Djerba-Explosion 15-jährige Deutsche gestorben

Eine Woche nach der Explosion auf Djerba ist ein 15 Jahre altes Opfer in Lübeck seinen Verletzungen erlegen. Laut Innenminister Otto Schily verdichten sich die Anzeichen, dass es sich bei der Katastrophe in Tunesien um ein Attentat handelte.


Djerba: Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor der Synagoge
AP

Djerba: Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor der Synagoge

Hamburg - Die Patientin sei am Mittwochabend "erwartungsgemäß ihren schweren Verletzungen erlegen", sagte der Leiter der Intensiveinheit für Schwerbrandverletzte im Lübecker Uniklinikum, Peter Mailänder. Der Zustand der 13 und 16 Jahre alten Schwestern der 15-Jährigen sei stabil. Sehr kritisch sei hingegen der Zustand einer 33-Jährigen. Bei dem mutmaßlichen Anschlag sind damit 16 Menschen ums Leben gekommen, darunter elf Deutsche.

Verbraucherschützer forderten unterdessen eine offizielle Reisewarnung der Bundesregierung für Tunesien. "Es ist unverantwortlich, keine allgemeine Warnung auszusprechen, wenn selbst die Regierung von einem Terroranschlag ausgeht", sagte die verbraucherpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Gudrun Kopp, der "Bild"-Zeitung. Nach geltender Rechtsprechung können Verbraucher einen Reisevertrag nur ohne Zusatzkosten kündigen oder umbuchen, wenn das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausgesprochen hat. Kopp begründete ihren Vorstoß damit, dass viele Reisende "zu Recht verängstigt" seien.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verbraucherausschusses, Peter-Harry Carstensen (CDU), kritisierte in diesem Zusammenhang die Untätigkeit von Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne). Carstensen forderte, Künast müsse "sofort mit dem Auswärtigen Amt und Reiseveranstaltern über kulante Rücktrittsregeln für Tunesien-Urlauber verhandeln".

Bisher rät das Auswärtige Amt Tunesien-Urlaubern aber lediglich zu "erhöhter Vorsicht". Zuerst sollten die weiteren Ermittlungen abgewartet werden, sagte Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) im ZDF.

Die Bundesregierung geht unterdessen mit immer größerer Sicherheit davon aus, dass die tödliche Explosion an der Synagoge auf Djerba ein Attentat war. "Die Indizien verdichten sich in diese Richtung", sagte Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) im ZDF-"heute-journal". Die deutschen Erkenntnisse beruhten nicht nur auf Zeugenaussagen oder abgehörten Telefonaten, sondern auch auf "Sachbeweisen". Konkreter äußerte sich der Minister nicht.

Schily nimmt deutsche Behörden in Schutz

Schily will am Wochenende nach Tunesien reisen. Am Montag werde er mit dem tunesischen Staatspräsidenten Sein al-Abidin Ben Ali und mit den Ermittlungsbehörden vor Ort sprechen, sagte er in den ARD-"Tagesthemen".

Der Innenminister nahm die deutschen Sicherheitsbehörden wegen ihres Umganges mit einem anonymen Drohbrief gegen Deutschland aus Tunesien in Schutz. Der Brief enthalte "keinen Hinweis auf das schreckliche Ereignis in Djerba". Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte bestätigt, dass am 2. Januar ein Drohbrief bei der deutschen Botschaft in Tunis eingegangen war. Das BKA erklärte, zwischen der Explosion auf Djerba am 11. April und dem Schreiben mit der Einleitung "von Al Kaida-Abteilung Tunesien" bestehe auch nach heutiger Bewertung kein Zusammenhang.

Außer dem BKA sei der Brief dem Bundesamt für Verfassungsschutz und dem Bundesnachrichtendienst bekannt, sagte Schily. "Die Behörden haben das seinerzeit sorgfältig analysiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass man daraus keine Gefährdungslage entnehmen kann." Nun dürften keine Versuche unternommen werden, die Sicherheitsinstitutionen in Misskredit zu bringen: "Ich muss mich schützend vor meine Beamten stellen."



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