Flüchtlinge und Pegida Helfendes Dresden, hässliches Dresden

Nach den Ausschreitungen vor einem Flüchtlingslager in Dresden haben viele Bürger ihre Solidarität mit den Flüchtlingen gezeigt und ihre Hilfe angeboten. Doch da ist auch immer noch die Pegida-Bewegung mit ihren tumben Parolen.

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Von , Dresden


Von ihrem offensiv zur Schau gestellten Nationalstolz können sie gar nicht genug bekommen - aber nass werden möchten die Dresdner Pegida-Anhänger dafür dann auch wieder nicht: Also verkriechen sich die Sympathisanten der islamfeindlichen Bewegung am Montagabend zunächst, als ein heftiger Regen über dem Altmarkt niedergeht. Erst als das Unwetter nachlässt, kommen sie mit ihren Deutschland-Fahnen aus schützenden Ecken und Winkeln zurück auf den zentralen Platz, um den Worten von Pegida-Gründer Lutz Bachmann zu folgen.

Pegida hat mal wieder zu einer Kundgebung aufgerufen. Das Treffen der Islamfeinde fällt angesichts zunehmender Attacken von Rechtsextremen auf Asylbewerberunterkünfte in eine besonders sensible Zeit, auch hier in Dresden: Am vergangenen Freitag hatte ein rechter Mob in der sächsischen Landeshauptstadt zunächst den Aufbau einer Notunterkunft für Flüchtlinge behindert, später kam es zu Randale vor der Unterkunft. Zu der Demo hatte die rechtsextreme NPD aufgerufen.

Zwar distanziert sich Bachmann am Montagabend erneut von jeglicher Gewalt und spricht sich gegen Demonstrationen vor Flüchtlingsheimen aus. Nur wie glaubwürdig sind solche Bekenntnisse, wenn seine weiteren Worte klar darauf abzielen, Stimmung gegen Asylsuchende zu machen? Flüchtlinge würden derzeit "über das gelobte Land herfallen", sagt Bachmann vor seinen Anhängern und bekommt dafür viel Applaus. Wer behaupte, das Schicksal der Flüchtlinge sei vergleichbar mit dem früherer DDR-Bürger, die zur Wendezeit in den Westen kamen, vergleiche "Äpfel mit Birnen". Damals seien schließlich "gut ausgebildete Fachkräfte aus demselben Kulturkreis" gekommen.

"Volksverräter", rufen die Pegida-Leute lautstark bei ihrem anschließenden "Spaziergang" durch die Stadt, als sie am Landtag vorbeilaufen. Als sie in die Wilsdruffer Straße einbiegen, skandieren sie: "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen." Bachmann, der die meiste Zeit an der Spitze vorwegläuft, schaut zufrieden.

Weniger Demonstranten als befürchtet

Rund 2000 bis 2500 Demonstranten sind am Montagabend dem Pegida-Aufruf gefolgt. Das sind mehr als beim letzten Mal. Es ist aber auch weniger, als manche Beobachter erwartet hatten - sie hatten damit gerechnet, dass die kurzfristig aufgebaute Flüchtlingszeltstadt in der Dresdner Friedrichstadt mit derzeit rund 800 Migranten für deutlich mehr Zulauf bei den zuletzt schwächelnden Islamfeinden sorgen könnte.

800 Menschen aus Krisengebieten wie Syrien und Afghanistan sind in Dresden in einer Zeltstadt untergekommen
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800 Menschen aus Krisengebieten wie Syrien und Afghanistan sind in Dresden in einer Zeltstadt untergekommen

Diese Sorge war offenbar unbegründet. Und für die Dresdner, die sich eine offene, tolerante und hilfsbereite Stadt wünschen, gibt es noch weitere erfreuliche Nachrichten: Der Hilfeaufruf, den das Netzwerk "Dresden für Alle" gestartet hat, ist auf große Resonanz gestoßen: Hunderte Bürger haben Kleidung und andere Sachspenden für die Flüchtlinge der Zeltstadt gebracht, die unter anderem aus Kriegs- und Krisenländern wie Syrien und Afghanistan geflohen sind. Kistenweise stehen die Sachen derzeit beim Deutschen Roten Kreuz, um von dort aus verteilt zu werden.

Joanna Garcia ist eine der Spenderinnen. Die 26-Jährige hat am Montag Kinderschuhe, Windeln und Babyflaschen mitgebracht. Es sei erschreckend, wie viele Menschen derzeit gegen Flüchtlinge hetzen würden, sagt sie. "Und es ist schlimm, was Pegida Dresden angetan hat." Ihre Mutter sei Lehrerin am Romain-Rolland-Gymnasium, erzählt sie. Dort sei zuletzt ein geplanter Austauschbesuch geplatzt - Schule und Eltern aus Südamerika hätten ihre Kinder wegen der verstörenden Berichte über die Pegida-Bewegung nicht mehr nach Dresden schicken wollen, so Garcia.

Viele Verantwortliche in Dresden atmen deshalb jetzt wegen der Hilfs- und Spendenbereitschaft vieler Bürger auf. Dies zeige "das wahre Gesicht unserer Stadt", erklärte etwa Bürgermeister Winfried Lehmann, der derzeit den Ersten Bürgermeister Dirk Hilbert vertritt.

Wird künftig also alles gut in Dresden und in Sachsen, das seit Jahren Probleme mit dem Rechtsextremismus hat? Selbst die politische Führung sieht das Bundesland offenbar noch vor einem langen Weg. So erschien vor wenigen Tagen in den "Frankfurter Heften" ein aktualisiertes Positionspapier von Martin Dulig, dem sächsischen SPD-Chef und stellvertretenden Ministerpräsidenten. Darin schreibt er unter anderem: "Zu viele Menschen in Sachsen" würden die parlamentarische Demokratie "bestenfalls als schmückendes Beiwerk zu Reisefreiheit und Konsummöglichkeiten und schlechtestenfalls als teuer und überflüssig" empfinden. Und weiter: "Viele von denen, die bei Pegida marschieren, sind nicht nur nicht in der parlamentarischen Demokratie angekommen, sondern sie haben sich auch nie auf den Weg gemacht."

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