Dienstverkürzung auf sechs Monate: Zivi ade

Von , Julia Troesser und Kerstin Schulz

Der Zivildienst soll ab August nur noch sechs Monate dauern - das hat die Bundesregierung beschlossen. Doch damit könnte der Dienst zum Praktikum verkommen. Viele soziale Einrichtungen haben für die Kurzzeit-Helfer kaum noch Verwendung und steigen auf freiwillige Helfer um.

Zivis in Deutschland: Altenpfleger und Krankenfahrer Fotos
dpa

Hamburg - Wenn die Puzzleteile nicht ineinander passen, hilft Kevin. Er gibt seiner "Lieblingsbewohnerin" Frau Pieper Tipps, macht ihr Mut oder sucht selbst nach dem richtigen Stück. Kevin Van ist Zivildienstleistender im Hamburger Altenheim Stadtdomizil, und er hat das, was festangestellten Mitarbeitern häufig fehlt: Zeit für die alten Leute. Der 20-Jährige begleitet sie zum Arzt oder setzt sich einfach zu ihnen und hört sich Geschichten aus deren langem Leben an.

Häufig geht Kevin auch länger mit einzelnen Mietern spazieren, im Alltag des Altenheims eine Seltenheit: "Ein Festangestellter kann einen Bewohner kaum eine Stunde im Rollstuhl durch den Park schieben, weil er in der gleichen Zeit im Heim sechs Menschen betreuen könnte. Wir Zivis schon."

Clemens Krüger leistet seinen Zivildienst in einer Berliner Behindertenwerkstatt ab. Es ist eine Papierwerkstatt, in der Schulhefte für Waldorf-Schüler gemacht werden. Der Zivi falzt die Papierbögen an der Schneidemaschine, die Behinderten legen sie zusammen.

Doch Kevins und Clemens' Job ist ein Auslaufmodell. Denn ab August will Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) den Dienst auf nur noch sechs Monate beschränken.

"Ein halbes Jahr macht kaum Sinn"

Clemens ist seit genau sechs Monaten dabei - so lange, wie der Zivildienst künftig dauern soll. Der 19-Jährige brauchte zwar nur wenige Tage, um Berührungsängste abzubauen. Bei einigen seiner behinderten Mitarbeiter dauerte es jedoch rund ein halbes Jahr, bis sie ihn in ihrer Gemeinschaft zu akzeptiert hatten.

Eigentlich kann er jetzt erst richtig in die Arbeit einsteigen.

Auch Kevin im Stadtdomizil ist seit sechs Monaten dabei. Seine Bilanz: "Ein halbes Jahr macht kaum Sinn. Ich habe mich hier gerade richtig eingelebt, kenne alle Leute und fange jetzt an, wirklich eigenständig zu arbeiten."

Über Jahrzehnte prägten Zivildienstleistende das Bild von sozialen Einrichtungen in Deutschland. In der Hochzeit des Ersatzdienstes von Mitte der Neunziger Jahre bis Anfang der Nullerjahre leisteten rund 130.000 junge Männer pro Jahr Zivildienst. Aus Altersheimen, Krankenhäusern und Behinderteneinrichtungen waren sie kaum noch wegzudenken. Ihr Dienst dauerte damals 13 Monate, später elf, zehn und ab 2004 nur noch neun Monate. Und heute? Von den 111.000 Zivildienstplätzen in Deutschland waren zum Stichtag 1. April 38.000 nicht besetzt.

Nun soll der Dienst ab August erneut verkürzt werden - auf dann nur noch sechs Monate. Nach wochenlangem Ringen einigte sich die schwarz-gelbe Koalition auf ein Konzept. Zivildienstleistenden soll künftig eine freiwillige Verlängerung um drei bis sechs Monate ermöglicht werden - ein Punkt, über den Union und FDP zuletzt heftig gestritten hatten. Die Union wollte den Zivildienstleistenden eine freiwillige Verlängerung um bis zu sechs Monate anbieten, die möglichst unbürokratisch ablaufen sollte. Die FDP war von den Plänen wenig erbaut, denn sie sah darin eine Festschreibung der Dienstpflicht. Im Wahlkampf hatten sich die Liberalen für das Ende von Wehr- und Zivildienst ausgesprochen.

