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Doppelinterview zum Parteijubiläum: "30 Jahre Grüne? Das war anstrengend"

Von der Strickpulli-Fraktion zur etablierten Partei: Nach drei turbulenten Dekaden sind die Grünen in der Polit-Normalität angekommen. Veteran Hans-Christian Ströbele und Jungkraft Sven-Christian Kindler sprechen im SPIEGEL-ONLINE-Interview über den Wandel, schicke Anzüge und Meisterkanoniere.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Ströbele, Herr Kindler, wir wollen mit Ihnen heute über 30 Jahre Grüne sprechen - aber zunächst einmal sehen, wie gut sich junge und alte Parteifreunde kennen. Herr Kindler, wussten Sie, dass Ihr Fraktionskollege Ströbele Kanonier der Reserve ist?

Sven-Christian Kindler: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie sich dem jungen Kollegen erklären, Herr Ströbele?

Hans-Christian Ströbele: Für uns Abiturienten stand 1959 so was wie Verweigerung gar nicht zur Debatte. Ich hab ein Jahr munter meinen Wehrdienst geleistet - bin aber Kanonier der Reserve geblieben. Das ist der unterste Dienstgrad, eigentlich wird man nach drei Monaten Gefreiter - aber diese Beförderung habe ich aus Protest gegen irgendwas abgelehnt. Dafür wurde ich nach einem halben Jahr Vertrauensmann. Allerdings muss ich zu meiner Schande eingestehen, dass ich Meisterschütze war. Ich habe sogar mal einen Preis gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Womit schossen Sie?

Ströbele: Na mit einer Kanone.

SPIEGEL ONLINE: Und worauf?

Ströbele: Alles mögliche. Panzerattrappen, alte Flugzeuge.

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30 Jahre Grüne: Bärte, Blumen, Turnschuh-Eid

SPIEGEL ONLINE: Um beim gegenseitigen Kennenlernen weiterzumachen: Herr Ströbele, wissen Sie, was ein Controller macht?

Ströbele: Hm. Irgendwas kontrollieren?

Kindler: Ich helfe da gerne weiter: Da ich nach dem Abitur ausgemustert wurde, habe ich direkt bei Bosch angefangen und ein duales Studium zum Betriebswirt gemacht. Danach wurde ich im Controlling übernommen: Das heißt, ich musste das in Zahlen abbilden, was im Unternehmen passiert. Also viele Analysen und Berichte schreiben

Ströbele: Dann muss ich mich korrigieren: Eigentlich hätte ich wissen müssen, was ein Controller macht. Ich war ja mal im Aufsichtsrat der "taz", und da kam auch immer mal ein Mensch, der solche Dinge vorgetragen hat. Klar: Solche Kompetenzen können uns als Grünen nur helfen, nicht nur angesichts der Wirtschaftskrise.

SPIEGEL ONLINE: Was hätten Sie in den achtziger Jahren zu einem Fraktionskollegen gesagt, der - wie Ihr junger Parteifreund - gern Anzug trägt?

Ströbele: Der Ruf der Grünen, dass alle nur im gehäkelten Pulli rumgelaufen sind, stimmt ja nicht. Ich erinnere nur an Otto Schily.

SPIEGEL ONLINE: Der eine Ausnahme war.

Ströbele: Es gab schon noch ein paar andere, und sie wurden deshalb auf Grünen-Parteitagen nicht bespuckt und auch nicht des Saales verwiesen. Aber es stimmt, wir wollten auch mit unserer Kleidung eine andere Haltung ausdrücken, das war schon so bei den Studentenprotesten Ende der sechziger Jahre. Wir haben alles in Frage gestellt - auch die Kleiderordnung. Das galt für die anwaltliche Tätigkeit genauso. Da weigerten wir uns, Roben anzuziehen oder einen Schlips. Ich finde, jeder soll das tragen, was er angemessen und bequem findet. Und deshalb dürfen Grüne natürlich Anzug tragen.

