Hamburg - Die erste Sitzung des Promotionsausschusses der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHUD) zur Doktorarbeit von Annette Schavan steht noch aus, doch die Debatte über ihr mögliches Fehlverhalten ist bereits voll im Gange. Mehrere Rechtsexperten sehen die Plagiatsvorwürfe, die auf der Seite schavanplag von einem anonymen Ankläger veröffentlicht worden sind, als gerechtfertigt an.
Der Berliner Rechtsprofessor Gerhard Dannemann sagte dem "Focus", es liege ein "gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten" vor. Dannemann gehört zu dem Team, das auf VroniPlag Schavans Doktorarbeit prüfte. Nach eigenen Angaben begannen die Plagiatsjäger bereits Anfang 2012 mit den Recherchen zu der Dissertation der Ministerin.
Man entschied sich schließlich dagegen, den Verdacht an die große Glocke zu hängen. Im Alleingang entschied sich ein Mitglied des Gremiums, das unter dem Pseudonym Robert Schmidt agiert, dafür, seine Erkenntnisse auf der Seite schavanplag zu veröffentlichen. In einem schriftlichen Interview mit SPIEGEL ONLINE begründete Schmidt seinen Schritt: "Ich halte es für belegbar, dass Frau Schavan plagiiert hat, wenn auch in geringerem Ausmaß als andere. Ich wollte das nicht unter den Tisch fallen lassen." Schmidt ist Mitglied im Recherchenetzwerk VroniPlag.
"Das ist kein Zufall und auch kein Irrtum"
Der österreichische Medienwissenschaftler und Plagiatsexperte Stefan Weber sagte: "Sollten die präsentierten Vorwürfe berechtigt sein, dann handelt es sich um ein glasklares, absichtliches Plagiat." Der Umfang bekanntgewordener Textstellen aus Schavans Dissertation genüge, um die Arbeit "wissenschaftlich wertlos" zu machen, sagte Weber dem "Focus".
Aus Sicht des Münchner Jura-Professors Volker Rieble könnte Schavan gar ihren Doktortitel verlieren. "Wenn die Textstellen auf schavanplag korrekt wiedergegeben wurden, dann reicht das nach der geltenden Rechtsprechung für einen Promotionsentzug", sagte Rieble der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS). Qualitativ seien in Schavans Arbeit alle möglichen Arten von Plagiaten zu finden. "Das ist kein Zufall und auch kein Irrtum, sondern Absicht." Laut schavanplag finden sich auf 17 Prozent der Seiten der Dissertation unsaubere Zitierweisen.
"Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass irgendwas faul ist"
Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Dagmar Ziegler, sagte der FAS: "Sollten die Vorwürfe zutreffen, dann ist Frau Schavan als Ministerin, gar als Wissenschaftsministerin nicht zu halten." Florian Pronold, ebenfalls SPD-Fraktionsvize, forderte die Ministerin auf, "sehr offensiv und transparent" die Vorwürfe aufzugreifen.
Die Wissenschaftsexpertin der Grünen-Fraktion, Krista Sager, wies darauf hin, dass Plagiatsexperten die Doktorarbeit von Schavan als Grenzfall bewertet haben. Die Uni Düsseldorf müsse sich nun die Arbeit genau anschauen, mahnte Sager in der Zeitung.
Die Union stärkte derweil der aus Baden-Württemberg stammenden Politikerin den Rücken. Der CDU-Landeschef Thomas Strobl sagte dem "Focus": "Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass irgendetwas faul ist an der Doktorarbeit von Annette Schavan."
Schavan promovierte vor 32 Jahren an der Universität Düsseldorf. Der Titel ihrer 1980 veröffentlichten Arbeit lautet "Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung". Schavan wurde 2009 zur Honorarprofessorin der Freien Universität Berlin ernannt und führt deshalb auch einen Professorentitel.
han/dapd
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