Politik

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Kampf gegen den Diesel

Die erfundenen Toten

Jedes Jahr 6000 vorzeitige Tote durch Stickoxid - damit erschreckte das Umweltbundesamt die Deutschen. Was nach Wissenschaft klingt, ist in Wahrheit eine politische Zahl einer durch und durch politisierten Behörde.

Eine Kolumne von

DPA

Holzofen

Donnerstag, 15.03.2018   17:54 Uhr

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Mir ist in der letzten Kolumne ein Fehler unterlaufen. Ich habe "MAK" und "AIR" verwechselt. Ich hatte geschrieben, dass in Büros 950 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter erlaubt seien, also 24 mal so viel wie am Straßenrand. Doch das trifft nur für Handwerksbetriebe und das verarbeitende Gewerbe zu, wo die Verordnung zur "Maximalen Arbeitsplatz-Konzentration" gilt. In Büros sind die niedrigeren Werte des "Ausschusses für Innenraumrichtwerte" ausschlaggebend. So leicht kann man sich verlaufen, wenn man über deutsche Vorschriften zur Sicherheit am Arbeitsplatz schreibt.

Ich wurde mit Aufforderungen bestürmt, den Fehler zu korrigieren. Überhaupt sei die Kolumne zum Diesel eine Frechheit, meinte eine Reihe von Lesern. Ich würde "gefährliches Halbwissen" verbreiten, schrieb der beim Naturschutzbund Deutschland für Verkehrspolitik zuständige Mann. "Selten einen schrägeren Artikel gelesen", twitterte die ehemalige grüne Parteichefin Simone Peter. 6000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr seien mir offenbar egal, hieß es immer wieder.

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Mich hat die Sache verständlicherweise nicht ruhen lassen. Wenn 6000 Menschen früher ihr Leben aushauchen, weil Leute wie ich partout mit dem Diesel in die Stadt fahren wollen, bleibt man auch als Kolumnist nicht ungerührt. Die Zahl der Verkehrstoten lag 2016 mit 3200 nur halb so hoch. Zwar sind keine Babys und Kleinkinder darunter, weil man länger gelebt haben muss, um an einer Stickoxidbelastung zu sterben. Aber das ist nur ein schwacher Trost.

Auf die Zahl mit den 6000 vorzeitigen Toten stößt man sofort, wenn man die Folgen von Stickoxiden googelt. Sobald man nach der Quelle sucht, landet man beim Umweltbundesamt. Anfang des Monats hat die Behörde eine Studie veröffentlicht, in der die Zahl auftauchte. Seitdem kommt kaum ein Artikel, der die Gefahr des Diesels für die Volksgesundheit beschreibt, ohne Hinweis auf die vorzeitigen Todesfälle aus. Kein Wunder: Umweltbundesamt! Das ist besser als Greenpeace und Amnesty zusammen.

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Ich bin ein neugieriger Mensch. Wie stellt man fest, dass 6000 Menschen in Deutschland noch leben könnten, wenn es den Dieselmotor nicht gäbe, habe ich mich gefragt. Anders als bei einer Vergiftung mit Zyankali tritt der Tod bei Stickoxiden nicht sofort ein. Wenn überhaupt, kommt er schleichend. In der Liste des statistischen Bundesamtes zu Todesursachen fehlen Stickoxid-Tote. Man findet dort nahezu jede Todesart. Es gibt "Hitzeerschöpfung durch Wasserverlust" oder umgekehrt "Ertrinken und Untergehen in der Badewanne: Zu Hause". Aber Tod durch Dieselbegasung? Nichts. Nicht mal eine klitzekleine Fußnote.

Wie will man also erkennen, dass Menschen an den Folgen von Stickoxid verendet sind, und nicht, weil sie an einer Erbkrankheit oder Übergewicht litten? Das können selbst die Experten beim Umweltbundesamt beim besten Willen nicht sagen. Deshalb rechnen sie einfach die vermuteten Folgen auf die Bevölkerung hoch und sprechen von "vorzeitigen Todesfällen", womit gemeint ist, dass eine bestimmte Anzahl von Menschen nicht so lange gelebt hat, wie sie theoretisch hätten leben können.

Genauso gut könnte man den lebensverkürzenden Effekt beim übermäßigen Genuss von Eiern aus Legebatterien zu beziffern versuchen. Aber 6000 vorzeitige Tote klingen schön schaurig, deshalb werden sie überall zitiert.

Warum gibt sich eine Behörde für eine solche Verrenkung her? Man sollte meinen, dass sie beim Umweltbundesamt Besseres zu tun haben, als die Öffentlichkeit mit Scheingenauigkeiten zu erschrecken. Aber dann fiel mir ein: Ist das nicht die Behörde, die einen langen Rechtsstreit führen musste, weil sie Journalisten, die abweichende Meinung vertraten, als Leute brandmarkte, denen man nicht glauben darf? So etwas kommt normalerweise nur in Ländern wie Aserbaidschan vor, aber wenn es um den Schutz der Umwelt geht, darf es nach Meinung vieler ruhig ein wenig autokratisch zugehen.

Es ist so eine Sache mit dem vorzeitigen Ableben. Raucher zum Beispiel nehmen 5000 Mikrogramm Stickoxid täglich zu sich. Erstaunlich, dass sie nicht auf der Stelle umfallen nach allem, was man über die tödliche Wirkung dieser Gase lesen kann. Auch jede Art von Feuer im Haus kann kreuzgefährlich sein.

60.000 vorzeitige Todesfälle gehen angeblich auf das Konto der Holzfeuerung, dagegen ist der Diesel nichts. Wer es nicht glaubt, hier ist der Link. An einem Gasherd wiederum werden beim Kochen Spitzenwerte von 4000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft erreicht. Wo bleibt die Kampagne gegen den Gasherd?

DPA/BSH

Gasherd

Je genauer man sich mit der Materie befasst, desto verwirrender wird es. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass die EU-Richtlinie zu den Grenzwerten vorsieht, dass mit einer Entfernung von 25 Metern zu verkehrsreichen Kreuzungen gemessen wird. Nun lese ich, dass die Messgeräte in Deutschland direkt an der Fahrbahn stehen. Ich habe das nicht überprüft. Aber wenn das stimmt, muss man sich nicht wundern, dass bei uns Dieselalarm herrscht.

Es gehört zu den Paradoxien der Gegenwart, dass wir aus Angst vor Umweltgiften von einer Ohnmacht in die andere fallen, dabei aber gleichzeitig immer älter werden. Ein Leser schickte mir die Tage eine Karikatur aus dem "New Yorker" zu, die zwei Steinzeitmenschen im Gespräch zeigt. "Jeden Tag frische Luft, sauberes Wasser und ausreichend Bewegung", sagt der eine zum anderen. "Und dennoch werden wir nur 30 Jahre alt. Irgendetwas machen wir falsch."

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