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Dresdner Bombardierungs-Jahrestag: Aufmarsch der Geschichtsfälscher

Von Olaf Sundermeyer

6000 Rechtsextreme, 4000 Polizisten, viele Gegendemonstranten - Dresden steht ein heißes Wochenende bevor. Zum 65. Jahrestag der Bombardierung wollen Neonazis mit einem riesigen Marsch Propaganda machen. Der Stadt drohen Ausschreitungen und Gewalt zwischen links und rechts.

ddp

Dresden - Dresden gleicht einer Festung. 4000 Polizisten sind im Einsatz. Polizei und Stadtverwaltung wappnen sich für massive Ausschreitungen. Zum 65. Mal gedenkt die Stadt an diesem Wochenende ihrer Bombardierung durch die Alliierten in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 - und wieder werden Rechtsextremisten aus ganz Europa aufmarschieren, um den Trauertag für ihre Propaganda zu nutzen. Gegendemonstranten wollen das nicht dulden.

Im vergangenen Jahr war es am Rande der Kundgebung zu zahlreichen Zwischenfällen gekommen. Eine Horde Neonazis überfiel eine Gruppe Gewerkschafter an einer Raststätte, andere Rechtsextreme zogen pöbelnd durch den Hauptbahnhof. Wie 2009 machen diesmal überwiegend linke Demonstranten gegen die Rechtsextremisten mobil - verschiedene Initiativen haben bundesweit zu Gegenveranstaltungen aufgerufen, aber auch Dresdens Bürgermeisterin Helma Orosz will sich beteiligen. Die CDU-Politikerin ruft auf, eine Menschenkette zu bilden.

Die Behörden erwarten rund 6000 Rechtsextreme zu dem Marsch. Veranstalter Kai Pfürstinger, Landesvorsitzender der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO), sieht sich nicht in der Verantwortung für Gewalt, die von Teilnehmern ausgehen könnte. Im Gegenteil. Statt die Vorfälle aus dem vergangenen Jahr zu kommentieren, liefert er eine Verschwörungstheorie. "Es ist ja bekannt, dass von außen versucht wird, Provokateure in unsere Reihen einzuschleusen, damit sie von dort aus für Unruhe sorgen", sagt er. Schuld sind immer die anderen.

Die Neonazis kommen aus halb Europa

Neonazis aus Deutschland, Schweden, Frankreich, Ungarn und der Slowakei wollen nach Dresden kommen, um die deutsche Kriegsschuld zu leugnen. Auch Mitglieder der berüchtigten tschechischen Organisation "Narodni Odpor" ("Nationaler Widerstand") werden erwartet. Sie werden verantwortlich gemacht für die wachsende Gewalt gegen Sinti und Roma in Tschechien, für ein immer schlimmeres antisemitisches Klima in Teilen Mittel- und Osteuropas.

Mit dabei sind auch die als gewaltbereit eingestuften autonomen Nationalisten. Eine Gruppe junger Neonazis mit einem revolutionären Selbstbild, zu deren führenden Köpfen Dennis Giemsch aus Nordrhein-Westfalen gehört. "Natürlich fahren wir nach Dresden, alle fahren nach Dresden", sagt er.

Hauptziel der Neonazis ist es, Geschichtsrevisionismus zu betreiben. Sie wollen die Kriegsschuldfrage umkehren: Nicht die Deutschen sollen als Verursacher von Tod und Verderben da stehen, sondern die Feinde von einst, Briten, Amerikaner, Franzosen. Die Neonazis hoffen, dass vor allem junge Menschen auf ihre Darstellungen hereinfallen. So sollen neue Anhänger umworben werden.

Tumbe Propaganda

Geschickt nutzen die Rechtsextremen für ihre tumbe Propaganda den sächsischen Landtag. Die NPD ist dort in Fraktionsstärke vertreten. Dort schwadroniert der Abgeordnete Jürgen Gansel, der wichtigste Vertraute von NPD-Landes- und Fraktionschef Holger Apfel, über den "Bombenholocaust" der Alliierten. "Der Bombenholocaust von Dresden steht ursächlich weder im Zusammenhang mit dem 1. September 1939 noch mit dem 30. Januar 1933. Die Pläne zur Vernichtung des Deutschen Reiches existierten nämlich schon lange, bevor in Versailles der erste Nationalsozialist geboren wurde", behauptet er ernsthaft.

Wie viele Neonazis setzt Gansel die Bombardierung Dresdens mit dem von Deutschland verübten Genozid an den europäischen Juden gleich. Und er konstruiert eine angebliche Schuld, die Polen am Einmarsch der Wehrmacht getragen hätte - wegen der Repressionen gegen die sogenannten Volksdeutschen im Land. "Kein selbstbewusster Staat der Welt hätte das dauerhaft geduldet, ohne dass es irgendwann zu einer politischen Gegenreaktion kommt", sagt Gansel. Solche Theorien funktionieren in der rechtsextremen Szene als Bindemittel. Der Abgeordnete dazu: "Darin liegt die Stärke diese Gedenkens, dass man sämtliche nationale Kräfte zusammenführt."

