Medienschelte nach Trump Die dunkle Seite der Macht

Sind Medien blind, weil sie Donald Trumps Wahlsieg nicht vorausgesehen haben? Wer das bejaht, missversteht die Aufgabe der Journalisten.

Trump vor seinen Anhängern am 7. November in Raleigh, N.C.
AP

Trump vor seinen Anhängern am 7. November in Raleigh, N.C.

Eine Kolumne von


Ich muss diese Kolumne mit einem Geständnis beginnen. Zu den Menschen, die ich kenne, gehört Roger Köppel. Für alle, die mit dem Namen nicht auf Anhieb etwas anfangen können: Das ist dieser Schweizer Journalist, der immer ein wenig an Alfred E. Neumann erinnert, die berühmte Titelfigur des Satiremagazins "MAD", und der Fernsehzuschauern von einem seiner zahlreichen Talkshowauftritte bekannt sein dürfte, bei denen er Frauke Petry schon zur Seite sprang, als es Frauke Petry und die AfD noch gar nicht gab.

Wir sind uns in Berlin begegnet, wo Köppel zweieinhalb Jahre die "Welt" leitete, bevor er nach Zürich zurückging, um aus der "Weltwoche" das zu machen, was die "Welt" nie sein wollte. Manchmal telefonieren wir oder sehen uns kurz. Die meisten Kollegen halten Köppel für eine Art Berlusconi der Schweiz. Nachdem er vergangenes Jahr für die SVP in den Nationalrat gewählt wurde, stand im SPIEGEL, dass er jetzt endgültig zur dunklen Seite der Macht übergelaufen sei.

Sie können sich meine Verblüffung vorstellen, als ich Köppel vergangene Woche in einer ganz neuen Rolle begegnete: Nicht in der als rechte Krawalltüte, auf die er abonniert ist, sondern in der des unabhängigen Medienkritikers, der dem Journalismus mahnend den Spiegel vorhält. Der Rollenwechsel fand auch nicht bei "Tichys Einblick" oder einer der zahllosen Anti-Merkel-Seiten statt, die seit dem Trump-Sieg den Anbruch eines neuen Zeitalters begrüßen. Der Medienexperte Köppel hatte seinen Auftritt bei "Meedia", dem Branchendienst der Verlagsgruppe Dieter von Holtzbrinck, in der so hochseriöse Zeitungen wie das "Handelsblatt", der "Tagesspiegel" und die "Zeit" erscheinen.

Ich finde es immer gut, wenn man Menschen trotz ihres schlechten Rufs mit Offenheit begegnet. Die "Meedia"-Redakteure waren sogar so vornehm, über den Umstand, dass Köppel SVP-Politiker ist, einfach hinwegzusehen. Ein Hinweis auf seine politische Tätigkeit wurde erst in einer späteren Fassung des Interviews eingefügt, vermutlich, weil nicht alle Leser so vorurteilsfrei reagierten wie die "Meedia"-Macher. Dennoch habe ich mich gefragt, ob Köppel der Richtige ist, um über den Zustand der deutschen Presse Auskunft zu geben.

Köppel zu Blättern wie dem SPIEGEL oder der "Süddeutschen" zu befragen, ist in etwa so, als ob man eine katholische Nonne bitten würde, Herrenmagazine zu rezensieren. Entsprechend eindeutig fielen seine Urteile aus. Die Medien hätten in der Trump-Berichterstattung kläglich versagt, weil sie Trump bekämpft hätten, statt einfach über ihn zu berichten, erklärte er. Was die "Mainstream-Medien" abliefern würden, allen voran der SPIEGEL, habe mit Journalismus nichts mehr zu tun.

Medienkritik ist im Augenblick groß in Mode. Überall kann man lesen, dass die Journalisten den Kontakt zu den Leuten verloren hätten, die ihnen politisch fern stehen, weshalb sie auch die Welle nicht hätten kommen sehen, die Trump ins Weiße Haus befördert habe. Dass Journalisten zu viel mit ihresgleichen zusammenglucken, ist zweifellos richtig. Daraus allerdings den Schluss zu ziehen, die Presse hätte beim Wahlergebnis besser gelegen, wenn sie weniger kritisch mit Trump umgesprungen wäre, halte ich für eine sehr spezielle Lesart des Wahlausgangs.

