Plagiatsvorwürfe: Dr. Schavans Gewissensfrage

"Person und Gewissen": Mehr als 32 Jahre ist es her, dass Annette Schavan zu dem Thema ihre Doktorarbeit schrieb. Jetzt wird die Dissertation zum Politikum, die Bildungsministerin soll abgeschrieben haben. Rechtsexperten sprechen von "gravierendem wissenschaftlichen Fehlverhalten".

Bildungsministerin Schavan: Verteidigung der Doktorarbeit nach mehr als 30 Jahren Zur Großansicht
dapd

Bildungsministerin Schavan: Verteidigung der Doktorarbeit nach mehr als 30 Jahren

Hamburg - Die erste Sitzung des Promotionsausschusses der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHUD) zur Doktorarbeit von Annette Schavan steht noch aus, doch die Debatte über ihr mögliches Fehlverhalten ist bereits voll im Gange. Mehrere Rechtsexperten sehen die Plagiatsvorwürfe, die auf der Seite schavanplag von einem anonymen Ankläger veröffentlicht worden sind, als gerechtfertigt an.

Der Berliner Rechtsprofessor Gerhard Dannemann sagte dem "Focus", es liege ein "gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten" vor. Dannemann gehört zu dem Team, das auf VroniPlag Schavans Doktorarbeit prüfte. Nach eigenen Angaben begannen die Plagiatsjäger bereits Anfang 2012 mit den Recherchen zu der Dissertation der Ministerin.

Man entschied sich schließlich dagegen, den Verdacht an die große Glocke zu hängen. Im Alleingang entschied sich ein Mitglied des Gremiums, das unter dem Pseudonym Robert Schmidt agiert, dafür, seine Erkenntnisse auf der Seite schavanplag zu veröffentlichen. In einem schriftlichen Interview mit SPIEGEL ONLINE begründete Schmidt seinen Schritt: "Ich halte es für belegbar, dass Frau Schavan plagiiert hat, wenn auch in geringerem Ausmaß als andere. Ich wollte das nicht unter den Tisch fallen lassen." Schmidt ist Mitglied im Recherchenetzwerk VroniPlag.

"Das ist kein Zufall und auch kein Irrtum"

Der österreichische Medienwissenschaftler und Plagiatsexperte Stefan Weber sagte: "Sollten die präsentierten Vorwürfe berechtigt sein, dann handelt es sich um ein glasklares, absichtliches Plagiat." Der Umfang bekanntgewordener Textstellen aus Schavans Dissertation genüge, um die Arbeit "wissenschaftlich wertlos" zu machen, sagte Weber dem "Focus".

Aus Sicht des Münchner Jura-Professors Volker Rieble könnte Schavan gar ihren Doktortitel verlieren. "Wenn die Textstellen auf schavanplag korrekt wiedergegeben wurden, dann reicht das nach der geltenden Rechtsprechung für einen Promotionsentzug", sagte Rieble der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). Qualitativ seien in Schavans Arbeit alle möglichen Arten von Plagiaten zu finden. "Das ist kein Zufall und auch kein Irrtum, sondern Absicht." Laut schavanplag finden sich auf 17 Prozent der Seiten der Dissertation unsaubere Zitierweisen.

"Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass irgendwas faul ist"

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Dagmar Ziegler, sagte der FAS: "Sollten die Vorwürfe zutreffen, dann ist Frau Schavan als Ministerin, gar als Wissenschaftsministerin nicht zu halten." Florian Pronold, ebenfalls SPD-Fraktionsvize, forderte die Ministerin auf, "sehr offensiv und transparent" die Vorwürfe aufzugreifen.

Die Wissenschaftsexpertin der Grünen-Fraktion, Krista Sager, wies darauf hin, dass Plagiatsexperten die Doktorarbeit von Schavan als Grenzfall bewertet haben. Die Uni Düsseldorf müsse sich nun die Arbeit genau anschauen, mahnte Sager in der Zeitung.

