Dokumentation "Deutschland ist kein Kampfgebiet"

Im Juli 2009 hat sich der ehemalige marokkanische Hassprediger Mohammed al-Fasasi in einem Brief an seine in Hamburg lebende Tochter von jeder Form des Terrorismus gegen Ziele im Westen losgesagt. SPIEGEL ONLINE dokumentiert das erst kürzlich bekannt gewordene Schreiben.


"Meine Tochter hat mir einige Fragen vorgelegt, die darauf zielen, Antworten auf die Lage der muslimischen Migranten in Deutschland und ihr Verhältnis zum deutschen Staat zu finden. Ich schätze mich wirklich sehr glücklich, dass sie mich auf diese Themen angesprochen hat, weil mir das die Gelegenheit gibt, meine Gedanken und meine Ansichten zu äußern und den Wissensdurst Fragender zu stillen.

Ich möchte zunächst erklären, dass ich, Muhammad bin Muhammad al-Fasasi, der Schreiber dieser Zeilen, nicht dazu gezwungen wurde, selbige niederzulegen. Ich bin unter keinerlei Druck dieses hier zu schreiben, weil ich ihm Gefängnis bin oder weil man mir Zwang androht oder weil ich mich verstellen will und zum Beweise dafür sollen die logischen Argumente und die Argument aus der Scharia dienen, die ich hier anführen werden.

Außerdem ist meine Situation im marokkanischen Gefängnis eine sehr außergewöhnliche Situation, gemessen an den Rechten, die ich genieße und dem Respekt, der mir entgegengebracht wird. Es fehlt mir an nichts außer der Freiheit, um die ich Allah den Erhabenen anrufe, dass sie mir bald gewährt sein möge. Und zwar deswegen, weil alle wissen und die marokkanische Regierung eingeschlossen, dass die Anschuldigungen gegen mich wegen der Anschläge in Casablanca nicht der Wahrheit entsprechen und ein großer Fehler von Seiten der marokkanischen Geheimdienste sind. Dieser Fehler muss korrigiert werden.

"Ich bin ein Muslim, weiter nichts"

Auf die Frage, was meine gedanklichen und religiösen Bezugspunkte waren, bevor ich mich in die deutsche Stadt Hamburg begeben habe, folgendes:

Ich bin ein Mensch, dessen Persönlichkeit sich aus unterschiedlichen Quellen speist und vielleicht kann man zusammenfassend sagen, dass ich mich nicht so sehr auf das Denken von Menschen verlassen, wie ich mich auf die Argumente, die von Männern vorgelegt werden, verlasse. (…) Ich habe keinen besondern Scheich, dem ich folge, außer dem Koran und der Sunna des Propheten. Ganz abgesehen davon bin ich ein moderner Mensch. Ich war 32 Jahre lang Französisch und Mathematiklehrer und habe mich außerdem mehr als 30 Jahre lang der Da'wa (Mission, Red.) und dem Predigen gewidmet unter der Aufsicht des Ministeriums für islamische Angelegenheiten in Marokko. Mit anderen Worten, ich bin ein Muslim, nichts weiter. Ich bin kein salafistischer Dschihadist und traditioneller Salafist und kein Muslimbruder oder irgendetwas anderes. Ich bin ein Muslim, weiter nichts. (…)

Was meine Bücher und meiner Vorträge angeht, die zum Teil Gedanken enthielten, die fürchterlich sind gegenüber dem Gegner, so muss man sie in ihrem zeitlichen und örtlichen Kontext sehen und man darf nicht mehr hineindeuten als wirklich da ist. Und ich sage hier öffentlich, ich war gemeinen Anrufen durch linke Kreise in Marokko ausgesetzt, man hat mich beleidigt, genötigt und falsch wiedergegeben in Zeitungen und Foren und vieles von dem, was ich in meinen Büchern danach gesagt habe, war eine Antwort auf diese Angriffe und ein Akt der Selbstverteidigung. Und ich gebe zu, dass ich mir vergaloppiert habe, und über das Ziel hinausgeschossen bin, um dem zu begegnen, was ich von meinen linken Kontrahenten und anderen Kräften zu hören bekam. (…) Das ist also der Zusammenhang, in dem man meine Bücher und meine Artikel verstehen muss (…).

"Von einigen Überlegungen abgewandt"

Zweifelsohne haben die langen Jahre, die ich hinter Gittern verbracht habe, dazu beigetragen, mir Gelegenheit zu Betrachtung und zum Nachdenken zu geben. Und ich schäme mich nicht, dass ich meine Gedankenwelt noch einmal betrachtet habe und dass ich mich von einigen Überlegungen abgewandt habe. Das ist ein lobenswertes Unterfangen und kein Beklagenswertes. (…)

Was nun die Fragen angeht, die den muslimischen Migranten und den deutschen Staat, oder muslimische Migranten und westliche Staaten allgemein betreffen, so sollten die ersten, die Auskunft geben können, jene Gelehrten sein, die selbst ausgewandert sind, denn sie wissen besser über Details Bescheid und über jene Beziehungen. Sie erleben den Alltag und die staatlichen Einrichtungen und sie haben Kontakt zur Bevölkerung.

