Grüner Trittin zum Dieselgipfel "Die Autokonzerne haben Geld wie Heu"

Der Grünen-Politiker und Ex-Umweltminister Jürgen Trittin hat keinen Führerschein - und hält den Diesel für gescheitert. Autokonzerne nennt er "Betrüger", Aktionäre von Daimler oder BMW sollten auf ihre Gewinne verzichten.

Jürgen Trittin
imago/ Olaf Selchow

Jürgen Trittin

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Bund, Länder und Autokonzerne treffen sich am Mittwoch zum Dieselgipfel. Angesetzt sind zwei Stunden. Kann da etwas Sinnvolles herauskommen?

Trittin: Da habe ich Zweifel. Alle Teilnehmer stehen vor der Frage, ob sie auf der Seite der Gesundheit der Menschen und der betrogenen Dieselkäufer stehen - oder ob sie die Weigerung der Autoindustrie, Millionen Fahrzeuge nachzurüsten, weiter akzeptieren. Ein vernünftiges Ergebnis ist in so kurzer Zeit unrealistisch. Zumal Verbraucher- und Umweltschützer nicht mit am Verhandlungstisch sitzen. Ohne sie kann es keine Lösung geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen etwa von der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die gerichtlich Dieselfahrverbote in deutschen Städten erzwingen will?

Trittin: Die Klagen der DUH zwingen Bundesregierung und diverse Landesregierungen dazu, sich endlich rechtstreu zu verhalten. Die Grenzwerte für giftige Stickoxide werden in unseren Städten konstant überschritten. Deutschland verletzt seit Jahren europäisches Recht zur Luftreinhaltung und Fahrzeugzulassung. Erst jetzt, da Fahrverbote drohen, wird man wach. Die Gipfelteilnehmer haben wohl heimlich darauf gehofft, dass sich das Thema bis nach der Bundestagswahl aufschieben lässt. Zum Glück haben wir Gerichte, denen der Wahlkalender egal ist.

Zur Person
  • DPA
    Jürgen Trittin, Jahrgang 1954, ist Grünen-Bundestagsabgeordneter und Experte für Außenpolitik. Er war Spitzenkandidat seiner Partei im Bundestagswahlkampf 2013 und führte die Fraktion von 2009 bis 2013. Von 1998 bis 2005 war Trittin unter Rot-Grün Bundesumweltminister, zuvor unter anderem Landesminister in Niedersachsen und Chef der Bundes-Grünen. Trittin gehört dem linken Flügel seiner Partei an.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundeskanzlerin ist im Urlaub. Hätte sie ihn für den Gipfel unterbrechen müssen?

Trittin: Ihr Fernbleiben zeigt, dass die schwarz-rote Bundesregierung keinen Plan hat, wie sie mit der Autokrise umgehen will. Die Kanzlerin ist die Patin des Autokartells und vertraut ihrem Gehilfen, CSU-Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Und die SPD haut starke Sprüche raus, drückt sich aber um die Kernfrage herum: Sollen Millionen Fahrzeuge so umgerüstet werden, dass sie den gesetzlichen Normen entsprechen - und bezahlt das die Industrie?

SPIEGEL ONLINE: Gesetzt den Fall, die Konzerne sagen: Wir rüsten die Euro-5- und Euro-6-Dieselflotte auf eigene Kosten um und sorgen für messbar weniger Schadstoffe. Reicht das?

Trittin: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Autoindustrie weiter nur an der Software herumfummeln will. Doch damit werden die erforderlichen Grenzwerte niemals erreicht. Nötig ist eine technische Nachrüstung, also der Einbau einer veränderten Abgasreinigungsanlage in die Autos. Das kostet zwischen 1000 und 1500 Euro pro Auto. Davor schreckt die Branche zurück. Die Konzerne wollen dieses Geld nicht ausgeben.

"Betrüger haben kein Vertrauen verdient"

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht nachvollziehbar? Es hängen 800.000 Jobs an der Autoindustrie.

Trittin: Wir dürfen unsere Investitionsfähigkeit nicht gefährden, wir müssen Geld verdienen, klagt die Branche immer. Dabei haben die Autokonzerne Geld wie Heu! In den letzten zehn Jahren hat Daimler neben den Gewinnen, die im Unternehmen verblieben sind, 21 Milliarden Euro an die Aktionäre ausgeschüttet, bei BMW waren es 13 Milliarden. Aus diesen Mitteln wäre die Nachrüstung aller betroffenen Fahrzeuge problemlos zu finanzieren. Die Aktionäre müssen auf ihre Gewinne verzichten, damit die Unternehmen, die ihre Kunden betrogen haben, sich am Markt wieder seriös aufstellen. Sonst sind die Arbeitsplätze wirklich in Gefahr.

SPIEGEL ONLINE: Abgas-Manipulationen, geheime Kartellabsprachen: Kann man der Branche noch vertrauen?

