S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Hass auf die Schwaben

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Woher kommt der hässliche Deutsche? Glaubt man den Bewohnern von Großstadtvierteln wie dem Prenzlauer Berg, ist die Antwort eindeutig: aus Baden-Württemberg. Überfremdungsängste sind kein Privileg von Nationalisten. Was dem Rechten der Muslim, ist dem Linken der Schwabe.

Arme Schwaben: Sie haben der Welt Hölderlin, Lothar Späth und die S-Klasse beschert. Seit Jahren tüfteln und werkeln sie so emsig vor sich hin, dass ihre Schaffenskraft sprichwörtlich geworden ist. Ganz Deutschland lebt vom schwäbischen Fleiß (na gut, vielleicht nicht ganz Deutschland, aber immerhin beachtliche Teile, angefangen von Bremen, Brandenburg, dem Saarland und natürlich Berlin). Doch statt Bewunderung und Dank trägt ihnen ihr Einsatz häufig nur Hohn und Spott ein. Dagegen hilft nicht einmal die Wahl einer grün-roten Landesregierung, so sehr man sich im Ländle das auch gewünscht hätte.

Gerade hat der bekannte Großstadttheoretiker Wolfgang Thierse seinem Ärger über die Schwaben Luft gemacht, weil sie ihm in seinem Kiez überall auf die Pelle rücken und er ständig Wecken statt Schrippen sagen muss beziehungsweise Pflaumendatschi statt Pflaumenkuchen. "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche", donnerte er via dem Berliner Volksblatt "Morgenpost" den Fremden entgegen, was wiederum bekannte Vertreter des internationalen Schwabentums wie den ehemaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger pikiert darauf hinweisen ließ, dass ohne das Geld aus Baden-Württemberg das süße Leben in Berlin nur halb so schön wäre. Unnötig darauf hinzuweisen, dass dies aus Sicht von Leuten wie Thierse nur einen weiteren Beweis für die schwäbische Spießigkeit liefert.

Thierse ist noch harmlos, muss man sagen. An manchen Ecken der Hauptstadt hängen Plakate mit der Aufforderung "Schwaben raus". Schon äußere Zeichen der Fremdheit wie zu langes Verweilen oder Herumschauen können Unmut hervorrufen. Die Grünen in Kreuzberg luden kürzlich zu einem Diskussionsabend mit dem Titel "Hilfe, die Touris kommen", wo aufgebrachte Kiezbewohner eine Bannmeile um ihr Viertel forderten. Die Toleranzgrenze ist in den linksbürgerlichen Revieren dünn, wie man sieht. Man mag sich gar nicht ausmalen, was am Prenzlauer Berg los wäre, wenn man dort Köfte statt Bulette sagen müsste.

Die Schwabenhasser von heute sind oftmals die Schwaben von gestern

Wer glaubt, dass Überfremdungsängste ein Privileg der Rechten seien, ist lange nicht mehr vor die Tür getreten. Was dem Rechten der Muslim, ist dem Linken der Schwabe. Der Eindringling aus dem Südwesten der Republik steht für alles, was man in den aufgeklärten Kreisen für fremd und damit gefährlich hält. Glaubt man den Schwaben-Kritikern, dann hat sich zwischen Kollwitzplatz und Friedrichshain eine Parallelgesellschaft entwickelt, die auch in der zweiten Generation noch alle Zeichen der Integrationsunwilligkeit trägt: mangelnde Hochdeutschkenntnisse, überdurchschnittlicher Kinderreichtum und das Beharren auf merkwürdigen Traditionen wie der wöchentlichen Reinigung des Treppenhauses.

Die Pointe dabei ist: Die meisten, die jetzt so gerne über die Schwaben herziehen, sind selber Neu-Berliner. Man muss lange suchen, um im Prenzlauer Berg auf jemanden wie Thierse zu stoßen, der dort schon lebte, als man im Westen in den linken Zirkeln noch der DDR die Daumen drückte. Die eifrigsten Schwabenhasser von heute sind oftmals nur die Schwaben von gestern. Daran ändert auch die Behauptung nichts, dass es bei den Protesten darum gehe, der weiteren Gentrifizierung Einhalt zu gebieten.