Aber wenn ich mich dazu persönlich äußern soll - insbesondere wo ich nur zwei Mal zwei Wochen in Deutschland verbringen konnte, wobei das ein Zeitraum war, der es mir nicht erlaubt hat, wirklich das Land und die Leute kennenzulernen, ja nicht einmal die muslimische Gemeinde dort - dann sage ich, dass der muslimische Migrant, ganz egal, woher er kommt, bekanntermaßen nach Deutschland gekommen ist, weil er dort etwas lernen wollte oder arbeiten wollte oder sich ärztlich behandeln lassen wollte oder was auch immer. Deutschland hat ihn unter bestimmten Bedingungen aufgenommen.

"Deutschland ist kein Kampfgebiet"

Dazu wurden Formulare aufgesetzt und Verträge geschlossen Dabei handelt es sich um einen beglaubigten Vertrag, der eingehalten werden muss. Tatsächlich ist es ein Ahd Aman, ein Sicherheitsvertrag für beide Seiten. Und Allah sagt in seinem geliebten Buch: "Ihr, die ihr Sicherheit gegeben habt, haltet euch an die Verträge."

Daraus folgt, dass alles, was diese Verträge bricht, indem Diebstahl für halal (islamisch erlaubt, Red.) erklärt wird (…) oder die Tötung er Bevölkerung im Namen des Dschihad erlaubt wird (…) oder man versucht, Zellen zu bilden, die die Menschen in Angst und Schrecken versetzen sollen, und so weiter, (…) in meinen Augen ein Vertragsbruch und ein Verrat ist an dem, worauf man in der Botschaft oder im Konsulat oder im Einwanderungsbüro seine Unterschrift gesetzt hat.

Deutschland ist kein Kampfgebiet. Deutschland ist ein Feld für die Arbeit, eine Schule für das Lernen, Werkstätten für die Investition, Krankenhäuser für die Behandlung und ein Markt für den Warenverkauf. Anders gesagt: Deutschland ist der Boden für friedliches Zusammenleben und ein gutes Leben, vor allem vor dem Hintergrund, dass die deutschen Richter und die Polizei in Deutschland (…) Ausländer schützen und für sie sorgen. (…)

"Image als Gruppe rückwärtsgewandter Idioten"

Natürlich gibt es Menschen, keine Gelehrten, die sagen, dass Deutschland ein Mitglied der Nato ist und dass Deutschland zu den Staaten gehört, die die Muslime in Afghanistan bekämpfen und den Staat Israel unterstützen (…). Ich sage, das ist richtig. Unrecht bleibt Unrecht und alle müssen gegen das Unrecht angehen, auch das deutsche Volk, von dem ich weiß, dass es gegen den Krieg ist, gegen Besatzung, und mehr als ein Mal hat dieses Volk seiner Ablehnung gegenüber dem Krieg ganz allgemein schon Ausdruck gegeben.

Es ist die Aufgabe der Migranten, sich mit einem solchen Volk auseinanderzusetzen und zu beschäftigen. (Und zwar durch, Red.) Friedliche Demonstrationen, Streiks und Proteste weit weg von willkürlichen Attentaten und dem Töten unschuldiger Menschen mit dem Argument, Kuffar (Ungläubige, Red) töten.

Die Ablehnung deutscher oder anderer Außenpolitik muss mit zivilen, friedlichen Widerstandsmethoden betrieben werden. Die Stärke des Arguments liegt nicht in der Gewehrkugel, der Gewalt oder den Sprengstoffgürteln. Das alles bringt keine Veränderung. Es verstärkt nur die Rückständigkeit der Muslime und ihr Image als eine Gruppe von rückwärtsgewandten Idioten, deren Platz in Grotten und Höhlen ist und nicht auf den Straßen von Hamburg, Frankfurt, Berlin oder sonst wo. Darum geht es. (…)

"Rate allen zum friedlichen Zusammenleben"

Hinzufügen will ich noch, in klarem Arabisch, dass Hamburg, denn in dieser Frage ging es um Hamburg, eine Stadt ist, in der es eine Vielfalt von religiösen Sekten, Ideologien und politischer Richtungen gibt. Daneben gibt es islamischen Gemeinden, die aus den schon erwähnten und allgemein anerkannten Gründen dort entstanden sind. Die Moscheen sind offen und reichlich und geschützt. Es gibt tatsächlich Religionsfreiheit, wie es sie in vielen islamischen Staaten nicht gibt. Was Gelehrte und Prediger dort sagen können, kann in manchen islamischen Ländern nicht gesagt werden.

Es gibt vielfältige Ausdrucksmittel und -möglichkeiten, die allen offen stehen, was wiederum in der islamischen Welt kaum der Fall ist. Es gibt kein Verbot von friedlicher Werbung für den Islam. Im Rahmen der erlaubten Möglichkeiten und im Rahmen der Beziehung zwischen Gastgeber und Gast kann man seine Meinung sagen und seinen Glauben vertreten. (…)

Ja ich glaube nicht, dass die Herrschenden dort ihre Bürotüren und ihre Ohren vor den Bitten der islamischen gemeinden verschließen. Deshalb rate ich allen zum friedlichen Zusammenleben. Wer das nicht kann, dem steht die weite Welt Allahs offen, und wer nichts weiter will als Töten, Blut, Raub und Stehlen, der hat nichts mit der Religion von Allah dem Erhabenen zu tun, weder in Deutschland noch sonst wo.