Kindler: Ich musste bei Bosch oft Anzug und Krawatte tragen. Inzwischen ziehe ich an, was ich mag - manchmal Kapuzenpulli, manchmal eben auch Anzug. Union und FDP im Bundestag sind da viel dogmatischer, selbst in der SPD gibt es doch bei den Männern beinahe eine Anzugspflicht plus Schlips. Individualität sieht anders aus - nämlich wie bei den Grünen.

SPIEGEL ONLINE: Also sind junge grüne Linke im Anzug wie Sie kein Ausdruck von Mainstream?

Kindler: Man kann im Anzug links und progressiv sein und ohne Anzug rechts und rückständig.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Ex-Fraktionschef Fritz Kuhn sagt, die Grünen seien inzwischen eine "normale Partei" geworden - und er freut sich darüber. Sie auch?

Kindler: Natürlich haben sich die Grünen in 30 Jahren weiterentwickelt. 1980 als Anti-Partei-Partei gegründet - inzwischen eine Alternative im Parteiensystem. Das war richtig. Aber alternativ müssen wir bleiben; eine Partei, die grundsätzlich hinterfragt.

Ströbele: Ich sehe Kuhns Einschätzung mit gewissem Grauen. Leider hat er in der Sache weitestgehend recht: Natürlich sind die Grünen inzwischen eine etablierte Partei, viel normaler, als man sich das in der Gründungsphase vorstellte. Glücklicherweise haben wir einige Grundsätze bewahrt, die sich ab und an durchsetzen - gegen das Normale. Das beste Beispiel stammt aus dem Jahr 2007. Da hat die Basis aufgemuckt, gegen das grüne Establishment - und wegen der Afghanistan-Politik der Bundestagsfraktion nicht nur den Sonderparteitag in Göttingen erzwungen, sondern sich am Ende auch noch durchgesetzt. Das rechne ich der Partei so hoch an, dass ich mit manchem "normalen" vollends versöhnt bin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kindler, würden Sie Ihr aktuelles Mandat mit einem in der ersten Grünen-Bundestagsfraktion von 1983 eintauschen?

Kindler: Das war bestimmt eine spannende Zeit. Und ich hätte Figuren wie Petra Kelly gern aus der Nähe erlebt. Aber vieles, was damals diskutiert wurde, beschäftigt uns doch nach wie vor: Umweltschutz, Frauenrechte, soziale Gerechtigkeit, Krieg und Frieden. Die massiven Streitigkeiten von damals, als man sich wirklich aufs Äußerste intern bekämpft hat, vermisse ich nicht. Ich bin deshalb ganz froh über mein Abgeordneten-Mandat in der Jetztzeit.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ströbele, Sie kamen 1985 als Nachrücker in den Bundestag. Vermissen Sie die alten Zeiten?

Ströbele: Ich warne davor, die damalige Zeit - ob in der Grünen-Fraktion oder auf Parteitagen - zu idealisieren. Das war ungeheuer anstrengend und nervig. Und mit viel mehr persönlicher Aggressivität verbunden. Für die Beobachter war das toll: Da passierte was, für jeden ersichtlich. Aber für uns, die das durchlitten haben, kann ich sagen: Ich will es nicht zurück.

