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Drohanruf bei "Bild": Wulffs Entgleisung

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Christian Wulff hat versucht, einen kritischen Artikel zu seinem Hauskredit zu stoppen, später entschuldigte er sich dafür. Der Vorfall zeigt einen Bundespräsidenten, wie ihn die Öffentlichkeit nicht kennt: als einen Mann, der die Kontrolle über sich selbst verliert.

Bundespräsident Wulff beim Staatsakt für Václav Havel in Prag: Unter enormen Druck Zur Großansicht
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Bundespräsident Wulff beim Staatsakt für Václav Havel in Prag: Unter enormen Druck

Berlin - Die Terminseite des Bundespräsidialamts ist leer. Noch. Am Freitag wird Christian Wulff seinen ersten Auftritt im neuen Jahr haben. Dann treten die Sternsinger im Schloss Bellevue auf. Es ist ein traditionelles Zusammentreffen. So ist es geplant, so soll es sein.

Aber warum finden sich im Terminplan keine weiteren Einträge? In diesen Zeiten lässt selbst ein solch banales Detail aufhorchen und Mutmaßungen hochschießen. Ist der Amtsinhaber vielleicht doch amtsmüde geworden? Nein, so weit ist es nicht. Alle weiteren Termine, wird aus seinem Amt versichert, würden am Dienstag bekanntgegeben.

Eines steht schon jetzt fest: Besser ist die Lage mit dem Jahreswechsel für Christian Wulff nicht geworden. Nur ein paar Ruhetage waren ihm zwischen Weihnachten und Neujahr gegönnt - dann brach die Kreditaffäre wieder über Schloss Bellevue herein. An diesem Montag waren es keine neuen Details über den 500.000-Euro-Kredit, den die befreundete Unternehmergattin Edith Geerkens dem niedersächsischen Ministerpräsident überwiesen hatte.

Es ist eher das Beiwerk, das Krisenmanagement Wulffs, das zum Stirnrunzeln Anlass gibt. Es zeigt einen Mann, der offenbar hochnervös und wütend darum bemüht war, den ersten Artikel über die Kreditaffäre zu stoppen, der am 13. Dezember in der "Bild"-Zeitung erscheinen sollte. Offenbar in einem Zustand großer Erregung sprach Wulff am Tag vor der Veröffentlichung eine Nachricht auf die Mailbox des "Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann. Er drohte dem Springer-Verlag mit dem "endgültigen Bruch" und erklärte, für ihn und seine Frau sei "der Rubikon überschritten". Sogar von "Krieg führen" war die Rede.

Der Springer-Verlag erklärt sich

Man fragt sich nur: Womit hätte Wulff eigentlich Krieg geführt?

Offiziell schwieg der Springer-Verlag zunächst zu den Berichten der "Süddeutschen Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", doch wurden unter der Hand die Darstellungen der beiden Blätter im Verlagshaus längst bestätigt - samt der Zitate. Am Montagnachmittag dann brachte Bild.de eine Erklärung in eigener Sache: Der Bundespräsident habe sich auf der Mailbox von Diekmann empört über die Recherchen zu dem Hauskredit gezeigt, Diekmann unter anderem mit strafrechtlichen Konsequenzen für den verantwortlichen "Bild"-Redakteur gedroht. Zwei Tage später habe sich Wulff dann entschuldigt - "für Ton und Inhalt seiner Äußerungen auf der Handy-Mailbox".

Der Vorgang ist zumindest eines: wenig präsidiabel. Wulff beendete vor Weihnachten gerade mit seiner Ehefrau eine glanzvolle Staatsvisite auf der arabischen Halbinsel, als er in Kuwait von der geplanten "Bild"-Geschichte erfuhr. Nachdem er Chefredakteur Diekmann nicht persönlich erreichen konnte, hatte er kurz darauf auch noch den Vorstandschef der Springer AG, Mathias Döpfner, angerufen und diesen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE darum gebeten, bei Diekmann zu intervenieren - was Döpfner aber ablehnte. Auch dieser Vorgang wurde vom Springer-Verlag inzwischen offiziell bestätigt.

