Drogenbericht Weniger Raucher - mehr Kiffer, mehr Trinkexzesse

In Deutschland wird weniger geraucht - das ist die gute Nachricht im neuen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung. Die schlechte: Ein Teil der Jugendlichen trinkt immer früher immer mehr, Kiffen und Medikamentensucht ist weit verbreitet.

Von Ingo Arzt


Berlin – Schärfere Gesetze soll es nicht geben. Im Kampf gegen Koma-Saufen und Flatrate-Partys, bei denen man zum Fixpreis so viel trinken kann, wie man will, wird die Bundesregierung nicht mit rechtlichen Eingriffen vorgehen - das sagte die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) heute bei der Vorstellung des neuen Drogen- und Suchtberichtes.

Werbung für eine Flatrate-Party: "Was wir an Gesetzen haben, reicht aus."
DPA

Werbung für eine Flatrate-Party: "Was wir an Gesetzen haben, reicht aus."

Sie stellte sich damit gegen die Forderung von Politikern der Union, Gastwirten und Partybetreibern schärfere Sanktionen anzudrohen. "Was wir an Gesetzen haben, reicht aus. Wir müssen vor allem den bestehenden Jugendschutz besser durchsetzen", sagte die SPD-Politikerin. Das sei vor allem Aufgabe der Kommunen. Schon jetzt müssten Gastwirte bei Verstößen Strafen von bis zu 50.000 Euro zahlen und könnten ihre Lizenz verlieren.

Nach den jüngsten Statistiken trinken 30 Prozent der Jugendlichen überhaupt nicht - ein Plus von sechs Prozentpunkten. Sorge bereitet aber die unverändert hohe Zahl von extremen Trinkern: Fast jeder fünfte Jugendliche leerte schon einmal mehr als fünf alkoholische Getränke an einem Abend. Ein Teil der Jugendlichen fange früher mit dem Trinken an und betreibe es "exzessiver".

Mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland trinken zu viel Alkohol, worunter der Bericht mehr als ein Glas Bier am Tag versteht. Bei 1,7 Millionen leidet darunter die Gesundheit. 1,6 Millionen sind abhängig. 40.000 sterben im Jahr.

"Ein Verbot von Alkohol-Werbung halte ich allerdings nicht für durchsetzbar", sagte Bätzing und verwies auf die Selbstverpflichtung der Werbeindustrie zum Schutz der Jugend. Alkohol soll demnach nicht mit Sportlern oder jungen Models angepriesen werden. Als negatives Beispiel nannte Bätzing einen Spot der vor allem während der Fußball-Weltmeisterschaft über die Bildschirme flimmerte: Oliver Bierhoff klopft an ein riesiges Bierglas am Brandenburger Tor. Allerdings handelte es sich dabei um ein alkoholfreies Bier.

"Schritt für Schritt muss Nichtrauchen der Normalfall werden"

Erfolge gibt es im Kampf gegen das Rauchen. Zwar qualmen in Deutschland ein Drittel der Erwachsenen, und an den direkten Folgen sterben jährlich 140.000 Menschen. Doch die Raucher-Quote unter den 12- bis 17-Jährigen sank seit 2001 von einem Viertel auf ein Fünftel. "Schritt für Schritt muss Nichtrauchen der Normalfall im Alltag werden", sagte Bätzing. Sie forderte ein Rauchverbot ohne Ausnahmen in öffentlich zugänglichen Gebäuden - nach dem Vorbild der Bahn. Deren Chef Hartmut Mehdorn hatte gestern angekündigt, in allen Bahnhöfen und Zügen bis Herbst das Rauchen zu verbieten.

Rauchverbote sollen auch den Cannabis-Konsum zurückdrängen - 95 Prozent der Kiffer rauchen auch Tabak. Keine illegale Droge wird in Deutschland so oft konsumiert wie Cannabis: Zwei Millionen Deutsche rauchen die Droge regelmäßig, vor allem junge. Jeder fünfte Jugendliche hat sie schon probiert, 400.000 sind abhängig oder gefährdet.

Bätzing warnt vor der "Verharmlosung von Alltagsdrogen" wie Tabak, Alkohol und Medikamenten. Dem Drogenbericht zufolge sind 1,4 Millionen Menschen medikamentenabhängig - zwei Drittel davon Frauen. Allerdings gebe es nur wenige Daten, sagte Bätzing. Ärzte, Apotheker, Pfleger und Sozialarbeiter müssten stärker für das Problem sensibilisiert werden.

Junge Männer dopen sich im Freizeitsport

Die gute Nachricht: Immer weniger Menschen in Deutschland nehmen harte Drogen wie Heroin, Kokain, Ecstasy oder Crack. 1296 Menschen starben im vergangenen Jahr an Rauschgift - der niedrigste Stand seit 1989. Die verbesserte Substitutionsbehandlung sei eine Hauptursache, sagte Bätzing.

Sie rief die Union auf, das Betäubungsmittelgesetz zu ändern, um kommunale Abgabestellen für künstlich hergestelltes Heroin (Diamorphin) an Schwerstabhängige zu erhalten.

Für die Zukunft setzt Bätzing im Kern auf die gleiche Anti-Drogen-Strategie wie bisher: Vorsorge durch Aufklärung, Therapieangebote, Schadensminimierung - und Repression. Letzteres soll vor allem im Kampf gegen Doping ausgeweitet werden: Das Kabinett hat schon einen Entwurf für ein Anti-Doping-Gesetz vorgelegt. Der Bundestag soll es in diesem Jahr verabschieden und damit den Besitz von Dopingmitteln strafbar machen.

Das Gesetz zielt darauf, den Profisport sauberer zu machen - im Freizeitsport dagegen sind es laut Bätzing vor allem junge Männer, die ihre Körper mit Dopingmitteln aufputschen. Mangels Kontrollen beträfe sie das Gesetz kaum.

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