Drama um CIA-Opfer Wie Khaled el-Masri zum Brandstifter wurde

Das CIA-Entführungsopfer Khaled el-Masri als Feuerteufel: Sein Anwalt und seine Psychologin schildern auf SPIEGEL ONLINE im Detail die Mängel der Betreuung - und brandmarken Politik und Behörden, die erst nach dramatischen Appellen wach wurden.

Von , München


München/Berlin - Wie schlecht geht es Khaled el-Masri? Haben deutsche Behörden jahrelang sein Schicksal ignoriert? Wurde er, das CIA-Opfer, wirklich nicht ausreichend therapiert - so dass er zuletzt in seiner Hilflosigkeit einen Supermarkt in Neu-Ulm anzündete? Nach der Aufsehen erregenden Brandstiftung des 43-jährigen Deutsch-Libanesen kommen zuhauf Fragen auf.

Verbrannte Ware am "Metro"-Markt in Neu-Ulm: "Massive Erregung"
AP

Verbrannte Ware am "Metro"-Markt in Neu-Ulm: "Massive Erregung"

Tatsache ist: Masri, der vor drei Jahren von der CIA nach Afghanistan entführt wurde, wird seit Februar 2006 im Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer psychologisch betreut.

"Diese Therapie ist aber unzureichend", sagt sein Anwalt Manfred Gnjidic. "Nicht hinreichend" nennt es Gerlinde Dötsch, Expertin für Akut-Traumata am Behandlungszentrum für Folteropfer. Die Diplom-Psychologin behandelt Masri seit Beginn. Bisher seien 70 Therapiestunden absolviert worden, sagt sie SPIEGEL ONLINE. Seit März 2007 sei außerdem eine Psychiaterin eingebunden.

Problematisch für Masri sei der Zwiespalt zwischen Traumatherapie auf der einen Seite und dem öffentlichen Kampf um die Wahrheitsfindung auf der anderen. Dötsch: "Das war immer das Dilemma, das wir das ganze Jahr über hatten." Sie habe mit Masri deshalb bisher vor allem Entspannungsübungen machen und ihn stabilisieren können, "damit er nicht ganz abdriftet".

Für eine sogenannte Traumaexposition, bei der alle Traumastationen abgearbeitet werden, habe es keine Möglichkeit gegeben. Dötsch sagt, sie habe Masris "angespannten Gesichtsausdruck im Fernsehen" beobachtet. "Ich hoffe immer, dass er durchhält, bis er wieder hier bei mir ist, dass er nicht zusammenbricht." Masri habe sich in der Öffentlichkeit "sehr im Griff. Das erhöht aber auch die Spannung".

"Die Traumatisierung spielt da eine ganz große Rolle"

Möglicherweise war es diese Spannung, die sich in der Brandstiftung entlud. Dötsch: "Die Traumatisierung spielt da sicherlich eine ganz große Rolle, sie löst massive Erregungszustände aus. Das Grundstressniveau von Khaled el-Masri ist stets erhöht." Traumatisierte schlafen in der Regel schlecht - was möglicherweise das Feuer am frühen Morgen erkläre, sagt Dötsch. Sie könne aber nichts über die konkreten Motive der Brandstiftung sagen. Beim letzten Besuch bei ihr vor drei Wochen sei Masri "sehr stabil" gewesen. In der kommenden Woche hätte er den nächsten Termin gehabt.

Was trieb Masri an? Anwalt Gnjidic sagt, in den Wochen vor der Brandstiftung habe er bemerkt, wie Masri "meiner Kontrolle entgleitet". Schon in den vergangenen Monaten war er auffällig geworden: Im Januar begannen Ermittlungen gegen Masri wegen gefährlicher Körperverletzung, weil er einen Mitarbeiter der Prüfgesellschaft Dekra verprügelt haben soll. Der hatte ihn laut "Süddeutscher Zeitung" abgemahnt, weil er zu viele Stunden seiner Ausbildung zum Lkw-Fahrer verpasst hatte. Außerdem stehen Masri Ermittlungen wegen Beleidigung bevor: Im April soll er eine Angestellte des von nun ihm angezündeten "Metro"-Marktes angespuckt haben, weil es Probleme mit einem von ihm gekauften iPod gab.