Offenbar hat es noch einen weiteren Versuch Wulffs gegeben, bei der "Bild"-Zeitung zu intervenieren: Er soll auch die Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer angerufen haben, meldet die Online-Ausgabe des "Cicero". Aber auch dieses Telefonat brachte demnach nicht das gewünschte Ergebnis. Die Witwe des Verlagsgründers soll Wulff entgegnet haben, dass sie keinen Einfluss auf ihre Chefredakteure zu nehmen pflege.

Das Bundespräsidialamt wollte sich zu all dem nicht äußern. Über Vieraugengespräche und Telefonate gebe man grundsätzlich keine Auskunft. Doch der jetzt öffentlich gewordene Umgang mit der "Bild"-Zeitung ist für Wulff wenig schmeichelhaft. Er zeigt einen Amtsinhaber, der im ersten Affekt überreagiert hat, wo kühle Nerven und rasche Aufklärung in eigener Sache vonnöten gewesen wären.

Denn eines ist klar: Keine Zeitung, kein Medium lässt sich gerne in die Berichterstattung hineinreden. Dass es Politiker hin und wieder versuchen, ist nicht neu. Neu ist an diesem Fall aber, dass es selbst ein Bundespräsident versucht hat. Sein erstes Verhalten kontrastiert mit seiner späteren Erklärung, die er am 22. Dezember abgab. Da trat ein anderer Wulff im Schloss Bellevue in Berlin auf und erklärte unter anderem: "Ich weiß und finde es richtig, dass die Presse- und Informationsfreiheit ein hohes Gut ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft."

Die Koalition beißt sich auf die Zunge

Seine Versuche zehn Tage zuvor, bei der "Bild"-Zeitung einzugreifen, zeigen eine andere Einstellung - und zudem, dass Wulffs Krisenmanagement mehr als unglücklich war. Er selbst schien zu glauben, über seinen persönlichen Zugang zu Diekmann und Döpfner könne er den Artikel über den Hauskredit doch noch stoppen. Dabei recherchierten längst auch der SPIEGEL und andere Medien.

Gut möglich, dass Wulff glaubte, erfolgreich intervenieren zu können - so wie es seinem Vertrauten Olaf Glaeseker 2006 gelungen war. Der hatte es geschafft, bei der "Bild"-Zeitung die anstehende Trennung von Wulffs erster Ehefrau als Geschichte einer gütlichen Einigung unterzubringen. Das Bild des anständigen Wulff war damit in der Öffentlichkeit gewahrt.

Mittlerweile ist aber auch der frühere Journalist Glaeseker, der Wulff im Sommer 2010 als Sprecher ins Bundespräsidialamt folgte, nicht mehr im Amt. Zwei Tage vor Weihnachten bat er um seine Entlassung. Einige Medien, darunter der SPIEGEL, hatten in Glaesekers Vergangenheit in Hannoveraner Zeiten nachgeforscht. Es ging dabei unter anderem um Hinweise auf kostenlose Urlaube als niedersächsischer Regierungssprecher in Immobilien bei einem Party-Veranstalter und Wulff-Bekannten in Südfrankreich und Südspanien.

In Berliner Koalitionsfraktionen beißen sich maßgebliche Akteure angesichts der neuesten Berichte auf die Zunge. Nein, man wolle nichts sagen, sagt man. Auch die Opposition bleibt zurückhaltend. SPD-Vizefraktionschef Hubertus Heil fordert zwar eine neue persönliche Erklärung Wulffs und verlangt ein Ende der "Salamitaktik". Richtig angriffslustig wirkt das aber nicht. Auch wenn er Wulffs Beziehungen zu einzelnen Medien nicht beurteilen könne, gelte grundsätzlich: Ein Staatsoberhaupt sollte nicht versuchen, kritische Berichterstattung zu unterbinden. "Das", so Heil, "wäre unwürdig."

