Affäre um Modellauto-Firma "Liebe Grüße, Christine"

Die Affäre um in der Psychiatrie hergestellte Luxus-Modellautos belastet Bayerns Sozialministerin Haderthauer stärker als bisher angenommen. Etliche Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, wie eng die CSU-Frau in die Geschäfte ihres Mannes eingebunden war.

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Ministerin Haderthauer: Die Ministerin täuscht die Öffentlichkeit
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Ministerin Haderthauer: Die Ministerin täuscht die Öffentlichkeit


Am 15. Januar 1996 schrieb Christine Haderthauer mal wieder einen Geschäftsbrief für ihre Firma, die Sapor Modelltechnik in Ingolstadt: "Sehr geehrter Herr Ponton, hiermit bevollmächtigen und beauftragen wir Sie, die sich noch bei der Fa. Schmidt befindlichen Maschinen, welche sich im Eigentum der Firma Sapor befinden, von dort abzuholen und sie mitzunehmen." Gezeichnet mit freundlichen Grüßen.

Eine Vollmacht im Auftrag von Sapor Modelltechnik, verfasst auf Geschäftspapier von Sapor Modelltechnik, geschrieben von der Sapor-Mitgeschäftsführerin Christine Haderthauer: Es sind solche Schreiben, die der in der Familienaffäre ohnehin schon belasteten CSU die nächste Krise einbrocken. Denn sie beweisen, dass die heutige bayerische Sozialministerin Haderthauer weit mehr mit den anrüchigen Geschäften ihres Mannes Hubert zu tun hatte, als beide heute mit falschen oder irreführenden Behauptungen glauben machen wollen. Ausgerechnet die Ministerin, die heute den Maßregelvollzug in Bayern beaufsichtigt, hat demnach vor ihrer Zeit als Ministerin aktiv versucht, Geld mit einer Firma zu verdienen, die billig von Straftätern in der Psychiatrie hergestellte Luxus-Modellautos zu hohen Preisen verkaufen wollte. Eine Gelegenheit, die sich nur ergab, weil ihr Mann Hubert seine Stellung als Arzt im Bezirkskrankenhaus Ansbach ausgenutzt hatte, wo diese Autos unter Anleitung eines Dreifachmörders entstanden.

Die "Geschäfte hat mein Mann geführt", behauptet die Ministerin dagegen noch im aktuellen SPIEGEL über Sapor. Ihr Mann ging kürzlich sogar noch weiter und erklärte gegenüber stern.de, seine Frau habe sich "nie in irgendeiner Weise für Sapor engagiert", gegenüber der "Süddeutschen Zeitung", seine Frau habe mit Modellautos so viel zu tun wie er mit Puppen.

Damit aber sagt nicht nur Hubert Haderthauer die Unwahrheit. Seine Frau, die Ministerin, täuscht die Öffentlichkeit, indem sie den Anschein erweckt, allein ihr Mann, nicht sie selbst habe die Geschäfte geführt. Und das, obwohl sie, wie dem SPIEGEL vorliegende Dokumente zeigen, sich von ihrem Mitgesellschafter Roger Ponton sogar eine Vollmacht besorgt hatte, wonach sie auch in dessen Namen als Geschäftsführerin zeichnungsberechtigt sein sollte.

Umfassend eingeweiht und eingebunden

Zu den Spuren, die Christine Haderthauer bei ihrem Engagement für Sapor hinterlassen hat, gehört nun auch ein undatiertes Schreiben von ihr an Ponton, vermutlich aus dem Jahr 1993, das sie erneut auf Geschäftspapier handschriftlich verfasste. "Anbei übersende ich dir die Steuerunterlagen ausgefüllt zurück. Ebenfalls übersende ich die Gewinnermittlung 1989 f. die Firma, die du ebenfalls mit an das Finanzamt schicken solltest. Liebe Grüße, Christine." In der gleichen Sache schickte sie Ponton im März 1993 zwei Formulare des Finanzamts Ingolstadt, das für die Firma zuständig ist, und bat um zwei Blanko-Unterschriften von Ponton: "Ich werde die Formulare mit Hilfe unseres Steuerberaters Herrn Wittig in München ausfüllen." Und zwei Monate zuvor hatte Christine Haderthauer zwei Darlehensverträge der Sparkasse Ansbach für "Christine Haderthauer und Roger Ponton als GbR, Sapor Modelltechnik" abgezeichnet. Keinerlei Engagement für Sapor, wie ihr Mann heute sagt - die Papiere zeigen das Gegenteil.