In Wahrheit war Trump gar nicht der überragende Wahlkämpfer, als der er uns nun präsentiert wird. Verglichen mit Mitt Romney, der vor vier Jahren 61 Millionen Stimmen holte, hat der Wundermann aus New York für die Republikaner gerade mal eine Millionen Wähler mehr hinter sich versammelt. Wenn die linksliberale Presse eine Entwicklung verpasst hat, dann, wie groß die Unzufriedenheit mit der Kandidatin im eigenen Lager war. Clinton hat fast zwei Millionen Stimmen weniger erhalten als Obama 2012, gegenüber 2008 beläuft sich der Verlust sogar auf fünf Millionen. Das ist der Grund für den Sieg des Konkurrenten, nicht eine neue Bewegung von rechts, deren Aufkommen man als guter Zeitungsmann hätte erkennen müssen.

Was die Kritiker sagen wollen, wenn sie die Voreingenommenheit der Medien beklagen, ist, dass sie sich mehr positive Berichterstattung über die rechte Sache wünschen. Hier liegt allerdings ein Missverständnis über die Aufgabe der Presse vor. Ich habe selber mehrfach moniert, dass manche Journalisten glauben, es komme im Journalismus vor allem auf die richtige Haltung an. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, von einer Zeitung zu erwarten, dass sie keine deutliche Meinung zu den Dingen hat, über die sie berichtet.

Die "Frankfurter Allgemeine" wird sich niemals für die Anliegen der Linkspartei stark machen, jedenfalls nicht, solange Berthold Kohler oder Jasper von Altenbockum dort das Sagen haben. Genau deshalb kaufen die Leute auch die "FAZ". Niemand klaren Verstandes käme auf die Idee, der Zeitung vorzuwerfen, sie habe in ihrer Berichterstattung versagt, weil die Linke bei Wahlen überraschend gut abgeschnitten hat.

Wenn man schon dabei ist, die Medien zu kritisieren, sollte man vielleicht auch einmal über den Zustand der Medienkritik reden. Vor sechs Monaten wurde man noch des "Rechtsrucks" geziehen, wenn man sich zu eingehend mit den AfD-Anhängern und ihren Motiven beschäftigte. Heute ist man ein hochnäsiger Pinsel, der nichts von der Wirklichkeit verstanden hat, wenn man zu hart mit Trump und seinen Wählern ins Gericht geht. Auch die Medienkritik ist nicht frei vom Opportunismus, wie man sieht: Irgendwann will jeder mal auf der Seite der Sieger stehen. Manchmal geht es auch einfach darum, der Konkurrenz eins auszuwischen.

Ich wäre ja dafür, dass Mediendienste ihre Interessenkonflikte offenlegen müssten. Wenn bei VW regelmäßig über die Produkte der anderen Autofirmen berichtet würde, fiele das in die Kategorie "Pressemitteilung" und würde entsprechend bewertet. Nur im Journalismus heißt die Pressemitteilung "Medien-Portal" beziehungsweise "Informationsquelle für alle, die sich für Medien interessieren".

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Jan Fleischhauer:
Unter Linken

Von einem, der aus Versehen konservativ wurde.

Rowohlt; 384 Seiten; 9,99 Euro.

Aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster hängen. Auf "Meedia" diskutieren die Leser, welche SPIEGEL-Redakteure später "gehenkt werden", wenn "der Wind sich gewendet hat". Ich musste zugegebenermaßen kurz schlucken, als ich das las. Von einer Verlagsgruppe, in der ein Blatt wie die "Zeit" beheimatet ist, hätte ich mehr Zögerlichkeit beim Übergang in die neue Ära erwartet.