Mitarbeit: Annett Meiritz

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1.
Nevermeind 02.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff hat versucht, einen kritischen Artikel zu seinem Hauskredit zu stoppen, später entschuldigte er sich dafür. Der Vorfall zeigt einen Bundespräsidenten, wie ihn die*Öffentlichkeit nicht kennt: als einen Mann,*der die Kontrolle über sich selbst*verliert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,806754,00.html
Ich bin weder Wulff- noch CDU-Anhaenger, dennoch: Der Kontrollverlust macht ihn sympathisch, weil das sehr menschlich ist. Und: wenn er jetzt Praesident bleibt, tut er ein gutes Werk, denn er benutzt die "Bild" dazu, wozu sie taugt: als Toilettenpapier. Es ist albern bis unertraeglich, wie hier das Ende der Pressefreiheit proklamiert gibt, nur weil dieses Schmierenblatt offenbar in seine Grenzen verwiesen wird.
2. Bitte geh Herr Wulff!
Reqonquista 02.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff hat versucht, einen kritischen Artikel zu seinem Hauskredit zu stoppen, später entschuldigte er sich dafür. Der Vorfall zeigt einen Bundespräsidenten, wie ihn die*Öffentlichkeit nicht kennt: als einen Mann,*der die Kontrolle über sich selbst*verliert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,806754,00.html
Kaum jemand im Volk steht Herrn Wulff bei. Vielleicht, weil wir unseren Präsidenten selber wählen wollten. Vielleicht, weil wir auch eine eigene Meinung haben. In Deutschland gibt es Pressefreiheit, die auch für den Präsidenten gelten sollte! Wir brauchen die kritische Presse um solches Fehlverhalten aufzudecken. Das Aussitzen der Causa Wulff ist der beste Beweis dafür, das den Parteien das Volk egal ist. Sowas fördert Politikerverdruss. Das Volk sollte den BP selber wählen dürfen in Zukunft und vorher(!) sollten dessen "Leichen im Keller" ausgeforscht werden!
3. ein bisher nie dagewesener Vorfall
gruenbonz 02.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff hat versucht, einen kritischen Artikel zu seinem Hauskredit zu stoppen, später entschuldigte er sich dafür. Der Vorfall zeigt einen Bundespräsidenten, wie ihn die*Öffentlichkeit nicht kennt: als einen Mann,*der die Kontrolle über sich selbst*verliert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,806754,00.html
ein Bundespräsident, der einen Journalisten wegen einer kritischen Veröffentlichung unter Druck setzt, ist untragbar.
4. er ist längst fällig
Gebetsmühle 02.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff hat versucht, einen kritischen Artikel zu seinem Hauskredit zu stoppen, später entschuldigte er sich dafür. Der Vorfall zeigt einen Bundespräsidenten, wie ihn die*Öffentlichkeit nicht kennt: als einen Mann,*der die Kontrolle über sich selbst*verliert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,806754,00.html
wie undemokratisch muss sich ein staatsoberhaupt eigentlich noch verhalten, um endlich zum rücktritt gedrängt zu werden. wulff hat das amt unrettbar beschädigt, jetzt auch als handelnder präsident, der die meinungs- und pressefreiheit unterdrücken möchte und die medien bedroht. das können wir bürger längst nicht mehr tollerieren. wer will diesen mann noch länger im amt stützen?
5. Bitte mehr sensible Berichterstattung
hatem1 02.01.2012
Zitat von sysopChristian Wulff hat versucht, einen kritischen Artikel zu seinem Hauskredit zu stoppen, später entschuldigte er sich dafür. Der Vorfall zeigt einen Bundespräsidenten, wie ihn die*Öffentlichkeit nicht kennt: als einen Mann,*der die Kontrolle über sich selbst*verliert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,806754,00.html
Die Medien sollten in Zukunft sensibler über Politiker berichten. Dabei sollte das Positive besonders ins Licht gerückt und negative Berichterstattung oder gar Kritik vermieden werden. Am besten wäre eine entsprechende Selbstverpflichtung der Medien. Eine Vorlage dafür findet sich sicher noch im Schreibtisch einer niedersächsischen Ministerin, die von Herrn Wulff berufen wurde,.
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