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Forum - Wo stehen die Grünen heute?
insgesamt 450 Beiträge
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1.
Alka Wumm 11.01.2010
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Genau da wo Sie angefangen haben: als belächelte Gutmenschen, die gerade mal als Mehrheitsbeschaffer taugen.
2.
yogtze 11.01.2010
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Mehr und mehr im sog. "bürgerlichen Lager"!
3. Eine
saul7 11.01.2010
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Partei, die zu Beginn eher dem linken Lager zuzuordnen war, hat sich in drei Jahrzehnten zu einer Partei der bürgerlichen Mitte entwickelt. Viele der ehemaligen Wähler der Grünen, die damals die "Protestpartei" wählten gehören heute ebenso zum "Establishment" wie die Spitzenpolitiker der Grünen auch. Inhaltlich sind die Grünen kaum noch von den anderen Parteien zu unterscheiden. Die Partei muß sich allerdings auch fragen lassen, ob es sinnvoll ist, eine so genannte Doppelspitze als Parteivorsitz weiterhin zu beschäftigen. Die eher farblose aber schrille Claudia Roth sollte endlich zurücktreten oder schnellstens abgelöst werden!!
4.
kdshp 11.01.2010
Zitat von sysopVom Strickpulli zum Maßanzug: Einst zogen die Grünen als Bürgerschrecks in die Parlamente ein, inzwischen sind sie längst im politischen Betrieb etabliert. Nun wird die Ökopartei 30. Wo stehen die Grünen heute?
Hallo, keine ahnung !
5.
grauer kater 11.01.2010
Im Abseits, wo sonst! Kein Profil, keine ökologisch tragbaren Ideen, außer überall noch mehr Steuern zu fordern und keinerlei honorige Führungskräfte! Eine überflüssige Partei, die sich besser auflösen sollte!
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Zur Person
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Hans-Christian Ströbele, 70, und Sven-Christian Kindler, 25, sitzen für die Grünen im Bundestag. Während Ströbele ein bewegtes Leben als Kanonier der Reserve, RAF-Anwalt und Grünen-Pionier hinter sich hat, machte Kindler nach dem Abitur ein duales Studium bei Bosch und arbeitete anschließend als Controller. Der Fraktions-Oldie Ströbele gewann bei der vergangenen Bundestagswahl zum dritten Mal in Folge das Direkt-Mandat in Kreuzberg-Friedrichshain, der jüngste Grünen-Abgeordnete Kindler zog über die niedersächsische Landesliste ins Parlament ein. Trotz ihrer biografischen Gegensätze definieren sich beide als linke Grüne.

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Grüne Ur-Plakate: Beuys, Kinderkunst und Sonnenblumen

Die Geschichte der Grünen
7. Oktober 1979 - Einzug in die Bremer Bürgerschaft
Ende der siebziger Jahre schließen sich Bürgerinitiativen wie die Anti-Atomkraft-Bewegung und Splitterparteien wie "Grüne Liste Umweltschutz", "Grüne Aktion Zukunft" und die "Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher" zusammen. Bei der Europawahl 1979 tritt das Sammelsurium als "Sonstige politische Vereinigung Die Grünen" erstmals zur Wahl an - und holt mit ihren Spitzenkandidaten Petra Kelly und Herbert Gruhl immerhin 3,2 Prozent der Stimmen. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen gelingt der Formation am 7. Oktober 1979 mit 5,1 Prozent der Einzug in das erste Länderparlament.
13. Januar 1980 - Gründung der Bundespartei
In Karlsruhe wird am 13. Januar 1980 die neue Bundespartei unter dem Namen "Die Grünen" gegründet. Die erste Bundesversammlung der Partei in Saarbrücken bestimmt das Führungstrio August Haußleiter, Petra Kelly und Norbert Mann als "Parteisprecher". In der Präambel zum ersten Programm heißt es: "Wir sind die Alternative zu den herkömmlichen Parteien. … Wir verstehen uns als Teil der grünen Bewegung in aller Welt." Zentrales Thema der Grünen wird die Umwelt - ein Feld, das die deutsche Politik bislang kaum beachtet hat: "Die in Bonn etablierten Parteien verhalten sich, als sei auf dem endlichen Planeten Erde eine unendliche industrielle Produktionssteigerung möglich. Dadurch führen sie uns nach eigener Aussage vor die ausweglose Entscheidung zwischen Atomstaat oder Atomkrieg, zwischen Harrisburg oder Hiroshima. Die ökologische Weltkrise verschärft sich von Tag zu Tag: Die Rohstoffe verknappen sich, Giftskandal reiht sich an Giftskandal, Tiergattungen werden ausgerottet, Pflanzenarten sterben aus, Flüsse und Weltmeere verwandeln sich in Kloaken, der Mensch droht inmitten einer späten Industrie und Konsumgesellschaft geistig und seelisch zu verkümmern, wir bürden den nachfolgenden Generationen eine unheimliche Erbschaft auf. Die Zerstörung der Lebens- und Arbeitsgrundlagen und der Abbau demokratischer Rechte haben ein so bedrohliches Ausmaß erreicht, dass es einer grundlegenden Alternative für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bedarf."

