Dortmund Autonome randalieren bei Demo gegen Neonazis

Abgeschirmt von einem Großaufgebot der Polizei sind Hunderte Neonazis aus ganz Deutschland durch Dortmund gezogen - weniger als befürchtet. Doch dann eskalierte die Situation: Linke Autonome randalierten, es kam zu schweren Ausschreitungen, die Behörden melden mehr als 20 Verletzte.

Von , Dortmund

dapd

Er war nur eben beim Bäcker, sagt der Mann und wedelt mit der Brötchentüte, und jetzt möchte er, bitte schön, wieder schnell zu seiner Schwester. "Da hinten umme Ecke." Doch die Polizistin, blonder Pferdeschwanz unter grünem Barett, schüttelt entschieden den Kopf. "Das geht jetzt nicht, die Demo, Sie wissen schon." Er möge sich doch gedulden oder - besser noch - einen anderen Weg nehmen. Schimpfend zieht der verhinderte Frühstücker von dannen.

Dortmund, fußballverrückte Heimat einer Borussia und multikulturelle Metropole im Ruhrgebiet, ist an diesem Samstag eine Stadt im Ausnahmezustand. Fast 5000 Polizisten sind aus ganz Deutschland mit Hubschraubern, Panzerwagen, Wasserwerfern, Reiterstaffeln und Diensthunden angerückt, um einen gerichtlich genehmigten Aufmarsch der Neonazi-Szene zu ermöglichen. Doch dabei kommt es immer wieder zu teilweise heftigen Zusammenstößen mit linken Autonomen.

Es ist gegen Mittag, als wohl in Ermangelung anderer Gegner auf der Haydnstraße Dutzende Störer einen Bus der Polizei attackieren. Sie werfen Flaschen und Steine, die Fenster des Bullis zerbersten, der Fahrer, der sich Gas gebend aus der brenzligen Situation retten kann, wird nach offiziellen Angaben schwer verletzt. Sofort stürmen seine Kollegen los, schlagen zu, sprühen Pfefferspray und fegen die Angreifer mit einem Wasserwerfer von der Straße.

Hässliche Bilder

Es sind hässliche Bilder, die in diesem Moment entstehen und die vor allem die vielen friedlichen Demonstranten verstören: Gewerkschafter, Grüne, Sozialdemokraten, Pfadfinder und Fußballmannschaften - Tausende sind gekommen, um den etwa 750 Neonazis zu beweisen, dass Dortmund mitnichten "ihre Stadt" ist, wie sie öffentlich reklamieren. "Zu lange haben die Rechten hier freie Bahn gehabt", sagt eine Studentin namens Maike, "es reicht."

Immer wieder ist es in den vergangenen Jahren in Dortmund zu systematisch erscheinenden Pöbeleien, Überfällen und Einschüchterungen gekommen. Wände wurden beschmiert, Scheiben eingeworfen, Menschen zusammengeschlagen. Eine Familie, die wohl wegen ihres Engagements gegen Nazis wiederholt Opfer der niederträchtigen Angriffe geworden war, flüchtete aus der Stadt.

Der Mann, dessen unseliges Wirken diese Entwicklung mit befördert hat, röhrt am frühen Nachmittag von der Ladefläche eines Transporters der Firma Sixt: Dennis G. ist einer der Köpfe des "Nationalen Widerstands Ruhrgebiet" und Veranstalter der rechten Kundgebung, die ein "Antikriegstag" sein soll und zu den größten der deutschen Szene gehört.

Hochgerüstetes Polizisten-Heer

In kruden Worten rühmt G. einen jüngst verstorbenen SS-Mann, schimpft auf den "internationalen Zinskapitalismus" und zieht über die "asoziale Politik in Deutschland" her. "Auf der Straße zeigt sich, wer Teil des Problems ist und wer Teil der Lösung", schreit G. Wenig später ziehen die Nazis los, grölend, feixend und flankiert von einem hochgerüsteten Polizisten-Heer, wie man es sonst nur selten sieht. Und die Linken?

Sie liefern sich in Seitenstraßen und einem angrenzenden Park ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Staatsmacht. Eine Sitzblockade auf der Strecke lösen die Beamten nach zahlreichen Vorwarnungen auf - wobei es durchaus rabiat zugeht. Die Demonstranten krallen sich aneinander, die Ordnungshüter zerren und reißen, es wird gebrüllt und skandiert ("Wir sind friedlich, was seid ihr?"). Dutzende Fotografen und Kameraleute zeichnen jede Bewegung auf.

Die Nazis sind in diesem Moment Hunderte Meter entfernt.

Auch in Dortmund kommt es am Samstag wie so oft: Am Ende fallen als Randalierer vor allem linke Autonome auf, die mit Attacken auf Polizisten dem so wichtigen Protest gegen Rechts einen Bärendienst erweisen.

"Die Gewaltexzesse", sagt Polizeipräsident Hans Schulze hinterher, hätten mit demokratischem Widerstand nichts zu tun. Seine Kollegen seien "massiv angegriffen" worden, mit Pfefferspray, Steinen und Böllern. Die Polizei kesselt im Laufe des Tages mehrere hundert Menschen vorübergehend ein, darunter Kinder und Jugendliche. Etwa 270 Personen werden in Gewahrsam genommen. 16 Polizisten wurden nach Angaben der Behörden verletzt, drei von ihnen schwer. Auch unter den Demonstranten gab es Verletzte, sieben waren es am Abend.

Rechtsextremisten in den Weg stellen

Das linksradikale Netzwerk "Alerta" spricht dennoch von "erfolgreichen Protesten". Die Neonazis seien mit Straßenblockaden behindert worden, die Polizei habe ihnen den Weg "freigeprügelt", heißt es an anderer Stelle.

Die Grünen loben derweil die friedlichen Gegendemonstrationen. "Zusammen mit anderen Parteien, Bündnissen und Verbänden ist es gelungen, uns den Rechtsextremisten erfolgreich in den Weg zu stellen", sagt die Landesvorsitzende Monika Düker.

Und tatsächlich: Trotz schönsten Wetters und massiver Propaganda der Extremisten marschieren am Samstag in Dortmund deutlich weniger Nazis als ursprünglich erwartet. "Ihre Klientel weiß mittlerweile", resümiert das Bündnis "Dortmund stellt sich quer", dass in der Stadt "kein Triumphmarsch" mehr möglich sei. Sollte sich diese Erkenntnis durchgesetzt haben, wäre das in jedem Fall eine gute Nachricht.



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