Jetzt verständigten sich die Koalitionäre darauf, dass die Entscheidung über eine Verlängerung des Zivildienstes erst zwei Monate nach Antritt getroffen werden kann. Damit solle verhindert werden, dass Anbieter von Zivildienststellen nur noch Bewerber einstellen, die sich von vorneherein bereit erklären, ihren Dienst zu verlängern. Zudem soll bis Mitte Juni ein Konzept zur Reform der Freiwilligendienste erarbeitet werden.

Viele Einrichtungen warnen vor dem endgültigen Aus für den Dienst

Die zuständige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) begrüßte die Einigung. "Nach langen Debatten ist das Ziel zum Greifen nah: Der Zivildienst ist gerettet", sagte die Christdemokratin SPIEGEL ONLINE. Die Regelung, die nun noch im Kabinett beraten werden muss, hat aus Schröders Sicht zwei große Vorteile. "Die jungen Männer könnten den Zivildienst verlängern, wenn sie das wünschen. Und die Zivildienststellen hätten damit endlich die nötige Planungssicherheit."

Schröder rechnet damit, dass etwa ein Drittel der Zivis verlängern wird, weil viele so die Lücke zwischen dem Ende ihrer regulären Dienstzeit und dem Beginn von Ausbildung oder Studium füllen könnten. Der "Bild am Sonntag" sagte sie kürzlich, das seien in der Regel die besonders Engagierten.

Doch wie realistisch das ist, kann derzeit keiner sagen. Kevin etwa könnte sich im Hamburger Altersheim eine Verlängerung theoretisch vorstellen, weil ihm der Job inzwischen richtig Spaß macht. Aber: Er will im Wintersemester sein Studium zum Zahnarzt oder Ingenieur beginnen - und das geht vor.

Viele Träger, die Zivis beschäftigen, sehen deshalb schon das endgültige Aus für den Wehrersatzdienst voraus. Rainer Hub vom Bundesverband der Diakonie nannte die Pläne im SPIEGEL einen "Todesstoß". Viele soziale Träger drohen damit, aus dem System gleich ganz auszusteigen. Das Argument: Sechs Monate sind einfach zu wenig, die Einarbeitungszeit zu lang, der Nutzen zu gering.

Auch bei vorangegangenen Zivildienstverkürzungen hat es bereits Konsequenzen gegeben: So bilden Rettungsdienste in Bayern - außer beim Roten Kreuz - keine Zivis mehr als Sanitäter aus, weil allein die Ausbildung schon mindestens drei Monate dauert.

Freiwillige Helfer statt Zivis

Längst schwenken viele soziale Einrichtungen um - und setzen auf Helfer, die aus freien Stücken kommen. Immer schneller wächst nämlich die Zahl der jungen Leute, die ein Freiwilliges Soziales Jahr, FSJ, absolvieren wollen. 2009 waren es bereits 37.000. Einer Studie des Familienministeriums zufolge hätten es dreimal mehr sein können - wenn es denn genügend Plätze für die engagierten Schulabgänger gäbe.

Der Vorteil für die Einrichtungen: Die FSJler bleiben in der Regel zwölf Monate, eine Verlängerung auf 18, manchmal sogar 24 Monate ist möglich. Nachteil: Sie sind im Schnitt laut Bundesarbeitskreis FSJ ein bisschen teurer für die Einrichtungen als Zivis. Die Bezahlung der Freiwilligen ist nicht ganz klar geregelt. Sie bekommen in der Regel 120 bis 240 Euro Taschengeld - in Ausnahmefällen kann der Betrag auf bis zu 350 Euro hochgehen. Außerdem müssen die Arbeitgeber für Unterkunft, Verpflegung und Sozialversicherung sorgen. Dafür bekommen sie einen Zuschuss vom Bund und in manchen Regionen auch einen vom Land.