Unmittelbar nach der Gründung brechen heftige Kämpfe um die grundsätzliche Richtung aus; die Wertkonservativen - wie die Gruppe um den ehemaligen CDU-Abgeordneten und Schriftsteller Herbert Gruhl - ziehen sich zurück.
6. März 1983 - Erfolg bei der Bundestagswahl
Mit 5,6 Prozent der Zweitstimmen und 27 Abgeordneten ziehen die Grünen in den zehnten Bundestag ein; es ist seit Jahrzehnten die erste neue politische Kraft, der das gelingt. Aber der Erfolg führt nicht zu einer Einigung in der Partei, sondern verstärkt die Flügelkämpfe zwischen Fundamentalisten - "Fundis" - und Pragmatikern - "Realos". Permanente Streitpunkte: das Rotationsprinzip für wichtige Funktionen in der Parteiführung, die Trennung von Amt und Mandat - und die Frage, wie weit man mit den etablierten Parteien zusammenarbeiten konnte und wollte. Nach der Hälfte der Legislaturperiode "rotieren" alle Angeordneten - bis auf Petra Kelly und Gert Bastian, die sich weigern, ihren Platz frei zu machen.
16. Oktober 1985 - Rot-grüne Premiere in Hessen
Der Sozialdemokrat Holger Börner gewinnt 1983 die vorgezogenen Landtagswahlen in Hessen, er ist bei der Bildung seiner Regierung aber auf die Tolerierung durch die Grünen angewiesen. Im Oktober 1985 wird diese Zusammenarbeit formalisiert - und die hessischen Grünen unter dem Realo Joschka Fischer werden offizieller Regierungspartner in der ersten rot-grünen Koalition. Bei seiner Vereidigung zum Umweltminister am 12. Dezember erschien Fischer in Jeans und Sportschuhen. Die rot-grüne Koalition zerbrach nur zwei Jahr später am Streit über Genehmigungen für das Hanauer Atomunternehmen Alkem.
25. Januar 1987 - Zwischenhoch der "Fundis"
Bei den Wahlen zum elften Bundestag können die Grünen ihr Ergebnis noch einmal deutlich verbessern: Unter einem von "Fundis" dominierten Vorstand - Jutta Dittfurth, Rainer Trampert und Lukas Beckmann - holen sie 8,3 Prozent der Stimmen und ziehen mit 44 Abgeordneten ins Parlament ein. Das Rotationsprinzip wird reformiert: Die Parlamentarier bleiben jetzt volle vier Jahre - dann wird gewechselt.
2. Dezember 1990 - Rückschlag für die West-Grünen
Auf den Fall der Mauer reagieren die Grünen mit einem Aufruf an die Bundesregierung, die DDR völkerrechtlich anzuerkennen - und sie argumentieren auch in den folgenden Monaten gegen eine "Einverleibung" der DDR und einen "Vollzug der Unterwerfung" oder "Anschluss". In den Bundestagswahlkampf zieht die Partei mit einer trotzigen Verfremdung eines Werbeslogans der Bahn gegen die Einheitseuphorie: "Alle Reden von Deutschland. Wir reden vom Klima". Die Wahl wird zum Debakel für die West-Grünen, sie verpassen die Fünfprozenthürde und damit den Wiedereinzug in den Bundestag. Die "Grüne Partei in der DDR" hingegen verbündet sich mit der Bürgerbewegung "Bündnis 90" und bekommt vom Verfassungsgericht einmalig eine separate Fünfprozentklausel im Osten zugestanden - zusammen schafft man 6,1 Prozent und zieht mit acht Parlamentariern in den Bundestag ein. Im Richtungsstreit, der auf die Auseinandersetzung mit dem Wahldebakel folgt, treten prominente "Fundis" aus der Partei aus - die Parteilinken Jutta Dittfurth, Thomas Ebermann und Rainer Trampert.
14. Mai 1993 - Fusion von Grünen und Bündnis 90
Es ist eine Fusion in drei Etappen: Unmittelbar nach der Bundestagswahl 1990 tun sich Grüne in Ost und West zusammen; dann vereinigen sich Teile der vormaligen DDR-Bürgerbewegungen "Neues Forum", "Initiative Frieden und Menschenrechte" sowie "Demokratie Jetzt" zur Partei "Bündnis 90"; im Mai 1993 schließlich gehen Grüne und Bürgerbewegte in der Formation "Bündnis 90/Die Grünen" zusammen.
27. September 1998 - Rot-Grün regiert Deutschland
So deutlich war die Wechselstimmung noch nie: Erstmals wird bei einer Bundestagwahl eine Regierung komplett abgewählt - CDU und FDP. Die SPD holt mit ihrem Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder 40,9 Prozent der Stimmen, Bündnis 90/Die Grünen erreichen 6,6 Prozent. Das reicht für die erste rot-grüne Koalition im Bund. Im Kabinett sitzen drei grüne Minister: Joschka Fischer wird Außenminister, Andrea Fischer übernimmt das Gesundheitsressort, und Jürgen Trittin tritt als Umweltminister an. Gemeinsam mit der SPD wird der mittelfristige Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen und eine Ökosteuer eingeführt.

Der Nato-Einsatz in Serbien stellt das Bündnis auf eine harte Probe. Beim Sonderparteitag der Grünen im Mai 1999 wird das Spitzenpersonal wüst beschimpft, Joschka Fischer wird von einem Farbbeutel getroffen und am Ohr verletzt. Aber er kämpft für eine Fortsetzung der Luftangriffe gegen Milosevic: "Ich halte zum jetzigen Zeitpunkt eine einseitige Einstellung der Angriffe für das grundfalsche Signal. (...) Ich werde das nicht umsetzen, wenn ihr das beschließt, damit das klar ist!"
22. September 2002 - Wiederwahl mit neuem Programm
Im März 2002 erteilt die Bundesdelegiertenkonferenz in Berlin dem neuen Grundsatzprogramm den Segen. Titel: "Die Zukunft ist grün." Die wesentlichen Unterschiede zum "Saarbrücker Programm" beschreiben die Grünen so: "Inzwischen sind wir nicht mehr Anti-Parteien-Partei, sondern die Alternative im Parteiensystem. Die entscheidende Veränderung war, dass wir uns zu einer Reformpartei entwickeln wollten und mussten, um erfolgreich zu bleiben. Unsere politischen Visionen und Ziele wollen wir heute durch eine langfristig angelegte Reformstrategie erreichen." Die neue Richtung kommt beim Wähler an; bei der Bundestagswahl am 22. September erreichen die Grünen 8,6 Prozent - und gleichen so die starken Verluste der SPD aus. Rot-Grün geht wichtige Reformprojekte an, büßt aber im Bundesrat die Mehrheit ein und hat danach nur noch geringen Gestaltungsspielraum.
18. September 2005 - Ende des rot-grünen Projekts
Mit der vorgezogenen Bundestagswahl verlor die bisherige Regierung ihre Mehrheit - und während sich die SPD in die Große Koalition retten konnte, stürzten die Grünen in die Opposition ab. Der bisherige Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer - heimlicher Herrscher der Partei - kündigte rasch seinen kompletten Rückzug aus der Politik an, während andere rot-grüne Ex-Minister weiter machten. Renate Künast, zuvor zuständig für das Verbraucherschutzministerium, wurde gemeinsam mit Fritz Kuhn neue Fraktionschefin im Bundestag, der bisherige Umweltminister Jürgen Trittin zu einem ihrer Stellvertreter gewählt.
15. September 2007 - Ende des grünen Pragmatismus
Auf dem Bundesparteitag in Göttingen verabschieden sich die Grünen endgültig vom außenpolitischen Pragmatismus der Regierungsjahre. Das klare Nein der Delegierten gegen den kombinierten Antrag des Vorstands, der Verlängerung des Isaf- und des "Tornado"-Mandats in Afghanistan zuzustimmen, ist eine Ohrfeige für Künast, Kuhn und Co. Gleichzeitig genießt die Basis mit dieser Entscheidung, dass sie nach den vielen außenpolitischen Kompromissen der rot-grünen Ära fürs Erste keine Rücksicht mehr nehmen muss.
17. April 2008 - In Hamburg regiert Schwarz-Grün