Trittin: Die Unternehmen könnten dieses Vertrauen möglicherweise wieder zurückerobern - durch eine belastbare technische Nachrüstung und Investitionen in moderne Technik. Aber aktuell sprechen wir hier von Betrügern, die sich in ihrem Betrug stets auf die Deckung des Kanzleramts verlassen konnten. Und Betrüger haben kein Vertrauen verdient.

SPIEGEL ONLINE: Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat offenbar Vertrauen und ist "sehr zuversichtlich", dass die Konzerne ältere Dieselmodelle nachrüsten werden.

Trittin: Winfried Kretschmann steckt in einem schwierigen Prozess und versucht, als Ministerpräsident ein Problem mit örtlichen Unternehmen zu lösen. Er gibt ihnen die Chance, sich dieses Vertrauens würdig zu erweisen. Eigentlich wollte er Fahrverbote mit der Einführung einer blauen Plakette umgehen, doch da wurde er vom Bund hängen gelassen. Das kann man Kretschmann schlecht zum Vorwurf machen.

Grünen-Politiker Roth, Özdemir, Göring-Eckardt, Hofreiter, Peter, Kretschmann
DPA

Grünen-Politiker Roth, Özdemir, Göring-Eckardt, Hofreiter, Peter, Kretschmann

SPIEGEL ONLINE: Ihre Partei will den kompletten Umstieg auf emissionsfreie Autos. Wie viel muss eine Familie im Jahr 2035 für ein in Deutschland produziertes E-Auto ausgeben?

Trittin: Das regelt der Markt, und der zeigt: Der Bedarf an emissionsfreien Autos ist da. Die Bestellzahlen vom Tesla Model 3 waren zuletzt höher als die Anzahl der Golfs, die VW in ganz Europa verkauft hat. Ich gehe davon aus, dass E-Autos in der Zukunft in der gleichen Preiskategorie oder billiger als der Großteil der heutigen Fahrzeuge zu haben sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben keinen Führerschein. Als Umweltminister im Jahr 2000 sagten sie: "Ich habe es zur Zeit nicht nötig, ein Auto selber zu fahren. Das ist das Privileg eines Ministers." Das ist eine Weile her, haben Sie doch mal über die Fahrerlaubnis nachgedacht?

Trittin: Ich lebe vor allem in Berlin und Göttingen, in beiden Städten komme ich mit Bahn und Fahrrad ganz gut zurecht.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie als Nicht-Autofahrer die Zukunft der Branche überhaupt beurteilen?

Trittin: Ich hab auch nie ein Atomkraftwerk betrieben und trotzdem den Ausstieg durchgesetzt. Und als Bundesumweltminister habe ich die Rücknahmepflicht von Altfahrzeugen und die Einführung des Partikelfilters durchgesetzt. Autofahrer erzählen mir, dass Elektroautos saugeil sind, weil sie abgehen wie Schmidts Katze. Das kann ich zwar persönlich nur auf dem Beifahrersitz erleben - aber ich sehe, wie sich die Märkte der Welt entwickeln. Und da sieht Deutschland bald nur noch die Rücklichter der anderen. Es ist an der Zeit, dass wir das ändern.

insgesamt 457 Beiträge
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Seite 1
omop 01.08.2017
1. Scharfmacher..
sollte man nicht ernst nehmen...sorry aber die Aussagen von Trittin sind billigster Populismus...Für jedes Unternehmen gilt immer noch Gewinnmaximierung. Und das die Grünen die grössten Autohasser sind, ist nun wahrlich kein neues Phänomen. Man kann m.E. nur hoffen, dass die Grünen bei der nächsten BT unter 5% kommen, damit sie nicht weiter Schaden anrichten.
spiegel__hh 01.08.2017
2. Trittin ist ein Sozialist
Es ist nicht Aufgabe unseres Staates festzustellen, ob und wann eine Privatperson oder ein Privatunternehmen "zu viel" Geld hat und dann daraus das Recht für staatliche Eingriffe abzuleiten. Das ist der Weg in den Sozialismus! Unglaublich, dass dieser Mann als Minister dienen durfte!
Andraax 01.08.2017
3. Innovation und Zukunft
Der entscheidende Satz ist "Ich sehe, wie sich die Märkte der Welt entwickeln. Und da sieht Deutschland bald nur noch die Rücklichter der anderen. Es ist an der Zeit, dass wir das ändern." Das ist das Versagen der deutschen Autobauer - ausruhen auf den Lorbeeren der vergangenen Tage, und daraus folgende mangelnde Zukunftsfähigkeit.
haifasuper 01.08.2017
4. Ring Frei
Politiker bezeichnet Autobauer als Betrüger, das verspricht exzellenten Unterhaltungswert.
pulverkurt 01.08.2017
5. Auch wenn hier gleich wieder...
... die ganzen Grünenhasser über ihn herfallen werden: Trittin hat in vielen Punkten recht.
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