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11. Januar 2013, 18:04 Uhr

Grünen-Kandidatin Göring-Eckardt

Die Unsichtbare

Von , Weimar

Sie soll das neue Gesicht der Grünen sein: Gemeinsam mit Fraktionschef Trittin will Katrin Göring-Eckardt die Partei zurück in die Regierung führen. Die Spitzenkandidatin muss sich die nötige Aufmerksamkeit erst noch erarbeiten. Kann sie das?

Renate Künast und Jürgen Trittin vor den Kameras. Künast alleine. Trittin solo. Am Ende wieder ein gemeinsames Statement. So lief das bei der Klausur der Grünen-Bundestagsfraktion in Weimar. Die Spitzenkandidatin? Doch, die ist auch da. Aber ein öffentlicher Auftritt ist für Katrin Göring-Eckardt nicht vorgesehen.

Göring-Eckardt ist in Weimar so etwas wie eine unsichtbare Spitzenkandidatin.

Man sieht sie in den Klausur-Pausen mal durchs Foyer der Weimarhalle huschen, an einem Kaffeetischchen im Gespräch mit Kollegen oder am Handy - wie ein x-beliebiges Mitglied der Fraktion. Kein Außenstehender käme auf die Idee, dass diese Frau in den kommenden Monaten im Duo mit Trittin das Bild der Grünen prägen soll. Ganz anders als bei der SPD, wo sich Kanzlerkandidat Peer Steinbrück am Rande der Abgeordnetenklausur in Hannover selbstverständlich gemeinsam mit Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier äußerte.

Es ist sicher kein Nachteil, im Moment nicht ganz so im Blickpunkt zu stehen wie der dauerpatzende SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück. Aber selbst mancher Grünen-Abgeordnete sinniert dieser Tage darüber, ob die eigene Spitzenkandidatin sich nicht ein bisschen sehr versteckt. Die Zustimmung der Grünen-Basis ist Göring-Eckardt sicher - das Urwahl-Votum im Herbst war für sie, mit deutlichem Abstand vor Künast und Parteichefin Claudia Roth, unzweifelhaft. Aber nun soll Göring-Eckardt die Grünen gemeinsam mit Trittin Richtung Bundestagswahl führen. Sie muss glänzen, wenn die Grünen im Herbst erfolgreich sein wollen.

Am ersten Tag der Fraktionsklausur durfte sie immerhin gemeinsam mit Künast und Trittin den Tagesordnungspunkt "allgemeine Aussprache" moderieren. Das habe sie ordentlich gemacht, ist zu hören. Im kleinen Rahmen kommt Göring-Eckardt mit ihrer ruhigen Art ohnehin gut an. Sie bietet weniger Phrasen als die Altvorderen mit ihrem bekannten Geknatter. Aber wird das auch die breite Öffentlichkeit mitbekommen?

Die Spitzenkandidatin selbst findet, alles sei prima. "Ich fühle mich sehr wohl in meiner Rolle", sagt Göring-Eckardt beim Abendessen im Klausurhotel am Weimarer Goethepark. Da laufe "alles rund". Sie plaudert, wirkt entspannt und aufgeräumt.

Klar, Göring-Eckardt hat in den ersten Wochen nach dem überraschenden Ausgang der Urwahl eine Menge Interviews gegeben, aber das ist abgeebbt. Es gab nach der Nominierung Überlegungen, Göring-Eckardt zur Fraktionschefin zu machen, auch der Schritt, sie zur Parteivorsitzenden wählen zu lassen, wurde erwogen. Beides hätte ihr dauerhaft eine Menge Aufmerksamkeit garantiert. Stattdessen blieb sie Vize-Bundestagspräsidentin. Kein Job, mit dem man auffällt.

Leiser und weicher als der Rest des Führungspersonals

Ihren einzigen großen Auftritt seit der Nominierung hatte die Spitzenkandidatin Mitte Dezember, als sie im Bundestag in der Europadebatte auf die Kanzlerin antworten durfte. "Ihre Stimme klingt dünn", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" anschließend, außerdem habe Göring-Eckardt wenig zu sagen gehabt.

Klar ist: Sie muss sich auch thematisch verbreitern in den kommenden Monaten. Als Sozial- und Familienpolitikerin hat sich Göring-Eckardt im Urwahl-Schaulaufen profiliert, aber als grünes Zugpferd im Wahlkampf reicht das nicht. Im Umfeld ihres Ko-Spitzenkandidaten heißt es dazu: "Natürlich haben wir kein Interesse daran, dass sie sich nur auf ihr bewährtes Portfolio beschränkt." Dazu kommt: Die betont bürgerliche Anmutung Göring-Eckardts erfreut nicht jeden bei den Grünen. "Wir sollten nicht versuchen, uns überholte wertkonservative Begriffe zurückzuerobern wie Heimat, um die letzten bürgerlichen Wähler auch noch anzusprechen", sagt Sina Doughan, Sprecherin der Grünen Jugend. "Wenn es darum geht, das grüne Lebensgefühl und den Gestaltungsanspruch darzustellen, sollten wir solche alten Begriffe nicht benutzen."

Doch diesen Gefallen wird Göring-Eckardt Kritikern wie Doughan nicht tun. Denn auch wenn sie ihr Amt als Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland zurzeit ruhen lässt - es steht symbolisch für ihr Alleinstellungsmerkmal als Grüne. Göring-Eckardt ist bürgerlicher als die meisten Grünen, leiser und weicher als der Rest des Führungspersonals. Manche mögen das langweilig finden, aber diese Marke ist ihr Erfolgsrezept.

Natürlich wird sich Göring-Eckardt sichtbarer machen. Die Grünen arbeiten bereits an Verstärkung für ihre Spitzenkandidatin, auch die Presseabteilung soll dafür aufgestockt werden. Ihr nächster Test findet am Montag statt: Dann darf sie nach der Parteiratssitzung vor die Journalisten treten.

Aber großes Tamtam ist von Göring-Eckardt weiterhin nicht zu erwarten. "Sie ist auch nach dem Urwahlerfolg ihrem Stil treu geblieben", sagt der Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick, ein profilierter Vertreter des linken Flügels und bisher nicht als Fan Göring-Eckardts bekannt. Er meint das durchaus anerkennend.

Mit diesem Stil will Göring-Eckardt die Lücke füllen, die ihr das Führungspersonal lässt. Auf die leise Tour.

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