Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Angriff auf Flüchtlingsunterkunft: Die Schüsse von Dreieich

Von und

Im hessischen Dreieich hat ein Unbekannter in der Nacht auf eine Flüchtlingsunterkunft geschossen. Ein Asylbewerber aus Syrien wurde leicht verletzt. Der Überblick.

Schüsse auf die Fensterfront - Was genau ist passiert?

Ein Unbekannter hat in der Nacht zum Montag gegen 2.30 Uhr Schüsse auf eine Flüchtlingsunterkunft im hessischen Dreieich-Dreieichenhain im Kreis Offenbach abgegeben. Der Täter feuerte laut Polizei mehrfach auf eine Fensterfront der Einrichtung, mehrere Scheiben wurden dabei zerstört. Im Inneren des Gebäudes wurde ein 23-jähriger Asylbewerber im Schlaf von einem Projektil getroffen. Das Opfer, ein Syrer, erlitt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE einen Streifschuss am Bein. Er wurde im Krankenhaus behandelt, konnte die Klinik aber nach kurzer Zeit wieder verlassen.

Von wo genau die Schüsse abgegeben wurden, ist laut Polizei bisher unklar. Auch ob sich der Getroffene zum Tatzeitpunkt allein in dem Zimmer aufhielt, wurde nicht mitgeteilt. Eine 90-köpfige Sonderkommission der Polizei hat die Ermittlungen übernommen, das Polizeipräsidium Südosthessen wird vom Landeskriminalamt unterstützt. "Die Ermittler arbeiten mit Hochdruck an der Aufklärung dieser feigen Tat", so Landesinnenminister Peter Beuth (CDU).

Der Unbekannte - We lche Erkenntnisse gibt es über den Täter?

Die Fahnder haben noch kaum Erkenntnisse bekannt gegeben. "Bislang wissen wir so gut wie nichts", sagte ein Ermittler SPIEGEL ONLINE. Ein Syrer, der ebenfalls in der Flüchtlingsunterkunft wohnt und in einem Nachbarraum des Opfers untergebracht ist, beschrieb der Polizei einen einzelnen Angreifer, der mehrfach gefeuert habe. Die "Hessenschau", ein Regionalmagazin des Hessischen Rundfunks, und die Deutsche Presse-Agentur berichten unter Berufung auf den Zeugen, der Täter sei vermummt gewesen und habe gezielt sechs- bis siebenmal mit einer Handfeuerwaffe geschossen.

Fotostrecke

7  Bilder
Dreieich: Angriff in der Nacht
Zu einem möglichen fremdenfeindlichen Tatmotiv äußerten sich die Ermittler nicht. "Es kann alles sein. Wir ermitteln in alle Richtungen", sagte ein Sprecher der Polizei. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Darmstadt wertete die Schüsse als "gezielten Angriff, durch den für die Bewohner der Unterkunft eine hohe Gefahr ausging".

Derzeit untersuchen die Ermittler Hülsen und Projektile ballistisch, sie erhoffen sich Anhaltspunkte, welche Waffe der Schütze verwendete. "Es war aber definitiv eine scharfe Pistole, keine Schreckschusswaffe", sagte ein Beamter SPIEGEL ONLINE. Ein "Bild"-Reporter schrieb auf Twitter, die Polizei habe Neun-Millimeter-Patronenhülsen am Tatort gefunden.

Getrennt untergebracht - Um was für eine Unterkunft handelt es sich?

Die Flüchtlingsunterkunft liegt in einem Gewerbegebiet in Dreieich, mehr als 30 Asylbewerber leben dort. Die "Hessenschau" berichtete auf ihrer Internetseite, die Menschen in der Unterkunft seien in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe - etwa 15 Männer, vorwiegend aus Syrien - wohnt und schläft demnach in einem Teil des Hauses getrennt von den anderen Bewohnern. In dem anderen Teil halten sich demnach Familien aus Syrien, Afghanistan und Eritrea auf, darunter auch Kinder. Die Schüsse schlugen in dem Anbau ein, in dem die Männer leben.

Refugees welcome - Wie ist die Stimmung in Dreieich?

Insgesamt sind in der 40.000-Einwohner-Stadt rund 430 Flüchtlinge untergebracht (Stand 31. Dezember 2015). Bisher soll die Stimmung in dem Ort gegenüber Flüchtlingen gelassen sein. So stellte es eine Stadtsprecherin am Montag dar. Es sei nicht zu Angriffen oder Missfallensbekundungen gegen Asylbewerber gekommen, hieß es. Im Gegenteil: Es herrsche eine Willkommenskultur, ein großes ehrenamtliches Netzwerk helfe den Flüchtlingen.

Eine Anwohnerin sagte der "Hessenschau": "Man denkt, dass so was in so einem kleinen Ort wie Dreieich nicht passieren kann." Die Stimmung im Ort sei gut, man sei offen für Flüchtlinge, sie würden integriert, so die 54-Jährige. Dreieichs Bürgermeister Dieter Zimmer (SPD) sprach von einem "entsetzlichen Geschehen". Hessens Innenminister Beuth sagte: "Wir nehmen diesen Angriff sehr ernst."

Am Wochenende soll es als Reaktion auf den Angriff in Dreieich eine Demonstration für Flüchtlinge und gegen Rassismus geben.

Schüsse aus scharfen Waffen - Gab es bereits ähnliche Angriffe in Deutschland?

Es gab im vergangenen Jahr Hunderte Angriffe auf Asylbewerberunterkünfte, auch Angriffe mit Druckluftwaffen. Schüsse aus scharfen Waffen wie nun in Dreieich sind bisher nicht bekannt geworden.

Aktuell wird auch aus dem sächsischen Pirna eine Attacke gemeldet. Dort schlugen Unbekannte nach Angaben der Polizei am Sonntagabend unter anderem mit einer Bierflasche auf einen syrischen Asylbewerber ein. Das Opfer wurde schwer verletzt, die Täter flüchteten.

Bereits im Oktober hatte das Bundeskriminalamt (BKA) in einer Analyse davor gewarnt, dass sich Übergriffe auf Flüchtlinge künftig noch stärker gegen Menschen richten könnten. Die Sicherheitsbehörden haben zudem ausgewertet, wer hinter den Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte steht. Fast immer handelt es sich demnach bei den Tatverdächtigen um Männer im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Zwei von dreien wohnten auch in dem Ort, in dem sie ihre Tat begingen, zwei von dreien wurden vorher schon straffällig. Allerdings: Ebenfalls zwei von dreien hatten nach Erkenntnissen der Behörden "keine rechten Bezüge". Das heißt, sie bewegten sich bislang nicht im rechtsextremistischen Spektrum.

Spielt aber ein rechtsextremer Hintergrund eine Rolle, dann droht bei Angriffen gegen Asylbewerber besondere Gefahr: "Polizeiliche Maßnahmen belegen kontinuierlich, dass die rechte Szene über Waffen und Munition verfügt, die auch die Verübung von schweren Gewalttaten ermöglicht", so das BKA.

Mit Material von dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: