Tür-zu-Tür-Wahlkampf der SPD Genossen hoffen auf den Dingdong-Effekt

Die SPD und ihr Kanzlerkandidat hinken Merkels Union in den Umfragen weiter hinterher. Nun hoffen die Genossen auf den Tür-zu-Tür-Wahlkampf: Der Klingelmarathon soll Millionen unentschlossener Wähler mobilisieren.

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Berlin/Kerpen - "Guten Tag", sagt Dierk Timm, "ich bin Ihr SPD-Bundestagskandidat und möchte mich vorstellen." Er hält eine rote Rose in der Rechten und steht vor der geöffneten Wohnungstür eines Mietshauses in Kerpen-Horrem. "Ja, hallo", sagt die Dame, ohne ihr Telefonat zu beenden. Immerhin klemmt sie jetzt das Telefon zwischen Kinn und Schulter, um die Blume entgegenzunehmen. Timm wittert seine Chance. "Gehen Sie am 22. September wählen", sagt er, "am besten die SPD." Die Frau blickt ihn jetzt direkt an und lächelt: "Ja, wer so freundlich ist, den wähle ich sicher."

So wie der SPD-Kandidat im Rhein-Erft-Kreis ziehen in diesen Wochen Zehntausende Sozialdemokraten durch die Republik, von einer Wohnungs- oder Haustür zur nächsten. "Die SPD klopft an", so nennt sich die Kampagne. Die sozialdemokratischen Klinkenputzer wollen so Millionen potentieller Wähler mobilisieren.

Noch liegt die SPD samt ihrem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück weit hinter den Unionsparteien und Angela Merkel zurück. Und es ist nur noch ein Monat bis zum 22. September. Der Tür-zu-Tür-Wahlkampf ist so etwas wie die letzte Waffe der Genossen. Generalsekretärin Andrea Nahles hat sich 2012 in den USA angeschaut, wie Barack Obama mit diesem Instrument im Präsidentschaftswahlkampf punktete. Jetzt soll es der SPD helfen. Und da der Mythos der sozialdemokratischen Mobilisierungskraft noch immer wirkt, hat die Konkurrenz durchaus Respekt vor der Klingelkampagne, wie man aus dem Unionslager hört.

61 Prozent der Wahlwilligen haben sich bisher erst entschieden, ergab eine aktuelle Untersuchung des Allensbach-Instituts, dazu kommen Millionen von über 18-Jährigen, die laut den Forsa-Demoskopen noch überhaupt nichts von der Bundestagswahl wissen. Die Sozialdemokraten verfügen über ein besonders großes unausgeschöpftes Potential, sagen die Meinungsforscher.

Fünf Millionen Türen als Ziel

Aber kann das wirklich klappen, fünf Millionen Türen? Das hat Generalsekretärin Andrea Nahles als Ziel ausgegeben. Glaubt man Nahles und Co., läuft es besser als gedacht. "Unsere Teams haben schon an über einer Million Türen geklingelt - und täglich kommen Tausende hinzu", sagt sie und berichtet von "überwältigenden Erfahrungen" ihrer Wahlkämpfer. Nahles hat die Mitglieder schulen lassen, es gibt eine 20-seitige Anleitung aus dem Willy-Brandt-Haus, eine Online-Plattform.

Die Sache läuft, so scheint es. Und eigentlich klingt es doch auch machbar: Jeder der rund 472.000 Genossen müsste, um das Ziel zu erreichen, im Schnitt elf Klingeln drücken.

Cansel Kiziltepe, SPD-Kandidatin im Berliner Stimmbezirk Friedrichshain-Kreuzberg - Prenzlauer Berg Ost, hat schon zwölf Stunden Wahlkampf hinter sich, als sie an einem Sommerabend die erste Klingel eines Mietshauses drückt. "Unter der Woche empfiehlt sich ein Beginn ab 18 Uhr", heißt es im Leitfaden. Kiziltepe klingelt und klingelt - aber es rührt sich nichts. Dann endlich ein Knacken in der Sprechanlage. "Guten Tag, ich bin die SPD-Direktkandidatin und würde mich gerne vorstellen", sagt sie. "Oh, das ist gerade ungünstig, ich bin hochschwanger", kommt es zurück. Beim nächsten Klingeln öffnet sich dann immerhin die Haustür.

