Diplomatische Querelen Warum Mainzer Metzger nicht mit dem Präsidenten reden dürfen

Eigentlich wollte sich George W. Bush in Mainz als volksnaher und diskussionsfreudiger Staatslenker präsentieren. Doch eine Bürgerrunde mit vorher abgesprochenen Fragen lehnte das Auswärtige Amt in Berlin ab. Nun trifft sich der Präsident mit jungen Führungskräften – handverlesen von amerikanischen Instituten.

Von und Georg Mascolo, Washington


US-Präsident George W. Bush: Elite-Talk unterm Glaslüster
AFP

US-Präsident George W. Bush: Elite-Talk unterm Glaslüster

Fehlt da nicht etwas auf dem Programm, wenn heute US-Präsident George W. Bush in Mainz Station macht? Wo ist das so genannte Townhall-Meeting geblieben, eine Art Bürgerfragestunde im amerikanischen Stil? Noch vor wenigen Wochen hatte das Weiße Haus dieses Treffen zwischen ganz normalen Deutschen und dem mächtigsten Mann der Welt zum Herzstück des Bush-Besuches in Deutschland erklärt. Stolz erklärten US-Protokollbeamte, Bush wolle nicht nur die Politiker, sondern auch den Durchschnitts-Deutschen von der Richtigkeit seiner Politik überzeugen. Wo also könne man das besser tun als in einer offenen Runde, in der Handwerker, Fleischer, Bankangestellte und ein paar Studenten sitzen?

Die protokollarische Wirklichkeit sieht am Mittwochnachmittag anders aus. Das Townhall-Meeting ist gestrichen. Eine offizielle Begründung für die Absage gibt es weder von deutscher, noch von amerikanischer Seite. Aus dem Auswärtigen Amt (AA) hört man, das Treffen sei aus schlichten Termingründen entfallen. Alles ganz normal bei einem solchen Besuch mit vielen Ideen und nur wenig Zeit, so die Linie der Diplomaten. Hinter den Kulissen hingegen erscheint eine andere Erklärung: Eine unkontrollierte Begegnung mit dem erfahrungsgemäß US-skeptischen Normalo-Deutschen schien den Bush-Strategen zu unberechenbar. Einer Vorbereitung des Gedankenaustauschs nach US-Vorbild, bei der Teilnehmer und Fragen in einer Art Drehbuch sorgfältig ausgewählt werden, konnten die Deutschen wiederum nichts abgewinnen.

Bush mit offenem Visier

Ziemlich überrascht hatte das AA schon bei den ersten Planungen für die Mainz-Visite von Bush und seiner Frau Laura auf den unmissverständlichen Wunsch aus dem Weißen Haus reagiert, der Präsident wolle neben dem Kanzler auch mit ganz normalen Deutschen diskutieren. Weil dem Stab des Präsidenten die Sache aber so wichtig schien, machten sich die Protokollmitarbeiter das AA eilig an die Arbeit. Wo in Mainz sollte das Auditorium sitzen, wer sollte eingeladen werden? Wirtschaftsführer, Mainzer Bürger, Studenten, oder am besten alle gemeinsam?

Zum neuen Bush schien die Begegnung mit dem Bürger nur zu gut zu passen. Seit seiner Wiederwahl erscheint der Präsident selbstbewusst und schlagfertig, seinen Kritikern geht er nicht mehr aus dem Weg. Journalisten, die er einst mied, empfängt er inzwischen beinahe täglich zum Interview. Vor Publikum kann Bush locker, witzig und sehr überzeugend sein. Eine Hand am Mikrofon, die andere frei für große Gesten - Bush ist mittlerweile ein Meister in dieser von ihm hundertfach geprobten Form.

Offene Runde gegen die Missverständnisse

Das Townhall-Meeting schien der US-Administration wie gemacht, die skeptische deutsche Öffentlichkeit umzustimmen. Denn eine dauerhafte Verbesserung des Klimas, befanden die Strategen im Weißen Haus, ist nicht zu erreichen, wenn Bush nur die Politiker umstimmt. Die reagieren, halb aus Erleichterung über das Ende der Krise und halb aus staatspolitischer Vernunft, ohnehin recht freundlich. Der Präsident, erklärte einer seiner Pressesprecher noch vor zwei Wochen in Washington, werde in Europa trotzdem so schrecklich missverstanden. Umso mehr freue er sich auf das direkte Gespräch mit den Menschen.

Je länger aber die Diplomaten beider Seiten über die Tagesordnung für die Townhall-Runde diskutierten, umso offenkundiger wurden die verschiedenen Vorstellungen, wie der Programmpunkt Bürger treffen Bush vorbereitet werden muss. Das Weiße Haus, berichten deutsche Diplomaten, wollte Regeln ähnlich denen, die beim Besuch von Außenministerin Condoleezza Rice vor zwei Wochen galten.