"Der Bissen, der er selbst verdient hat, ist süß"

Was den Broterwerb, die Arbeit und die Erwerbslosigkeit angeht, so denke ich nicht, dass es erlaubt ist, sich auf den deutschen Staat zu stützen, der Arbeit zum Leben auszuweichen und statt dessen Arbeitslosengeld und anderes in Anspruch zu nehmen. Es stimmt, dass es Arbeitsfelder gibt, die nicht zu einem Muslim passen, (…) aber es stimmt auch, dass es jede Menge Arbeitsmöglichkeiten gibt, die aus islamischer Sicht halal sind. (…) Es ist besser, dass er (der Muslim, Red.) von seiner Hände Arbeit und seiner Stirne Schweiß isst, denn dieser Bissen, den er selbst verdient hat, ist schmackhaft und süß. (…)

Die auf den Straßen Hamburgs an den "Dschihad auf dem Pfade Gottes" denken, sollten an das Leben auf dem Pfade Gottes denken, das ist der "Dschihad auf dem Pfade Gottes". (…)

Dass es in Hamburg 46 Gebetsräume gibt, ist an sich schon ein Beweis für die Toleranz des deutschen Staates gegenüber den Muslimen, weil es in keinem islamischen Land eine vergleichbar große Anzahl von Kirchen in einer Stadt gibt. Ich weiß einiges über die Fraktionierungen zwischen den Gründern jener Moscheen, ja sogar in einzelnen Moscheegemeinden selbst, die so weit gehen, dass die Zersplitterung die herausragende Eigenschaft der Muslime geworden ist. Dieser bedauerliche Zustand schwächt die Kraft der Muslime (…). Sogar wenn sie mit dem deutschen Staat über irgendeine Frage in Dialog treten wollen, verwirren den Staat die ganzen Konflikte (…).

"Die deutsche Bundeskanzlerin ist großartig"

Es ist nur gerecht, dass ich sage, dass die andere Seite - ich meine die deutsche Regierung - zweifelsohne den Migranten nicht alle Rechte zugesteht. Und ich hoffe, dass sie ihre Brust weit macht und ihren Forderungen nachkommt, dass ihre Leiden gelindert werden und dass sie besser vor den Angriffen von Ausländerfeinden (…) geschützt werden. Es muss Geld investiert werden, damit sich die Lebensbedingungen von Migranten verbessern und ihr Bildungsstandard, ihre Gesundheitsversorgung und ihre Unterbringung (…).

Die Verteufelung und Beleidigung der deutschen Regierung, der Bundeskanzlerin Merkel (…) ist eine Sittenlosigkeit. Das Prinzip - die Hand beißen, die mich füttert - ist kein stimmiges. (…) Allah spricht: "Beleidigt nicht die, die einen anderen als Allah anrufen…"

Was ist der Nutzen daraus, die Bundeskanzlerin zu beleidigen und sie als Taghut (Despotin, Red.) zu beschimpfen? (…) Das ist Unsinn und abwegig. Die deutsche Bundeskanzlerin ist großartig. Deutschland hat seine Religion und ihr habt eure. Die Kanzlerin hat ihre Arbeit und ihr habt eure. (…) Deutschland hat euch seine Tore geöffnet, ihr habt aus seiner Schatzkammer etwas erhalten, während euch zur gleichen Zeit eure eigenen Leute nichts gegeben haben. (…)

"Um meine Brüder im Islam rechtzuleiten"

Schließlich sage ich, dass sind einige meiner Antworten, die ich gegeben habe (…). Was ich gesagt habe, habe ich nicht gesagt, um damit etwas zu erreichen, sondern um meine Brüder im Islam rechtzuleiten, sie darauf aufmerksam zu machen, was ihnen nützt, insbesondere, weil ich im Gefängnis leide und missverstanden bin.

Es sind schon sechs Jahre, seit ich zu Unrecht inhaftiert bin. Und ich sage dies auch, weil viele von euch mich schätzen und meiner Ansicht vertrauen. Das ist meine Meinung und das ist meine Ansicht. (…)

Und ich verspreche meiner Tochter, dass ich ihr auf ihre Fragen und Nachfragen antworte, um dem Recht in erster und letzter Instanz zu dienen - und Allah schenkt den Erfolg. (…)

Geschrieben von Mohammad bin Mohammad al-Fasasi, der zu Unrecht Gefangene im Stadtgefängnis von Tanger, 21.9.2009"

Anmerkung der Redaktion: Der vorliegende Text basiert auf einer deutschen Übersetzung von Fasasis Brief, die im Auftrag deutscher Sicherheitsbehörden angefertigt wurde. Das arabische Original liegt SPIEGEL ONLINE nicht vor. Insgesamt wurde der Text um rund ein Drittel gekürt, vor allem um schwer verständliche oder redundante Passagen.



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