Es war ein langer Weg der Hamburger Grünen, von den fundamentaloppositionellen Anfangstagen bis ins Frühjahr 2008 - der an einem sonnigen Apriltag mit der Unterzeichnung des bundesweit ersten schwarz-grünen Koalitionsvertrags endete. Dass es selbst mit der verhältnismäßig liberalen Hamburger CDU unter Bürgermeister Ole von Beust nicht leicht für die Grünen wird, zeigt sich bald: Der Bau des von den Grünen bekämpften Kohlekraftwerks in Moorburg lässt sich nicht mehr aufhalten. Inzwischen droht ein weiteres Grünen-Projekt zu scheitern - und damit möglicherweise auch die Koalition: Die Schulpolitik von Bildungssenatorin Christa Goetsch stößt in der Stadt auf heftigen Widerstand. Das längere gemeinsame Lernen aller Kinder wird für Schwarz-Grün in Hamburg zur Bewährungsprobe. Im August 2010 tritt CDU-Bürgermeister Ole von Beust zurück, im November zerbricht die Koalition.
5. November 2009 - Grüne legen ersten Koalitionsvertrag als Jamaika-Partner im Saarland vor
Wochenlang war es hin- und hergegangen, SPD und CDU warben im Saarland um die Gunst der Grünen - am Ende entschied sich die Partei mit ihrem Vorsitzenden Hubert Ulrich für ein Jamaika-Bündnis. Die Koalition mit CDU und FDP ist die erste dieser Art in Deutschland, von Parteilinken im Saarland wie im Rest der Republik wird sie argwöhnisch beobachtet. Rein strategisch ist es aus Grünen-Sicht ein kluger Schachzug, weil die Partei so ihre Machtoptionen verbreitert. Allerdings wäre auch ein rot-rot-grünes Bündnis eine Premiere gewesen.
28. November 2010 - Grüne verlassen Koalition in Hamburg
Nach dem Abgang des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust schmeißt auch der Koalitionspartner hin: Am 28. November kündigen die Grünen dem neuen CDU-Bürgermeister Christoph Ahlhaus die Gefolgschaft. Damit ist die erste schwarz-grüne Koalition auf Länderebene vorzeitig gescheitert.
12. Mai 2011 - Kretschmann erster grüner Ministerpräsident
Die baden-württembergische Landtagswahl am 27. März 2011 führt zu einer kleinen politischen Revolution im Ländle - und stellt einen weiteren Meilenstein für die Grünen dar: Spitzenkandidat Winfried Kretschmann holt 24,2 Prozent der Stimmen und kann gemeinsam mit der SPD eine Koalition bilden. Am 12. Mai wird Kretschmann als erster grüner Ministerpräsident im Stuttgarter Landtag vereidigt.
25. Juni 2011 - Grüne stimmen schwarz-gelber Atomwende zu
Dem Bundesparteiag am 25. Juni 2011 gehen wochenlange parteiinterne Debatten voran - doch am Ende ist das Votum klar: Die Delegierten stimmen in Berlin mit großer Mehrheit der schwarz-gelben Atomwende in ihren Grundzügen zu.


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