Dresdner Theologe Frank Richter Der Pegida-Versteher

Darf man mit Pegiden reden? Man muss, sagt Frank Richter. Der Chef der Sächsischen Zentrale für politische Bildung hat ihnen sein Haus für eine Pressekonferenz geöffnet. Dafür wird er kritisiert - steht aber zu seiner Entscheidung.

Theologe Richter: Sucht seit Wochen den Dialog mit Pegida
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Theologe Richter: Sucht seit Wochen den Dialog mit Pegida

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Berlin/Dresden - Frank Richter weiß nicht, ob sein Weg der richtige ist. Aber eines steht für ihn fest: "Kommunikation kann schiefgehen. Nichtkommunikation geht schief." Aber wie macht man das, mit Pegida kommunizieren? Und ist da zuletzt möglicherweise doch das eine oder andere danebengegangen? Abwarten, sagt Richter.

Der Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung klingt sehr gelassen an diesem Dienstag. Bemerkenswert gelassen für einen Mann, der gerade mit Rücktrittsforderungen konfrontiert ist. Der aus Sicht des Chefs der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, eine "rote Linie überschreitet". Dem Politiker von SPD, Grünen und Linken vorwerfen, er habe seine Funktion missbraucht.

Richter, 54, hat aus seiner Sicht in den vergangenen Tagen nichts anders getan als das, was er schon vorher versuchte: In Dresden eine Art Dialog zu ermöglichen zwischen denen, die sich laut ihrem eigenen Motto vor der Islamisierung des Abendlandes fürchten und deshalb allmontäglich durch die Landeshauptstadt ziehen - und jenen, die sich den Pegida-Demonstranten entgegenstellen. Dass er mit den Parolen der Islam-Kritiker nichts anfangen kann, weiß in Dresden jeder. Aber Richter ist der Meinung, dass da nicht nur Nazis und Ausländerfeinde protestieren. Darüber debattieren ja auch die etablierten Parteien.

Während der Wende hat der damalige katholische Pfarrer gelernt, was durch Dialog möglich ist: Der gebürtige Meißener gehörte zur sogenannten Gruppe der 20, die während der dramatischen Demonstration am 8. Oktober 1989 in Dresden das Gespräch mit der Volkspolizei suchte und Verhandlungen erreichte.

Die Pressekonferenz: Hausherr Richter mit Pegida-Machern Bachmann und Oertel
DPA

Die Pressekonferenz: Hausherr Richter mit Pegida-Machern Bachmann und Oertel

Für Richter war es deshalb keine Frage, dass er sich am Sonntagabend in die ARD-Talkrunde von Günther Jauch setzt und dort für das Gespräch mit den Islam-Gegnern wirbt. Und als die Pegida-Organisatoren am Wochenende einen Ort für eine Pressekonferenz suchten, nachdem ihre für Montag geplante Demonstration aus Sorge vor einem Anschlag behördlich untersagt wurde, stellte ihnen der Landeszentralen-Chef sein Haus zur Verfügung. Wochenlang hatten sich die Pegida-Macher der von ihnen so bezeichneten "Lügenpresse" verweigert.

Aus Sicht seiner Kritiker hat sich Richter nun doppelt disqualifiziert: Anstatt der Pegida-Mitorganisatorin Kathrin Oertel in der Jauch-Runde zu widersprechen, habe er sie gewähren lassen. Und mit dem Gastrecht für die Pressekonferenz sei Richter eindeutig zu weit gegangen. Von den Pegida-Machern wurde er dagegen ausdrücklich gelobt.

Der Ex-Priester, seit 2005 laisiert, hat gute Absichten, das glauben ihm selbst seine Kritiker - aber die Pegida-Debatte ist inzwischen eben mehr als eine lokalpolitische Auseinandersetzung. Neuland für ihn. "Den Vorwurf, ich sei unkritisch gegenüber Pegida, weise ich entschieden zurück. Aber ich muss meinen inhaltlichen Widerspruch nicht an jeder Stelle wiederholen", sagt er. In einer TV-Runde vor Millionen Zuschauern, die zuvor von Frank Richter und seinen Positionen nichts gehört haben, muss man das aber wohl doch.

Und die Sache mit der Pressekonferenz? Das sei "sicher grundsätzlich nicht unsere Aufgabe, aber in diesem Ausnahmefall war sie es", sagt Richter. "Ich halte die Entscheidung auch im Nachhinein für richtig."

Frank Richter fährt seit Jahren hinaus ins sächsische Land, wenn es wieder mal irgendwo Protest gegen die Aufnahme von Flüchtlingen oder ein neues Asylbewerberheim gibt. Er versucht dann, die Leute an einen Tisch zu bringen, ihre Sorgen anzuhören. Zweimal hat Richter seit Anfang Dezember auch zum Thema Pegida in Dresden zum Gespräch gebeten, die nächste Runde ist Ende der Woche geplant.

Bürgerrechtler: Richter gehörte zur Gruppe der sogenannten 20 in Dresden
DPA

Bürgerrechtler: Richter gehörte zur Gruppe der sogenannten 20 in Dresden

"Es muss Menschen geben, die sich zwischen die Fronten begeben - dass man dafür von vielen nicht gemocht wird, diese Erfahrung habe ich schon häufiger in meinem Leben gemacht.", sagt Richter. In der Auseinandersetzung um das Gedenken an die Dresdner Bombennacht am 13. Februar 1945, das in der Landeshauptstadt traditionell von Neonazis missbraucht wird, hat er sich jahrelang dafür eingesetzt, die radikale linke Szene einzubinden. Auch dafür wurde er in Dresden teilweise kritisiert. Richter hält zu allen Parteien Distanz.

"Ob ich naiv bin in meinem Dialog-Bemühen, wird man am Ende sehen", sagt Richter. Aber ein Ende der Pegida-Bewegung ist ja nicht in Sicht. Fürs Erste lädt der Hausherr am Donnerstagabend zur öffentlichen Fehlerdebatte in die Landeszentrale. Das Motto: "Kritik(er/innen) erwünscht."



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