Sabine Riediger ist Direktorin des Hamburger Stadtdomizils und damit Kevins Chefin. Sie bezeichnet ihre Zivis als "super Unterstützung, da im Alltag immer schiebende Hände fehlen". Die jungen Männer brächten außerdem "jugendlichen Schwung ins Haus" - zur Freude der greisen Frauen und Männer.

Für die Senioren wäre ein häufiger Wechsel der Helfer eine Belastung

Feste Termine im Zivi-Alltag sind ein Bingo-Nachmittag, den Kevin leitet, und die Teilnahme am Wassertreten im Therapiebad. Die Senioren müssen nicht allein durch das knapp kniehohe Wasser waten, Zivi Kevin krempelt seine Jeans hoch und steigt mit hinein. Geduldig geht er mit den alten Leuten im Kreis, hält sie an der Hand, stützt sie auf den wenigen Stufen, die hinunter ins Wasser führen. Kevin packt an, wo Hilfe nötig ist, und unterstützt die professionellen Betreuer bei der Arbeit.

Riediger ist gegen die geplante Verkürzung des Diensts. Neben Einarbeitungszeit, Schulungen und Urlaub bliebe zu wenig Zeit übrig, um tatsächlich im Heim und mit den Bewohnern zu arbeiten. Auch für die Senioren wäre ein häufiger Wechsel der Helfer eine Belastung, da es für sie schwer sei, sich ständig auf neue Leute einzustellen.

Wie es in dem Hamburger Altenheim weitergeht, hat Riediger noch nicht geplant. Aber die Direktorin hat durchaus auch die Freiwilligen im Blick. Das Stadtdomizil beschäftigt schon jetzt FSJler.