Zensus für die Fragen

Damals wurden die Fragen für eine Diskussion mit Studenten einer französischen Eliteschule zuvor von Rices Stab begutachtet. Abgelehnt wurde etwa, was der Student Benjamin Barnier für Rice aufgeschrieben hatte: "George Bush wird in der Welt, vor allem im Nahen Osten, nicht verstanden, was können Sie tun, das zu ändern?" Genehmigt wurde lediglich Barniers Frage, ob im Irak eine theokratische Regierung nach iranischem Vorbild entstehe.

Eine solche Fragen-Regie aber war dem Auswärtigen Amt für die Mainz-Visite zuviel. Und Garantien, dass das Publikum nicht allzu kritisch nachhaken werde, wollten die Diplomaten von Joschka Fischer schon gar nicht abgeben. "Wir haben ihnen gesagt, seid nicht sauer auf uns, wenn böse Fragen gestellt werden", hat Wolfgang Ischinger, Deutschlands kundiger Botschafter in Washington, vergangene Woche bereits der "New York Times" anvertraut. Offiziell von der Agenda gestrichen wurde das Townhall-Meeting dennoch nie. Die Sache wurde ganz im Stil des gepflegten diplomatischen Umgangs geregelt - man redete einfach nicht mehr darüber.

Elite-Zirkel unterm Glaslüster

Statt der großen Runde trifft Bush nun einen elitären Kreis von so genannten "jungen Führungskräften". Eine ganze Stunde lang haben die rund 20 Teilnehmer der exklusiven Runde im edlen Mozartsaal des Schlosses in Mainz die Gelegenheit, den US-Präsidenten hautnah kennen zu lernen. Das Motto der Runde lautet "Ein neues Kapitel der transatlantischen Beziehungen". Unter den knapp sechs Meter hohen Decken des Parkettsaals sollen die im internationalen Slang gern auch als "young leaders" bezeichneten Teilnehmer als Vertreter der deutschen Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild von George W. Bush gewinnen. Um die offene Rede zu garantieren, wurde die Presse von dem Termin von vornherein ausgeschlossen. Eventuelle Peinlichkeiten bleiben damit auch im kleinen Kreis.

Wer nun am frühen Mittwochnachmittag im "Mozartsaal" unter dem beeindruckenden Lüster am Konferenztisch Platz nimmt, suchten mehrere US-Institute in Deutschland aus. In den letzten Tagen schickte beispielsweise das Aspen-Institut und der US-finanzierte German Marshall Fund Listen mit möglichen Teilnehmern an das Auswärtige Amt. Voraussetzung war, dass die Nominierten zwischen 20 und 30 sind und bereits in jungem Alter Führungspositionen einnehmen. Folglich stehen nun keine Fleischer oder Handwerker, sondern junge Mitarbeiter der Firmen DaimlerChrysler, der Deutschen Bank oder der Unternehmensberatung McKinsey auf der elitären Gästeliste.

Bush trifft man nicht beim Brötchenholen

Eine der Teilnehmerinnen an der Bush-Runde ist die 31-jährige Berlinerin Katrin Heuel, Mitarbeiterin des Aspen-Instituts. Erst vor einigen Tagen bekam sie die Einladung aus dem Protokoll des AA und machte sich am Mittwochmorgen auf dem Weg nach Mainz. Ein bisschen nervös ist sie schon, schließlich trifft man George W. Bush ja nicht jeden Tag beim Brötchenholen in Berlin-Mitte. Von Absprachen für die Fragen oder einem Drehbuch für die Veranstaltung ist ihr hingegen nichts bekannt. "Ich werde ganz offen zu den Themen Iran, Nordkorea und Russland fragen", so die junge Mitarbeiterin der Programmleitung des Instituts am Nachmittag vor dem großen Tag. Gespannt sei sie, wie der Präsident auf die jungen Leute reagieren werde.

Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin hieß es ebenfalls, dass es vor der Runde kein Briefing über den Ablauf geben werde - zumindest nicht von der deutschen Seite. Lediglich eine ganze Reihe von Sicherheitschecks stünde routinemäßig auf dem Plan, da für den Mittags-Talk natürlich der höchste Standard gelte. Was der amerikanische Stab rund um den Präsidenten den "young leaders" vor dem Gespräch einflüstert, ist nicht bekannt. Zum Glück aber schließt eigentlich ja schon das Ober-Thema der Runde unangenehme Fragen nach der Vergangenheit aus - schließlich soll es ja um die Zukunft gehen.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.