Spitzelaffäre um Islamverband Ditib Verrat in der Moschee

Der Islamverband Ditib steht in Deutschland unter Druck - unter anderem geht es um Vorwürfe, deutsche Lehrer seien bespitzelt worden. Auch Ditib-Mitarbeiter berichten von Schikane, der moderate Flügel wird offenbar zur Zielscheibe.

Ditib--Moschee in Duisburg-Marxloh
DPA

Ditib--Moschee in Duisburg-Marxloh

Von


Viele Jahre lang war die Ditib so etwas wie der Liebling der deutschen Politik unter den Islamverbänden. Die Türkisch-Islamische Anstalt für Religion, die mehr als 900 Moscheen in Deutschland betreibt und der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht, schien dem deutschen Staat zuverlässig, in Sachen religiösen Extremismus unverdächtig.

Über den Fakt, dass die Ditib eng mit der türkischen Regierung verflochten ist, sah man da gerne hinweg. Vor allem deshalb, weil Recep Tayyip Erdogan, als er die AKP 2002 zum Sieg führte und ein Jahr später Regierungschef wurde, deutlich gemäßigter auftrat, der von Ankara propagierte Staatsislam moderater schien.

Jetzt - seit dem Putschversuch in der Türkei und den "Säuberungaktionen" im Staatsapparat - ist die Lage ganz anders. Es gibt schwerwiegende Vorwürfe gegen den Islamverband.

Ditib-Imame und Religionsattachés sollen im Auftrag der Diyanet Gemeindemitglieder sowie deutsche Lehrer bespitzelt und sodann angebliche Anhänger des islamischen Predigers Fetullah Gülen in Ankara gemeldet haben. Gülen wird von der türkischen Regierung für den gescheiterten Umsturzversuch im Sommer verantwortlich gemacht. Nun ermittelt die Bundesanwaltschaft. Zuletzt erklärte Nordrhein-Westfalen, die Zusammenarbeit mit dem Ditib-Verband im Beirat für den islamischen Religionsunterricht vorerst aussetzen zu wollen.

Wie aber die Untersuchungen der Fälle durch den Islamverband selbst vorankommen? Auf diese Anfrage reagiert Ditib-Generalsekretär Bekir Alboga seit vergangener Woche nicht.

Ditib-Imame sollen Schreiben aus der Türkei bekommen haben

Doch Ditib-Mitarbeiter sind in Sachen Spionage und Verleumdung wohl nicht nur selbst Täter - sondern auch Opfer. Direkt nach dem Putschversuch wurden, so wird es von unterschiedlichen Quellen berichtet, zahlreiche für die Ditib in Deutschland tätige Imame von der Regierung in Ankara aufgefordert, sich in die Türkei zu begeben.

Der Vorwurf: Sie seien Gülen-Sympathisanten. Offizielle Zahlen gibt es nicht, immer wieder ist von einem Viertel aller Ditib-Imame in Deutschland die Rede, die ein entsprechendes Schreiben erhalten hätten. Im November hatte der NDR anonym über einen ehemaligen Ditib-Prediger in Norddeutschland, einen Gülen-Sympathisanten, berichtet. Der Mann war dem Sender zufolge aus Furcht untergetaucht.

Die Schikane richtet sich aber nicht nur gegen tatsächliche oder vermeintliche Anhänger des Predigers Gülen - früher Erdogans Verbündeter, heute sein Erzfeind. Ins Visier geraten auch Ditib-Leute, die sich politisch weder aufseiten Erdogans noch Gülens positionieren und die sich in Deutschland für Integration engagieren, etwa zusammen mit deutschen Lokalpolitikern an Runden Tischen sitzen oder Initiativen gegen Extremismus ins Leben gerufen haben.

Anders als die Ditib-Imame, die jeweils für höchstens fünf Jahre vom türkischen Staat nach Deutschland entsandt werden, sind viele andere Ditib-Leute, etwa aus den Gemeindevorständen, in Deutschland aufgewachsen. Sie haben einen deutschen Pass, leben hier dauerhaft. Für das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sind sie - und nicht die Imame, die oft kaum Deutsch sprechen - die entscheidenden Akteure.

Gerade diese Gruppe der moderaten, engagierten Ditib-Leute gerät zunehmend unter Druck. Groß ist die Angst, öffentlich über Anfeindungen zu sprechen. Die sozialen Netzwerke sind voll von Hasskampagnen. "Diese Menschen fürchten, dass ihre Gegner eine Suchkette in Gang setzen, falls sie so erzählen, dass ihr Fall wiederzuerkennen ist", sagt ein Experte, der mit Betroffenen in Kontakt ist: Es gehe da ganz schnell um die Existenz der Menschen."

Asylanträge in Deutschland?

Ein Ditib-Mitarbeiter berichtet dem SPIEGEL, er sei von Männern, die nicht zur Moscheegemeinde gehörten, beschimpft und körperlich bedrängt worden, weil er das Gebetshaus für Menschen aller Seiten öffne, also auch für Erdogan-Kritiker. Auch er will seinen Namen nicht veröffentlicht sehen. Als türkischer Staatsbürger habe er zudem große Angst, in die Türkei zu reisen.

Es gibt noch andere Beispiele dafür, dass insbesondere der moderate Flügel des Islamverbands unter Druck gerät. Bereits im vergangenen Jahr wurde der Ditib-Vorstand der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln abgesetzt - auf Weisung des türkischen Religionsattachés, so berichteten es damals Lokalmedien. Der bisherige Gemeindevorstand Ender Cetin hatte sich in seiner Amtszeit um Integration bemüht und wollte auch für konservative Muslime schwierige Themen in der Moschee behandeln: So lud er im Jahr 2014 Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender in die Moschee ein, musste diese Einladung aber nach Druck wieder zurücknehmen.

Gökay Sofuoglu, Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sagt, die Reformfreudigen seien bei der Ditib in der Mehrheit, die Minderheit sei durch ihre Verbindung zum türkischen Staat aber in einer starken Position.

Weiß die deutsche Politik um diese Problematik? Aus der Staatskanzlei eines Bundeslands heißt es gegenüber dem SPIEGEL: "Jeder, der für Dialog etwa mit christlichen Gemeinden eintritt, gerät gleich in Verdacht, der Gülen-Bewegung anzugehören." Es kursierten etwa Verschwörungstheorien über Gülens Verbindungen zur katholischen Kirche.

Ein Kirchenvertreter sagt: "Deutlich ist, dass die Ditib derzeit nicht mit einer Stimme spricht und dass es eine große Verunsicherung bei vielen gibt. "

Immer wieder ist auch die Rede davon, dass Ditib-Imame um Asyl ersucht hätten oder dies planten. Bislang gibt es dafür keine Bestätigung - das Thema ist heikel, auch für die diplomatischen Beziehungen zwischen Berlin und Ankara. Als im November das Auswärtige Amt politisch verfolgte Türken auf die Möglichkeit hinwies, dass sie in Deutschland um Asyl ersuchen könnten, reagierte die türkische Regierung wütend.

Die Stimmung sei jedenfalls angespannt, heißt es aus einer Landesregierungszentrale. Niemand wisse, wer von den Ditib-Leuten als Nächstes den Befehl bekomme, sich in der Türkei zu melden.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.