Kiziltepe ist gemeinsam mit einem Praktikanten unterwegs in einem Wohngebiet an der Rummelsburger Bucht, beide haben SPD-Beutel voller Broschüren und Wahlkampftand umgehängt. Im zweiten Stock öffnet sich schließlich eine Tür, die grauhaarige Bewohnerin um die 50 hat offenbar Zeit. Am Ende des kurzen Gesprächs sagt sie: "Fand ich ganz toll, dass Sie vorbeigekommen sind."

Das sind die Momente, die Cansel Kiziltepe genießt. Oder solche wie im nächsten Mietshaus, diesmal ein Altbau, wenn einer öffnet und sagt: "Euch wähle ich doch sowieso." Das entschädigt für das Türenzuschlagen, die Beschimpfungen und das blöde Gefühl, wenn minutenlang niemand aufmacht.

Zwei Drittel der Deutschen wollen die Tür nicht öffnen

"Das wichtigste technische Hilfsmittel im Wahlkampf ist nicht das Internet, es ist der Klingelknopf", sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel. Aber laut Emnid wollen zwei Drittel der Deutschen einem Wahlkämpfer nicht die Tür öffnen, es ist also ein sehr anstrengendes Unterfangen. Gabriel selbst will übrigens erst Ende des Monats mit dem Klinkenputzen beginnen, Kanzlerkandidat Steinbrück dagegen ist schon seit Wochen dabei.

Gerade einmal drei Häuser schafft Cansel Kiziltepe diesmal in einer knappen Stunde. Und wenn jemand besonders freundlich reagiert wie ein junger Mann an diesem Abend ("Wollt ihr reinkommen?"), muss die Kandidatin freundlich verneinen. Für mehr als drei standardisierte Fragen hat sie keine Zeit. Es geht um einen kurzen Denkanstoß, eine Erinnerung an die Wahl - und das, was die Menschen besonders umtreibt.

"Ich halte das für eine richtig effektive Sache", sagt Fritz Felgentreu, der SPD-Kandidat in Berlin-Neukölln. Felgentreu, an diesem Abend gemeinsam mit Steinbrücks Internet-Beauftragter Gesche Joost im Schiller-Kiez unterwegs, hat gerade allerdings auch einen ziemlichen Tür-zu-Tür-Lauf: In der vergangenen halben Stunde haben sie 17 Klingeln in dem Mietshaus in der Briesestraße gedrückt - zwölf Türen wurden geöffnet, neunmal war der Dialog positiv.

Aber fünf Millionen Türen? Das wird sportlich. Nach anderthalb Stunden sagt Gesche Joost zum Kandidaten Felgentreu: "Jetzt haben wir wirklich nur drei Häuser gemacht?"

insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
privatier2 23.08.2013
1. Sorry
Der Klingelmarathon soll Millionen unentschlossener Wähler mobilisieren. > durchgeknallter als der SPON kann keiner sein - mit Sicherheit!
Promet 23.08.2013
2. Wenn ein SPD-ler
mein Grundstück betritt, lasse ich den Hund von der Leine. Die Behandlungskosten können meine EX-Genossen dann beim Schröder oder Clement einreichen. Den Sozialfrieden haben diese Agendajünger schon zerstört, nicht auch noch meinen Hausfrieden.
ftraven 23.08.2013
3. Ding-Dong-Effekt?
Ich würde das als Nötigung und Drückergebaren empfingen, egal von welcher die an der Haustüre auftauchen.
micromiller 23.08.2013
4. Sehr Menschennah und sicher auch zielfuehrend nur INHALTE
die die alte Sozialdemokratie sind noch wichtiger. Mindestlohn EURO 10.00 die Stunde und Mindestrente Euro 1.200 damit die Menschen ihre Mieten, Strom und Fernsehsteuer bezahlen koennen und auch noch etwas zum Leben habne.
redbyter 23.08.2013
5.
Mehr Substanz kann man von den meisten deutschen Wählern auch leider nicht erwarten. Armes Deutschland.
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