erben, (ob die Erbschaftssteuer bezahlt haben?) der "militanten gruppe" planen die "gewaltsame Überwindung des Klassenstaats". Die sind doch noch nicht vom "Nachttopf" herunter gekommen, stellen aber eine Gefahr dar? Wir haben doch noch nicht Wochenende, für solche Informationen !
jdnissen 22.05.2013
2. Der neue Faschismus
Jede deutsche Großtstadt hat ihre linksextremistischen Großgruppen - ob RAZ, Antifa oder "Revolutionäre Zellen". Aber linksextremistisch ist ja in der Wahrnehmung der Medien und der Öffentlichkeit der gute Extremismus. Dabei weiß jeder, der dem Treiben dieser linken Horden zuschaut: Der neue Faschismus sagt nicht, er sei der Faschismus - er sagt, er sei der Antifaschismus.
Björn Borg 22.05.2013
3. Rechts vor links
Zitat von sysopDPASie sollen Sprengsätze vor Behörden gezündet und Pistolenpatronen an Innenminister Friedrich geschickt haben. Jetzt hat die Bundesanwaltschaft die "Revolutionären Aktionszellen" ins Visier genommen. Die Erben der "militanten gruppe" planen die "gewaltsame Überwindung des Klassenstaats". Die Revolutionären Aktionszellen sind im Visier der Bundesanwaltschaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-revolutionaeren-aktionszellen-sind-im-visier-der-bundesanwaltschaft-a-901246.html)
Wären die Behörden zwischen 1998 und 2000 ebenso konsequent gegen den Rechtextremismus vorgegangen, wäre den Angehörigen der zehn Opfer viel Leid erspart geblieben. Und man erzähle mir bloß nicht, dass man jetzt aus den damals gemachten Fehlern gelernt hätte...
shardan 22.05.2013
4. Nichts dagegen....
... in meinen Augen ist der eine Extremismus so schlecht wie der andere. nur empfinde ich es als auffällig, wieviel Sorgfalt die Polizei in solche ermittlungen steckt, wenn es "linke" sind. Bei der NSU hätte etwas mehr dieser Sorgfalt - man könnte es auch als "etwas weniger katastrophale Schlamperei" formulieren - nicht geschadet.
BBTurpin 22.05.2013
5. Jesses, die Linksextremen! Erbarmen!
Meine Güte, seit 2000 wussten die Behörden (oder konnten es wissen, wenn sie denn wollten), dass die rechtsextreme NSU als terroristische Organisation eingestuft wurde. Das war, bevor diese zehn ausländische Mitbürger aus reinem Rassenhass ermordete. Oh Deutschland, hüte dich vor der linken Gefahr ...!
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