Gnidjic schrieb vor zwei Wochen aus Sorge einen dringenden Brief an Kanzlerin Merkel, weil er gemerkt habe, dass sein Mandant "instabil wurde". Mit dem Schreiben habe er sich "auf den Marktplatz gestellt und um Hilfe gerufen, um unbürokratische Hilfe". Behörden und Krankenkasse sollten eine "bestmögliche Psychotherapie" organisieren.

Das Bundeskanzleramt überwies den "dringlichen Hilferuf" an die bayerische Staatskanzlei. Am Abend des 11. Mai ging er dort ein. An diesem Montag und Dienstag wurden das bayerische Innen-, Gesundheits- und Sozialministerium "mit der Bitte informiert, Hilfsmöglichkeiten zu prüfen", sagt Bayerns Regierungssprecher Karl Michael Scheufele SPIEGEL ONLINE.

"Was ist mit den vergangenen drei Jahren?"

Anwalt Gnjidic sagt, er mache der bayerischen Staatsregierung "überhaupt keinen Vorwurf", dass seit Freitag noch nicht viel unternommen worden sei. "Aber was ist mit den vergangenen drei Jahren?"

Es habe seit Masris Rückkehr aus Afghanistan keine Unterstützung von Seiten der Regierung in München gegeben, sagt Gnidjic. Psychologin Dötsch berichtet, dass Masri schon 2004, also kurz nach seiner Heimkehr, "bei uns im Zentrum angerufen und um einen Termin gebeten hat". Sie habe daraufhin eine schnellstmögliche Behandlung empfohlen. Es habe aber keine Finanzierungszusage gegeben. Behandlungszentren wie jenes in Ulm haben in Deutschland keine Kassenzulassung.

Erst 2006 sei er über die Zusage der Krankenkasse informiert worden, sagt Gnjidic. Das Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer habe "im Rahmen dessen, was sie machen können, alles getan. Denen werfe ich gar nichts vor." Die Mittel reichten einfach nicht aus. Gnidjic bemühte sich nach eigener Auskunft seit Monaten intensiv um eine bessere Betreuung: "Er ist allein gelassen. Man kann sich zurücklehnen und warten, bis das Fass explodiert."

"Dieses Kreuz muss er tragen"

Klar ist: Es ist schwierig, für einen Fall wie Masri Hilfsgelder aufzutreiben in Deutschland - und "man könnte noch viel mehr machen", sagt Dötsch. Eine verhaltenstherapeutische Begleitung im Alltag etwa sei "sehr wünschenswert". Aber: "Das bedeutet sechs bis zehn Therapiestunden pro Woche." Und Masri hat viel aufzuarbeiten. Ende 2003 wurde er in Mazedonien festgenommen, wochenlang in einem Hotel in Skopje festgehalten, dann von der CIA nach Afghanistan geflogen - wo er vier Monate lang verhört und misshandelt wurde.

Eines der Probleme im Fall Masri ist, dass seine Geschichte seit Jahren in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird und er auch deshalb keine Ruhe findet. Masri und sein Anwalt haben sich selbst nicht gegen die Öffentlichkeit gewehrt. Aber, fragt Anwalt Gnidjic: "Hätte er nichts getan, wären denn dann die Ermittlungen vorangegangen?" Er sehe "da keinen Weg raus. Das war Khaled el-Masri auch klar. Dieses Kreuz muss er tragen".

Bitter ist für Masri, dass bis heute die Details des Falles nicht geklärt sind. Warum er in die Mühlen des "Kriegs gegen den Terror" geriet, ist offen: Er verkehrte in Neu-Ulm an einer als islamistisch eingestuften Moschee, allerdings fahndeten die USA 2003 nach einem anderen Mann mit demselben Nachnamen, es könnte eine Verwechslung gewesen sein. Mit seinem Fall befasst sich auch der Bundestagstagsuntersuchungsausschuss zum Bundesnachrichtendienst (BND). Ein deutscher BND-Mitarbeiter soll schon frühzeitig erfahren haben, dass Masri sich - noch in Mazedonien - in den Händen der CIA befand. All diese Verwicklungen sind bis heute nicht aufgeklärt.

Fest steht: Nach seiner Brandstiftung wird Khaled el-Masri jetzt psychiatrisch behandelt. Er wird gerade auf seine Schuldfähigkeit untersucht. Gnidjic sagt, er habe erst zum Straftäter werden müssen, "um die Hilfe zu bekommen, die ihm zustand".

Mitarbeit: Yassin Musharbash



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