Dass Christine Haderthauer in die Geschäfte umfassend eingeweiht und eingebunden war, belegt auch ein Schreiben ihres Anwaltsbüros, das im April 1992 dafür sorgen sollte, dass ein missliebiger Mitgesellschafter ausschied. Aus diesem Brief wird deutlich, dass Christine Haderthauer sowohl Eingänge auf dem Geschäftskonto von Sapor überprüfte als auch in einem Fall einen Blanko-Kaufvertrag für die Veräußerung eines Modellautos verschickt hatte - beides operative Tätigkeiten, wie sie für eine Geschäftsführerin typisch sind.

Im Januar 1994 verhandelte sie schließlich auch selbst noch einmal mit dem ausgeschiedenen Gesellschafter, nachdem der sich über den Zustand von Modellteilen beklagt hatte, die ihm zum Abschied überlassen wurden: "Wir stellen Ihnen anheim, die Teile zurückzusenden. Wir werden dies dann überprüfen und gegebenenfalls um Abhilfe bzw. Ersetzung bemüht sein." Auf konkrete Fragen zu solchen Briefen blieb Christine Haderthauer die Antwort schuldig. Sie verwies lediglich darauf, dass sie in jener Zeit weder Landtagsabgeordnete noch Ministerin gewesen sei; im Übrigen sei aus dem "gesamten Sachverhalt in keinerlei Hinsicht etwas Kritikwürdiges abzuleiten". Ihr Mann äußerte sich auf einen langen Fragenkatalog des SPIEGEL gar nicht.

Lesen Sie mehr dazu im neuen SPIEGEL: Bayern - Geschäft hinter Gittern



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insgesamt 235 Beiträge
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Seite 1
kelevraa 03.06.2013
1. Ich habe den Verdacht....
... dass Hubert Haderthauer etwas mit Puppen zu tun hat. Vielleicht sollte man da noch mal etwas tiefer graben.
trick66 03.06.2013
2. Warum?
Warum sich darüber aufregen? Die Frau ist bei der CSU, da liegt solches Gebahren auf dem Amigo-Gen. Solange die CSU in Bayern immer wiedergewählt wird, bleibt dieses Verhalten an der Tagesordnung.
zynik 03.06.2013
3.
Zitat von sysopDPADie Affäre um in der Psychiatrie hergestellte Luxus-Modellautos belastet Bayerns Sozialministerin Haderthauer stärker als bisher angenommen. Etliche Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen, wie eng die CSU-Frau in die Geschäfte ihres Mannes eingebunden war. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/dokumente-zeigen-rolle-christine-haderthauers-bei-sapor-modelltechnik-a-903473.html
Glaubt man ernsthaft seriöse Auskünfte von Personen zu erhalten, die mit Psychatriepatienten Geld machen? Dennoch erfreulich, dass der Spiegel da recherchetechnisch am Ball bleibt. Ein wunderbarer Blick hinter die "christliche und gutbürgerliche" Fassade in "Mia san mia"-Country.
Hörbört 03.06.2013
4. Wie man aus einem kleinen Problem ein großes macht
Tja, gewiss werden nun wieder die Nebenschauplätze bearbeitet (geringer Umsatz, früh ausgeschieden, noch kein Amt inne, etc.. Aber der Artikel benennt das neue, ungleich größere und fatalerweise "hausgemachte" Problem: die Hadertauers wollten die Öffentlichkeit "betuppen" (Idiom für: hinters Licht führen). So kann man sich selbst ein Bein stellen. Das Gewissen war wohl zu schlecht, um einfach die Wahrheit zu sagen.
kuddikurt 03.06.2013
5.
Der Fisch stinkt vom Kopf her
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