In der Berliner Behindertenwerkstatt, in der Clemens arbeitet, ist Hartmut Hanack für die Zivis zuständig. Noch. Möglicherweise braucht man den Posten dort bald nicht mehr. Denn Hanack hält den halbjährigen Zivildienst in der Behinderteneinrichtung für nicht praxistauglich. "Zivildienstleistende für sechs Monate sind für uns nicht interessant, weil die Ausbildung, die Lehrgänge und auch die Dauer des persönlichen Kennenlernens in keinem Verhältnis stehen. Wir werden voraussichtlich keine Zivildienstleistenden für sechs Monate einstellen." Auch die Behindertenwerkstatt setzt schon jetzt auf FSJler - und in Zukunft noch viel mehr.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 117 Beiträge
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1. kein tittel
Gebetsmühle 18.05.2010
Zitat von sysopDer Zivildienst soll ab August nur noch sechs Monate dauern - das hat die Bundesregierung beschlossen. Doch damit könnte der Dienst zum Praktikum verkommen. Viele soziale Einrichtungen haben für die Kurzzeit-Helfer kaum noch Verwendung und steigen auf freiwillige Helfer um. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,691604,00.html
besser wäre, den ganzen laden gleich aufzulösen und die marktwirtschaft einzuführen. das schafft arbeitsplätze.
2. Re
dent42 18.05.2010
Warum nicht ein freiwilliges soziales Jahr, das zusätzliche Wartesemester für die Uni bringt? Wahrscheinlich zu einfach gedacht.
3. Zivildienst
QWERT 18.05.2010
Zitat von Gebetsmühlebesser wäre, den ganzen laden gleich aufzulösen und die marktwirtschaft einzuführen. das schafft arbeitsplätze.
Ich verstehe das auch nicht ganz. Der Zivildienst war doch irgendwann mal die Alternative für den Wehrdienst. Jetzt stellt der Zivildienst eine kostengünstige Möglichkeit für den Staat dar, Arbeitskräfte für was auch immer zu verpflichten. Ich will das nicht gleich mit Planwirtschaft vergleichen (solche Vergleiche nerven ja doch schnell). Aber ein wenig erinnert mich das daran schon.
4. .
apira 18.05.2010
Zitat von sysopDer Zivildienst soll ab August nur noch sechs Monate dauern - das hat die Bundesregierung beschlossen. Doch damit könnte der Dienst zum Praktikum verkommen. Viele soziale Einrichtungen haben für die Kurzzeit-Helfer kaum noch Verwendung und steigen auf freiwillige Helfer um. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,691604,00.html
Ist mir unerklärlich, welche Argumente bei denen für die Beibehaltung der Wehrpflicht ausschlaggebend waren. Diese Regelung, die obendrein noch worst case ist, zeigt wieder einmal die Regierungsunfähgikeit der schwarz-gelben Koalition. Nicht, dass die mit Schwachsinnigkeiten bisher gegeizt hätten, aber hiermit schießen die den Vogel ab: Die enormste Neuverschuldung in der Geschichte, haufenweise Politikbaustellen, aber hauptsache erstmal Milliarden für diesen Quatsch rausschmeissen.
5. ah ja
Kosmopolit08 18.05.2010
Zitat von Gebetsmühlebesser wäre, den ganzen laden gleich aufzulösen und die marktwirtschaft einzuführen. das schafft arbeitsplätze.
Genau, wie gut das funktioniert sieht man an den Städtischen Kliniken. Stellenabbau und möglichst viele Patienten in Unterversorgung durch minimal besetzte Stationen...
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Zivildienst in Deutschland
Musterung
DPA
Der Zivildienst ist eng mit dem Wehrdienst verknüpft und wurde 1961 für Wehrpflichtige eingeführt, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Wie alle Wehrpflichtigen müssen künftige Zivis zunächst an einer Musterung teilnehmen und können erst danach ihre Verweigerung schriftlich beim Kreiswehrersatzamt einreichen. Junge Männer dürfen also nicht einfach zwischen Wehr- und Zivildienst wählen - ihre Gewissensgründe (etwa Erziehung zur Gewaltfreiheit und religiöse Ansichten) müssen offiziell anerkannt werden. Darüber entscheidet das Bundesamt für Zivildienst.
Dauer
Mit der Kriegsdienstverweigerung entstanden die Sozialdienste. Anfangs dauerte der Zivildienst 15 Monate, Ende der achtziger Jahre sogar 20 Monate. In den Achtzigern legte das Zivildienstgesetz fest, dass er ein Drittel länger dauern musste als der Wehrdienst - Verweigerer sprachen darum vom "Zuvieldienst". Inzwischen haben Wehr- wie Zivildienst die gleiche Länge. Noch 2010 wird die Dauer von neun auf sechs Monate verkürzt.
Zahlen
Die ersten 340 Kriegsdienstverweigerer traten am 10. April 1961 ihren Dienst an. Die Rekorde lagen bei 130.000 in den Jahren 1997 und 2003. 2009 leisteten im Jahresschnitt 65.000 Zivis ihren Dienst ab. Etwa zwei Drittel arbeiten im Sozialbereich, vor allem in der stationären wie ambulanten Hilfe für alte, kranke und behinderte Menschen. Auch im Umweltschutz kommen Zivis zum Einsatz.
Ersatzdienst
Anstelle des Wehr- oder Zivildienstes können junge Männer auch einen Ersatzdienst leisten, etwa durch Mitarbeit im Technischen Hilfswerk beim Katastrophenschutz. Das 1950 in Bonn gegründete THW organisiert technische Hilfe im Zivilschutz und bei der Bekämpfung von Katastrophen, öffentlichen Notständen und Unglücksfallen größeren Ausmaßes. Als Ersatz für den Zivildienst werden auch das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) oder das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) anerkannt.
Im Ausland
Rund 1000 Verweigerer jährlich leisten den "Anderen Dienst" im Ausland, der mindestens zwei Monate länger dauert als der Zivildienst. Er muss vor Vollendung des 23. Lebensjahres angetreten werden und das friedliche Zusammenleben der Völker fördern. Die Tätigkeit soll in einer praktischen Arbeit im sozialen Bereich bestehen. Sie wird unentgeltlich und über einen staatlich anerkannten Träger abgeleistet.