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Drogenpolitik: Union blockiert Heroinabgabe - trotz erfolgreicher Studie

Von Timo Nowack

Die CDU-Fraktion im Bundestag verhindert, dass ein Modellprojekt zur Heroinabgabe an Schwerabhängige fortgesetzt wird. Dabei sprechen die positiven Ergebnisse einer Studie dafür. Nun soll das Modell über den Bundesrat gerettet werden.

Hamburg - Susanne spritzt sich das Heroin in die Leiste. Ihre Arme sind nach 20 Jahren Sucht zerstört. Nach dem Druck zieht sie ihre Hose hoch, wirft die Spritze in eine blaue Box und geht langsam aus dem Injektionsraum. Seit mehr als vier Jahren spritzt sie sich in einer Hamburger Heroinambulanz unter ärztlicher Aufsicht zweimal am Tag Diamorphin, synthetisch hergestelltes Heroin. "Seit ich hier bin, stehe nicht mehr ständig unter Druck, mir Geld und Stoff zu besorgen", sagt Susanne. "Ich kann mir endlich ein normales Leben aufbauen." Eine Methadon-Behandlung hatte der Körper der 44-Jährigen zuvor nicht vertragen.

Spritzutensilien in der Drogenambulanz: Modellprojekt endet
DDP

Spritzutensilien in der Drogenambulanz: Modellprojekt endet

Das Modellprogramm, in dem Susanne das Diamorphin bekommt, läuft am 30. Juni aus. Die Studie des Zentrums für interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg hatte bei rund 1000 schwerabhängigen Patienten untersucht, ob man ihnen mit der kontrollierten Abgabe von Heroin helfen kann, wenn andere Behandlungen gescheitert sind.

Die Ergebnisse sind positiv: Im Vergleich zur Methadon-Therapie waren die Heroin-Patienten weniger kriminell, nahmen seltener andere Drogen, lösten sich vermehrt aus der Drogenszene, waren gesünder und fanden öfter regelmäßige Arbeit. Diese Erkenntnisse stimmen mit Erfahrungen aus den Niederlanden und der Schweiz überein, wo Diamorphin seit längerem ausgegeben wird.

Auch Reinhold aus der Hamburger Ambulanz geht es besser, seit er Diamorphin spritzt. "Ich nehme keine anderen Drogen mehr, obwohl ich vorher jahrelang Crack geraucht habe. Außerdem habe ich es geschafft, mir selber eine Wohnung zu suchen", erzählt der 48-Jährige, der seit 25 Jahren heroinabhängig ist.

CDU setzt auf Methadon

Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung aus Reihen der SPD, spricht sich dafür aus, die Diamorphin-Therapie in die Regelbehandlung zu übernehmen. Ebenso die Bundestagsfraktionen der FDP, Grünen und Linkspartei und die Bundesärztekammer. Dazu müsste das Betäubungsmittelgesetz geändert und Diamorphin kassenrechtlich zugelassen werden. Den Antrag auf eine Gesetzesänderung kann die SPD im Bundestag allerdings nur einbringen, wenn auch der Koalitionspartner CDU zustimmt. Doch die Union blockt.

"Es geht hier um die Enttabuisierung einer harten Droge", sagt Maria Eichhorn, drogenpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Oberstes Ziel müsse der Drogenausstieg sein. Außerdem habe man Zweifel an der Wirksamkeit des Diamorphin-Programms. "Wir glauben nicht, dass der gesundheitliche Nutzen der Heroin-Behandlung die drei- bis viermal höheren Kosten rechtfertigt, wenn grundsätzlich gespart werden muss", erklärt Eichhorn und verweist auf die Möglichkeit einer vermehrten und verbesserten Methadon-Therapie.

Professor Christian Haasen, stellvertretender Leiter der Studie, widerspricht: "Im Endeffekt ist die Diamorphin-Behandlung effektiver und kostengünstiger." Denn gegenüber der Methadon-Behandlung entstünden bei Diamorphin-Patienten weniger Kosten beispielsweise durch Krankheit und Kriminalität. Berechnungen von SPD und FDP ergeben zwar Mehrkosten der Heroinbehandlung, jedoch von lediglich 2000 bis 4000 Euro pro Patient und Jahr. "Das ist nicht zu hoch, sondern vielmehr eine medizinische Notwendigkeit", sagt Detlef Parr, suchtpolitischer Sprecher der FDP im Bundestag. "Dabei geht es um einen engen Kreis von maximal 1500 Leuten, bei denen andere Behandlungen bereits gescheitert sind", ergänzt Bätzing. Ziel sei, sie therapiefähig zu machen und langfristig die Abstinenz.

"Die letzte Hoffnung ist der Bundesrat"

Michael Frommhold, Sprecher der Suchthilfe-Gemeinschaft Synanon in Berlin befürchtet dagegen, dass es nicht bei dieser kleinen Zielgruppe bleiben wird: "Methadon wurde Mitte der achtziger Jahre auch nur an eine ganz kleine Gruppe ausgegeben, heute bekommt es fast ein Drittel aller Heroinabhängigen." Außerdem sei einem Drogensüchtigen nicht mit Drogen zu helfen. "Man sollte besser Projekte unterstützen, die direkt auf Abstinenz abzielen."

Nichtsdestotrotz sind mit Köln, Hamburg, Frankfurt, Hannover, Karlsruhe, Bonn und München alle sieben am Modellversuch beteiligten Städte für die Fortsetzung der Heroin-Behandlung - auch die unionsregierten. "Für uns ist das Projekt ein großer Erfolg und wir möchten unbedingt weitermachen", erklärt Marlis Bredehorst, Gesundheitsdezernentin der Stadt Köln. Am 7. Februar treffen sich die betroffenen Kommunen zu einem "Krisengipfel".

"Die letzte Hoffnung ist der Bundesrat", erklärt SPD-Frau Bätzing. Zwar entscheidet der Bundestag, aber die CDU hätte dort einen schweren Stand, würde sich im Bundesrat Widerstand in ihren eigenen Reihen regen. Das ist denkbar, denn auf kommunaler und auf Länderebene gibt es in der CDU Befürworter der Regelbehandlung, allen voran die sieben Projekt-Städte.

"Wahnsinnige Angst vor einem Rückfall"

Trotzdem bleibt man in der Bundes-CDU gelassen. Eichhorn glaubt nicht an eine erfolgreiche Bundesratsinitiative. Auch Drogenbeauftragte Bätzing sagt zunehmend skeptisch: "Die Zeit läuft uns weg." Bis Anfang April müsse ein Bundesland die Initiative übernehmen und Bewegung in die Sache bringen, ansonsten benötige man die verbleibende Zeit, um das Projekt ordnungsgemäß abzuwickeln.

Für die etwa 350 Patienten, die sich noch im Programm befinden, spitzt sich die Lage zu. "Ein Ende der Heroin-Ausgabe wäre für sie eine Katastrophe. Bei manchen besteht sogar die Gefahr, dass sie suizidal werden", sagt Karin Bonorden-Kleij, Leiterin der Hamburger Heroinambulanz. Zwar hat sich die CDU dafür ausgesprochen, die Patienten zu Ende zu behandeln, doch darauf könne man sich laut Bätzing nicht verlassen: "Ich weißt nicht, ob eine weitere Ausnahmeregelung juristisch möglich und zulässig ist."

Die Heroinabhängige Susanne fürchtet sich davor, ab Juli bei der Ambulanz vor verschlossenen Türen zu stehen: "Wenn ich kein Diamorphin mehr bekomme, stehe ich da, wo ich vor vier Jahren war. Ich habe wahnsinnige Angst vor einem Rückfall."

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