Gentrifizierungskritik war schon immer das Steckenpferd von Leuten, die nach zehn Semestern Dies-und-das-Studium feststellen, dass der Bedarf an Kommunikationswissenschaftlern oder diplomierten Kulturwirten in der freien Arbeitswelt eher begrenzt ist. Nun fürchten sie zu Recht, den Anschluss zu verlieren. Für den Alltag reicht die Mischfinanzierung aus Gelegenheits-Hartz-IV, Übergangsprojekten und väterlichem Unterstützungsscheck noch - für die Vier-Zimmer-Wohnung an der Zionskirche irgendwann nicht mehr, wenn die Mietentwicklung so weitergeht.

Vor offener Ausländerfeindlichkeit schreckt auch der Inländerfeind zurück

Solange Hausbesetzung einem auch ohne Bausparvertrag zur Altbauetage verhalf, konnte man sich mit ein paar Kumpels einfach irgendwo einnisten und dies dann als politische Aktion verkaufen. Heute muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen, um an billigen Wohnraum zu kommen. Also singt man das Lied vom armen Mütterlein, das sich die Miete nicht mehr leisten kann, auch wenn dieses längst das Weite gesucht hat, und zwar genau vor den Leuten, die nun in seinem Namen auf Wohnraumschutz pochen. Die Latte-Macchiato-Bar ist ja nur die Endstufe der Milieuumwandlung. Vorher kommt die hippe Punk-Kneipe, die in Windeseile besorgt, was andernorts das Entmietungskommando erledigt.

Es gibt viele Möglichkeiten, den unerwünschten Zuzüglern das Leben zu vermiesen. Man kann ihnen den Moscheebau erschweren oder das rituelle Schächten. Im Prenzlauer Berg sind jetzt zum Schutz der "im Gebiet ansässigen Wohnbevölkerung" bei Kauf und Sanierung Zweitbad, Kamine oder Fußbodenheizung verboten. Nebenan in Friedrichshain-Kreuzberg hat der grüne Bürgermeister Parkett und Badfliesen über 1,80 Meter auf den Index setzen lassen.

Wirklich problematisch wird es für die Kiez-Schützer erst, wenn der Feind nicht aus dem Süden, sondern von unten kommt. In Bremens alternativem Vorzeigeviertel Ostertor hat vor kurzem die Errichtung einer Asylbewerberunterkunft für erhebliche Unruhe gesorgt, wie man der "taz" entnehmen konnte. Selbstverständlich habe man nichts gegen Flüchtlinge, hieß es auf einer Sitzung des rot-grün dominierten Stadtteilbeirats: Sie seien herzlich willkommen, aber woanders sei es sicher besser für sie.

Die Asylbewerber werden trotzdem einziehen. Vor offener Ausländerfeindlichkeit schreckt auch der erklärte Inländerfeind zurück.

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insgesamt 702 Beiträge
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1. Ganz einfach
Nevermeind 03.01.2013
Zitat von sysopWoher kommt der hässliche Deutsche? G(...)
Offenbar aus Berlin. Oder sind in Stuttgart Plakate "Berliner raus" zu sehen?
2. Hass ?
tritop 03.01.2013
Divide et Impera Zwinker
3. optional
sincere 03.01.2013
"Was dem Rechten der Muslim, ist dem Linken der Schwabe." Was für ein bizarrer, geschmackloser Vergleich. Schwache Nummer.
4. Willkommen...
freigeist1964 03.01.2013
Zitat von sysopWoher kommt der hässliche Deutsche? Glaubt man den Bewohnern von Großstadtvierteln wie dem Prenzlauer Berg, ist die Antwort eindeutig: aus Baden-Württemberg. Überfremdungsängste sind kein Privileg von Nationalisten. Was dem Rechten der Muslim, ist dem Linken der Schwabe. Die Schwabenverächter von heute sind oft die Schwaben von gestern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/die-schwabenveraechter-von-heute-sind-oft-die-schwaben-von-gestern-a-875546.html)
... im Mittelalter!
5. Mal wieder direkt aufgehört zu lesen
vyger 03.01.2013
Zitat von sysopWas dem Rechten der Muslim, ist dem Linken der Schwabe.
Eigentlich hat mich das Thema interessiert, aber bei dieser Zeile habe ich mal wieder direkt aufgehört zu lesen. Ist "Polemik" eigentlich Ihr zweiter Vorname, Herr Fleischhauer? Woher kommt bloß dieser offensichtliche Hass auf alles, was Sie als "Links" definieren? Und was ist für Sie eigentlich "Links"? Alles, was weniger weit rechts ist als Sie selbst es sind?
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