Wahlverhalten Das Trump-Petry-Faszinosum

Linke machen für den Erfolg von Donald Trump oder Frauke Petry gern die soziale Ungleichheit verantwortlich. Dabei gibt es für viele Leute einen ganz anderen Grund, solche Populisten zu wählen.

AfD-Anhänger in Hamburg
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AfD-Anhänger in Hamburg

Eine Kolumne von


Mit der Ungleichheit ist es wie mit den Ausländern. Niemand weiß, wo die Grenze der Belastbarkeit liegt, aber ständig wird behauptet, es gebe zu viel davon. Auf jede Studie, die zu dem Schluss gelangt, dass die Ungleichheit in Deutschland zunimmt, kommt eine, die das Gegenteil beweist.

Trotzdem sind viele Leute überzeugt, dass es mit der Armut noch nie so schlimm war wie heute. Man kennt das von den Pegida-Anhängern: Wenn man ihnen sagt, dass es um sie herum kaum Ausländer gibt, sagen sie: "Gut und schön, das ist die offizielle Statistik. Aber die Dunkelziffer ist viel höher!"

Manchmal reicht ein Ereignis, und jede Diskussion hat sich erledigt. In der Flüchtlingsdebatte war das die Silvesternacht in Köln, für die Armutsdebatte ist es der Wahlsieg von Donald Trump. Kaum jemand hat den Durchmarsch kommen sehen, aber alle wissen im Nachhinein, woran es gelegen hat. Wer verhindern wolle, dass die Populisten auch bei uns ans Ruder kommen, der müsse dafür sorgen, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich schließe, heißt es jetzt überall. Die gesellschaftliche Ungleichheit ist als Ursache Nummer eins ausgemacht, warum so viele Leute rechts wählen.

Ich war vergangene Woche zu mehreren Diskussionsrunden eingeladen. Beim Deutschlandradio traf ich auf einen Soziologen und "Elitenforscher", der wortreich erklärte, dass es die "Ausgesteuerten" und "Abgehängten" gewesen seien, die Trump ins Weiße Haus befördert hätten, weshalb man endlich wieder für mehr Verteilungsgerechtigkeit sorgen müsse. Mein Hinweis, dass Trump auch in Florida gewonnen habe, wo das einzige, von dem die Leute abgehängt sind, der Winter ist, brachte ihn nur kurz aus dem Konzept.

Ich finde es kurios, dass Leute, die das Heil in mehr Umverteilung sehen, ausgerechnet den Wahlsieg eines Mannes als Bestätigung lesen, der jeden für smart erklärt, der keine Steuern zahlt. Das erste, was Trump als Präsident machen will, ist, die Steuern für die Reichen zu senken. Vielleicht habe ich das Umverteilungskonzept falsch verstanden, und die Menschen, die in Deutschland von Verteilungsgerechtigkeit reden, meinen eine Umverteilung von unten nach oben.

Ich glaube keine Sekunde, dass ökonomische Gründe ausreichend sind, um den Sieg der Populisten zu erklären. Ich verstehe, dass man links der Mitte am liebsten über die wirtschaftlichen Ursachen spricht. Mit der Rolle des Sozialarbeiters ist man auf der Linken vertraut. Dass man den Leuten nur ein paar Euro zustecken muss und die liebe Seele hat ruh, ist das Prinzip des deutschen Sozialstaats.

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Unter Linken

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Das Problem ist: Wenn es nur um die Wut auf die Reichen ginge, bräuchte es die AfD nicht. Die Partei, die dieses Ressentiment bedient, gibt es in Deutschland bereits. Alles, was die Umverteilungstheoretiker empfehlen, haben sie bei SPD, Grünen und Linkspartei längst im Programm: Mehr Hartz IV, mehr Arbeitslosengeld, mehr Rente, und kostenlose Kinderbetreuung obendrein. Dennoch laufen die Leute zu den Rechten über.

Warum also wählen die Leute Politiker wie Trump oder, in Deutschland, Frauke Petry? Mindestens so wichtig wie der Grimm über die ökonomische Abwertung ist der über die kulturelle. Man habe die Arbeitermittelschicht wie eine "kulturelle Unterschicht" behandelt, indem man ihren Lebensstil und ihre Wertvorstellungen für rückständig und veraltet erklärte, hat der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, Bastian Hermisson, auf dem Parteitag der Grünen in einer vielbeachteten Rede gesagt. Ich glaube, der Mann hat absolut recht.

Demokratie ist kein Internat

Jeder Missgriff, indem das falsche Denken zum Vorschein kommt, wird unnachsichtig geahndet. Schon ein schlechter Witz kann einen in Teufels Küche bringen, getreu dem Mao-Satz: "Bestrafe einen, erziehe hundert." Wenn einer wie der EU-Kommissar Oettinger wegen ein paar dämlicher Bemerkungen sofort als Rassist und Schwulenfeind gebrandmarkt wird, geht es nicht nur um Oettinger, sondern immer auch um die Durchsetzung allgemeiner Erziehungsziele. "Das geht gar nicht!", schrieb Manuela Schwesig im indignierten Ton der Internatsleiterin, die vor jeder Mahlzeit kontrolliert, ob auch alle saubere Fingernägel haben.