Die Union stärkte derweil der aus Baden-Württemberg stammenden Politikerin den Rücken. Der CDU-Landeschef Thomas Strobl sagte dem "Focus": "Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass irgendetwas faul ist an der Doktorarbeit von Annette Schavan."

Schavan promovierte vor 32 Jahren an der Universität Düsseldorf. Der Titel ihrer 1980 veröffentlichten Arbeit lautet "Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung". Schavan wurde 2009 zur Honorarprofessorin der Freien Universität Berlin ernannt und führt deshalb auch einen Professorentitel.

han/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 231 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Persiflist 05.05.2012
Zitat von sysopdapd"Person und Gewissen": Mehr als 32 Jahre ist es her, dass Annette Schavan zu dem Thema ihre Doktorarbeit schrieb. Jetzt wird die Dissertation zum Politikum, die Bildungsministerin soll abgeschrieben haben. Rechtsexperten sprechen von "gravierendem wissenschaftlichen Fehlverhalten". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,831550,00.html
Na und? Die Dame wurde als Bundesministerin für Bildung und Forschung eingestellt, nicht als Wissenschaftlerin! Was kommt als nächstes? Der Schäuble wäre als Finanzminister ungeeignet, weil er illegale Spendengelder angenommen hat?
2. Grundsätzlich faul!
Humboldt 05.05.2012
Zitat von sysopdapd"Person und Gewissen": Mehr als 32 Jahre ist es her, dass Annette Schavan zu dem Thema ihre Doktorarbeit schrieb. Jetzt wird die Dissertation zum Politikum, die Bildungsministerin soll abgeschrieben haben. Rechtsexperten sprechen von "gravierendem wissenschaftlichen Fehlverhalten". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,831550,00.html
Es geht schon lange nicht mehr um Schavan, Guttenberg & Co. Es scheint etwas grundsätzlich faul im deutschen Hochschulwesen bei der Bewertung von Doktorarbeiten!
3. rücktritt ist fällig
Gebetsmühle 05.05.2012
Zitat von sysopdapd"Person und Gewissen": Mehr als 32 Jahre ist es her, dass Annette Schavan zu dem Thema ihre Doktorarbeit schrieb. Jetzt wird die Dissertation zum Politikum, die Bildungsministerin soll abgeschrieben haben. Rechtsexperten sprechen von "gravierendem wissenschaftlichen Fehlverhalten". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,831550,00.html
fest steht: die frau hat abgeschrieben und nciht richtig zitiert. selbst wenn das nur ein einziges mal in der arbeit gewesen wäre, dass sie fremde gedanken für ihre eigenen ausgegeben hat, reicht das für einen entzug des doktortittels. wir brauchen ehrliche menschden und keine lügenbolde in der politik.
4. ...unsere Politiker...
Ostmichel 05.05.2012
..sind schon länger nicht mehr "Volksvertreter".Ob auf kommunaler, kreislicher Landtags- oder Bundestagsebene - überall ist zu beobachten, dass die gewählten Verteter der Volkes sich zuallererst und bestens selbst versorgen und dabei immer raffgieriger werden. Da sollte sich niemand wundern über sogenannte Politikverdrossenheit. Die Bundesrepublik verkommt immer mehr zur Bananenrepublik.
5. Albern
sprechweise 05.05.2012
Jetzt wird es aber albern. Die Sache ist 32 Jahre her, juristisch ist in diesem Zeitraum fast alles verjährt. Nach 32 Jahren gib es genug andere Fakten um einen Menschen zu beurteilen. Streiten wir irgendwann mal wer wem im Kindergarten das Schäufele weggenommen hat. Also bitte
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Annette Schavan
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 231 Kommentare

Fotostrecke
Plagiatsfall in der FDP: Frau Mathiopoulos soll Dr. abgeben
Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!

Politiker und Doktorarbeiten
Fotostrecke
Zwielichtige Promotionen: Von Guttenberg bis Schavan