Aber so ist das, wenn die Revolution rollt. Irgendwann muss sich jeder entscheiden, wo er steht, auch der Journalist.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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ausmisten 28.11.2016
1. Medienkritik?
Weil sie den Trump Sieg nicht voraussahen? Das greift nicht weit genug. Man muss die Frage stellen, wieso berichten die Medien aus einen Paralleluniversum? In D scheinen die Medien mit der Politik fusioniert und sich mit der Rolle des "Hofberichtserstatters" zufrieden zu geben. Investigativer, neutraler Journalismus findet nicht mehr statt. Kostengruende? Denn haette etwa der Spiegel einen Reporter quer durch die USA geschickt, Scheuklappen ab, waere das Ergebnis der US-Wahlen auch in Hamburg zu erahnen gewesen. Stattdessen war der Sieg von Hillary Clinton, ganz im Sinne der eigenen Ideologie, reine Formsache, wie schon weiland beim Vorwahlkampf gegen Obama. Ich fuer meinen Teil, inzwischen geschult im Lesen zwischen den Zeilen, habe den Trump Sieg schon Monate im voraus in anderen Foren angesprochen und wurde, lol, als "Phantast" gescholten. Da scheint mir das Problem zu liegen, Phantasten halluzinieren in den Redaktionsstuben an der Realitaet vorbei.
Freidenker10 28.11.2016
2. Medienselbstkritik?
Das Problem werter Herr Fleischhauer ist, dass Sie ( die Medien ) nicht mehr informieren, sondern Meinung machen darin unterscheiden Sie sich in keinster weise von den von Ihnen bekämpften Populisten! Ob jetzt Rechtspopulismus oder Linkspopulismus bis auf den Inhalt sehe ich ansonsten keinen Unterschied in der herangehensweise. Das die Medien bei der Trumpwahl versagt haben kann ich nicht sehen, da wurde nur nach dem Motto agiert" was nicht sein darf, kommt auch nicht". Auch die aktuelle Berichterstattung über Trump mit den immer gleichen dümmlichen Bildern von ihm soll dessen Unfähigkeit suggerieren und eine Meinung bilden, die natürlich derer des Spiegels gleichkommt. Das Problem ist nur, die Leute haben keinen Bock mehr darauf sich von den Medien eine vorgekaute Meinung präsentieren zu lassen! Lange Zeit dachte auch ich die deutschen Medien seien objektiv und unterscheiden sich fundamental von zensierten, bzw. Populistischen Meiden wie beispeilsweise in China, aber die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise hat mich eines besseren belehrt, da haben die Medien enorm an vertrauen verspiel und merken es noch nicht mal. Also, alle für Merkel und alle gegen rechts funktioniert einfach nicht mehr so einfach wie früher...
eldoloroso 28.11.2016
3. Medien waren blind
Tach, Und zwar weil sie die Nichtwahl Clintons nicht auf dem Radar hatten. Hätte die Wahl zwichen Clinton, Trump und einem Kartoffelsack stattgefunden hätte der Sack gewonnen. Clinton wurde dermassen zur Lichtgestalt und heiligen Schützerin gegen Trump erhoben, dass niemand bemerkte wie schlussendlich nur noch Minderheiten positiv auf sie reagierten. Und bedaure, mit Minderheiten lässt sich in einer Demokratie nicht gewinnen.
hasimen 28.11.2016
4. Bei allem Respekt ...
Sehr geehrter Hr. Fleischauer. Es gab auch schon "katholische Nonnen" in Herrenmagazinen (LoL). Kritik an div. Medien ist nicht "in Mode", es gab sie schon immer, in letzter Zeit eben berechtigt und vermehrt. Die Verwunderung Seitens der Medien darüber ist ja nur Ausdruck der Entrückung zur Realität, des nicht erfüllten Anspruches an sich selbst, der fehlenden Kritikfähigkeit, Bemerken der eigener Fehler. Die Anmaßung nicht nur zu Berichten, sondern auch Inhalte und Aufnehmende dessen zu bewerten, ist zu einem Bumerang geworden. Viele Bewertungen, um nicht zu sagen "das Leser in eine Ecke zu stellen", sind schlicht falsch und die Reaktion zeigt ja das die Überheblichkeit so mancher Berichterstatter und Journalisten sich negativ auswirkt. Die Rolle eines Herrn Roger Köppel und die Auswirkung dessen sollten Sie dem Betrachter überlassen, hier wie auch so oft in anderen Fällen, erledigt sich vieles von selbst. Der Medienkonsument weis wo der Ausschaltknopf bzw. ein alternatives Printmedium ist. Mache mehr andere weniger ! Die Entscheidung wie damit umzugehen ist, das kann sicherlich journalistisch begleitet aber nicht bestimmt werden. Im Übrigen ... meinen Sie nicht das die Geschehnisse in Europa ( u.a. in der Türkei ) mehr Aufmerksamkeit verdienen als die ständige Berichterstattung über TRUMP und U.S.A.? Auch das empfinde ich als Journalistenpflicht zu ermessen wie und was um uns herum passiert, denn in keinem anderen Land wird in der Presse so intensiv auf diesem "toten Gaul" geritten.
BettyB. 28.11.2016
5. Seltsam...
Im Gegensatz zu Köppel hatte ich das Gefühl, dass in den deutschen, aber auch den von mir gelesenen internationalen Medien geradezu unkritisch mit Trumps Äußerungen umgegangen wurde. Wer hinterfragte, ob er auch seine Frau, seine Tochter den Griffen "selbstbewusster" Männer überlassen wollte, wer zeigte andere Konsequenzen seiner wahrlich vielen "seltsamen" Aussagen an, Das die Köppel das nicht tat, hat mich nicht gewundert und von Fleischhauer hätte ich es auch nicht erwartet...
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