Ich hätte einen einfachen Vorschlag, wie zum Beispiel die SPD auf einen Schlag wieder an Ansehen bei den normalen Leuten gewinnen könnte. Ich würde Manuela Schwesig für ein halbes Jahr Redeverbot erteilen. Demokratie ist kein Internat. Wer in der ersten Reihe zu viele Funktionäre hat, deren Lebensziel es zu sein scheint, Abweichungen zu ahnden, muss sich nicht wundern, wenn die Wähler nach Alternativen suchen.

Das Verrückte ist, dass gerade die SPD an der Spitze oft populäre Leute hatte. Kurt Beck zum Beispiel war ein durch und durch volkstümlicher Mensch. Bis heute ist unvergessen, wie er einem Arbeitslosen, der ihn von der Seite anmaulte, empfahl, sich erst mal zu waschen und zu rasieren, bevor er große Reden schwinge. Auch Sigmar Gabriel ist jemand, den die Bürger über die SPD hinaus mögen, weil sie zu Recht vermuten, dass er nicht bei jedem Satz überlegt, ob die Jusos Marburg-Biedenkopf einverstanden wären. Dummerweise hält ein Großteil des Funktionärskörpers genau das für einen Fehler.

Ich fürchte, das wird sich auch mit Trump nicht ändern. Das menschliche Hirn ist so strukturiert, dass es in jedes Ereignis das hineinliest, was es immer schon für richtig gehalten hat. Diese Überraschungsresistenz hilft uns bei unerwarteten Ereignissen, mit dem Schock fertig zu werden, dass es anders gekommen ist, als wir gedacht haben. Dafür nimmt man dann auch gewisse Inkonsistenzen in Kauf.

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Seite 1
ogg00 21.11.2016
1. korrekt
Alles richtig, aber auch wirklich sehr einfach zu sehen, wenn man nicht gerade Parteifunktionär ist.
comeback0815 21.11.2016
2.
Schade, dass Fleischhauer in seinem durchaus guten Beitrag unterschlägt, dass natürlich auch deshalb nicht nur die "Abgehängten" Trump gewählt haben, sondern auch Menschen aus der Mittelschicht, weil Trump eben nicht für Veränderung, sondern für Kontinuität steht. Der Mitt-40iger möchte sich deshalb um die Zukunft noch keine Sorgen machen, weil die Zukunft gern auch in 25 Jahren erst anfangen kann. Dann ist er durch mit dem bewussten Leben, geniest den Ruhestand (über oder auch schon unter der Erde) und muss nur noch ein paar Jährchen durchhalten. Da stören so Dinge wie Energiewende, Digitalisierung oder Einwanderung natürlich ganz gewaltig. Also lieber noch damit warten. Und gerade in Deutschland spielen diese Themen eine weitaus größere Rolle, als die sogenannte soziale Gerechtigkeit.
Ultras 21.11.2016
3. Toll!
Ein echter Fleischhauer. Prägnant, bissig und so viel näher an der Erkenntnis als die Kollegen, die von Dienstag bis Sonntag alles, was nicht ihrem idealisierten Weltbild entspricht, mit Häme überziehen und als dumm und gefährlich brandmarken. Fleischhauer ist die letzte Bastion der Vernunft beim Spiegel und bleibt uns auch hoffentlich noch lange erhalten. Übrigens: Die Idee mit dem Redeverbot für Frau Schwesig könnte verhindern, dass die SPD nächsten Herbst von der AfD überholt wird.
jjcamera 21.11.2016
4. Pharisäer
Das Gerede von der "Ungleichheit" und von "Umverteilung" kam in Deutschland erst nach der Wende auf. Es gab plötzlich in Gesamtdeutschland ca. 16 Millionen Menschen, die eine gründlich antikapitalistische und antiimperialistische Erziehung genossen hatten. Da waren die obigen Begriffe Teil des Lehrprogramms. Einige von den damaligen Strebern sitzen jetzt im Bundestag. Ich denke ebenso wie Sie, Herr Fleischhauer, dass Politiker nicht dazu da sind, der Bevölkerung Anstand und Moral beizubringen und entsetzt den Kopf zu schütteln, wenn jemand scherzhaft Chinesen als Schlitzaugen bezeichnet, anstatt zu lachen. Das ist Pharisäertum in Reinkultur.
bstendig 21.11.2016
5. Tja Herr Fleischhauer,
Sie schreiben und fragen: Alles, was die Umverteilungstheoretiker empfehlen, haben sie bei SPD, Grünen und Linkspartei längst im Programm: Mehr Hartz IV, mehr Arbeitslosengeld, mehr Rente, und kostenlose Kinderbetreuung obendrein. Dennoch laufen die Leute zu den Rechten über. Die Gründe dafür? Eigentlich müsste Ihr Satz so lauten: Alles, was die Umverteilungstheoretiker empfehlen, haben sie bei del Sozial, Öko-und Linkspopulisten längst im Programm. Da diese aber seit gefühlt 3 Jahrzehnten nur Populismus betreiben, probieren es die Menschen eben mal mit den Rechtspopulisten. Ob das Sinn macht? Das interessie4rt leider momentan nicht. Hauptsache mal ausprobiert.
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