Teil des Burschenschaftsmilieus

Der offizielle Veranstalter des Dresdner Marschs, die JLO, rekrutiert sich vorwiegend aus dem extrem rechten Teil des Burschenschaftsmilieus in Deutschland und Österreich. Vor Jahren wurde sie wegen ihrer extremen Haltung aus dem Bund der Vertrieben (BdV) ausgeschlossen. Sie bietet Zeltlager und "Fahrten ins besetzte Ostpreußen" für ein paar hundert Mitglieder an, frönt dem völkischen Ideal, das sich durch sämtliche Lebensbereiche zieht, "bis hin zu Ehe und Sexualität", sagt Pfürstinger. Immer wieder taucht sie in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf als "in Teilen rechtsextremistisch".

Auch Jürgen Gansel war jahrelang in der JLO aktiv; ihr Mitglied ist er immer noch, er hält dort gelegentlich historische Vorträge. Es gibt zahlreiche Doppelmitgliedschaften, vor allem in Sachsen. Auffallend viele Funktionäre der NPD stammen aus Vertriebenenfamilien.

Auch die sogenannten Ordner der Demonstration rekrutierten sich vorwiegend aus NPD-Strukturen und den nahe stehenden Kameradschaften aus ganz Deutschland. Ein Ordner für 100 Teilnehmer lautet die Regel. "Diese Leute kenne ich persönlich nicht einmal", sagt Pfürstinger.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 328 Beiträge
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1. Neonazis? Rechtsextremisten?
AUXEROIS 12.02.2010
Zitat von sysop6000 Rechtsextreme, 4000 Polizisten, viele Gegendemonstranten - Dresden steht ein heißes Wochenende bevor. Zum 65. Jahrestag der Bombardierung wollen Neonazis mit einem riesigen Marsch Propaganda machen. Der Stadt drohen Ausschreitungen und Gewalt zwischen links und rechts. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,677465,00.html
Echt? Da sind sicher welche dabei, die werden auch gerne fotografiert. Aber könnte es nicht sein, dass da auch viele (Mutige! Denn das erfordert m.E. mittlerweile schon mehr Zivilcourage, als sich an einer Lichterkette zu beteiligen) mitlaufen, die mit der offiziellen Gedenkpolitik über die deutschen Opfer des 2. WK nicht ganz zufrieden sind und z.B. mit solchen Demonstrationen darauf aufmerksam machen? Dass auf der anderen Seite "Deutschland verrecke" und "Do it again Bomber Harris" Sprüche fallen, ist für den Spiegel oder sonstigen Mainstream-Journalismus nicht weiter schlimm, oder?
2. Titel
gelegentlicher Leser 12.02.2010
"Der offizielle Veranstalter des Dresdner Marschs, die JLO, rekrutiert sich vorwiegend aus dem extrem rechten Teil des Burschenschaftsmilieus in Deutschland und Österreich." Des Burschenschaftsmilieus? Das wäre ja ganz was neues. Oder konnte der Redateur Kameradschaften und Burschenschaften nicht auseinanderhalten?
3. Die Blöden sterben nie aus
woscho 12.02.2010
Zitat von sysop6000 Rechtsextreme, 4000 Polizisten, viele Gegendemonstranten - Dresden steht ein heißes Wochenende bevor. Zum 65. Jahrestag der Bombardierung wollen Neonazis mit einem riesigen Marsch Propaganda machen. Der Stadt drohen Ausschreitungen und Gewalt zwischen links und rechts. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,677465,00.html
Was wollen eigentlich die Rechtsextremen, oder braune Nachfolge-Sosse. Sehr ungeschickt, wenn sie daran erinnern, dass sie und ihr Gedankengut das Übel und Grund für das furchtbar abgestrafte Deutschland als Verlierer waren und sind?
4. lasst sie sich prügeln
darkwingduck, 12.02.2010
Zitat von sysop6000 Rechtsextreme, 4000 Polizisten, viele Gegendemonstranten - Dresden steht ein heißes Wochenende bevor. Zum 65. Jahrestag der Bombardierung wollen Neonazis mit einem riesigen Marsch Propaganda machen. Der Stadt drohen Ausschreitungen und Gewalt zwischen links und rechts. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,677465,00.html
Soll die Polizei absperren. Wenn sich gewaltbereite Rechte & Linke sich die Schädel einschlagen wollen.. Bittschön. Kein Verlust für die Menschheit. Auf SKY zeigen und damit Kohle machen
5. ...
underdog, 12.02.2010
Zitat von AUXEROISEcht? Da sind sicher welche dabei, die werden auch gerne fotografiert. Aber könnte es nicht sein, dass da auch viele (Mutige! Denn das erfordert m.E. mittlerweile schon mehr Zivilcourage, als sich an einer Lichterkette zu beteiligen) mitlaufen, die mit der offiziellen Gedenkpolitik über die deutschen Opfer des 2. WK nicht ganz zufrieden sind und z.B. mit solchen Demonstrationen darauf aufmerksam machen? Dass auf der anderen Seite "Deutschland verrecke" und "Do it again Bomber Harris" Sprüche fallen, ist für den Spiegel oder sonstigen Mainstream-Journalismus nicht weiter schlimm, oder?
Genau, wenn ich mich bei irgendwelchen Gedenkanlässen nicht ausreichend berücksichtigt fühle, laufe ich am besten gleich mit der erstbesten Fascho-Horde mit, die das Thema für sich eingenommen hat... sehr durchdacht, wirklich. Damit lassen sich Nazis halt wunderbar provozieren... im Gegensatz dazu dürften deren Gewaltphantasien durchaus ernstgemeint sein. Ein wichtiger Unterschied, wie ich finde.
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