S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Von Baader-Meinhof zum Dschihad

Die Anschläge von Paris sind als Auftakt einer neuen Jugendrevolte zu sehen: An die Stelle von Che Guevara ist Osama Bin Laden getreten. Was für die 68er die RAF war, ist für revolutionär gestimmte Jugendliche heute der Salafismus.

Eine Kolumne von


Es braucht nicht viel Schulbildung, um zum Glaubenskrieg zu finden. Andreas Baader zum Beispiel, mit dem der bewaffnete Kampf in der Bundesrepublik begann, war von jeder Schule geflogen, in die seine überforderte Mutter ihn gesteckt hatte. Seine Jugend verbrachte der Schulschwänzer und Gelegenheitskriminelle mit illegalen Autorennen oder dem Posieren für ein Schwulenmagazin, bevor er sich dem Marxismus-Leninismus verschrieb und dem westlichen System den Krieg erklärte. Baader war ein wortkarger Macho und bediente sich am liebsten der Vulgärsprache, aber dennoch stieg er zum Helden der revolutionären Jugend auf.

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Heft 4/2015
Warum junge Männer Europa den Krieg erklären

Es ist erstaunlich, wie kurz unser historisches Gedächtnis ist. Große Teile der Öffentlichkeit reagieren auf die Anschläge in Paris so, als habe der Terror erst jetzt einen Fuß auf das europäische Festland gesetzt. Dabei ist es noch nicht so lange her, dass auch in Deutschland Menschen im Kugelhagel starben, weil sie für Dinge standen, die ihre Feinde für so widerwärtig hielten, dass sie nur mit dem Tod beantwortet werden konnten. 33 Menschen fielen der RAF zum Opfer, dazu kommen Hunderte Verletzte. Auch der Terror von Rechts hinterließ eine breite Blutspur.

Wir verdanken dem Orientalisten Olivier Roy die Einsicht, dass es sich beim Euro-Dschihad im Kern um eine Jugendrevolte handelt. So wie aus der Studentenbewegung die Baader-Meinhof-Gruppe als Angebot an eine radikalisierte Minderheit hervorging, bietet heute der Salafismus die Antwort für junge Menschen, die sich nach der Aufregung des Krieges sehnen. Der Dschihad ist die neue Revolution, wie Roy sagt. Nur die Helden haben gewechselt: Anstelle von Che Guevara verehrt die revolutionär gestimmte Jugend Osama Bin Laden, kalte Killer mit glutvollen Augen waren beide.

Wenn man die RAF als Vorläufer nimmt, kommt einem vieles seltsam vertraut vor. Da ist die blinde Entschlossenheit der Täter, die kein Erbarmen und keine Skrupel kennen, wenn sie das nichtsnutzige Leben derer beenden, die zwischen ihnen und der idealen Welt stehen; die intellektuelle Armseligkeit einer Ideologie, die ihre Impulse und Vorbilder aus der Dritten Welt bezieht, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was das mit der Lebenswirklichkeit in westlichen Großstädten zu tun hat; der triumphierende Ton der Gewalt. Es gibt die Unterstützerszene, ohne die auch der entschlossenste Revolutionär nicht weit kommt, die Stichwortgeber, die sich im Glanz der Tat sonnen, und das stille Einverständnis der Sympathisanten.

Offene Bewunderung für die Attentäter

Der aufgeklärten Öffentlichkeit fällt es ungemein schwer, den Nihilismus des terroristischen Gewaltverbrechers als Erklärung zu akzeptieren. Deshalb flüchtet sie in Sozialpädagogik. Man stochert im Leben der Attentäter nach Hinweisen, warum sie ihr geordnetes Leben gegen den bewaffneten Kampf eingetauscht haben. Aber alles, was man in der Regel findet, sind Lebensläufe, die Tausenden anderen gleichen. Man kann ein Leben als Pizzabote oder Fischverkäufer für ein "Nichts" halten, wie es in einem Zeitungsartikel zu lesen war. Aber wenn der Weg vom Pizzahandel direkt in den Terrorismus führt, sind alle Bemühungen des Sozialstaats vergebens.

Im Augenblick scheint sich die Welt einig zu sein in der Verurteilung der Anschläge von Paris. Doch man soll sich nicht täuschen lassen von den Mahnwachen. In den Vorstädten von Paris berichteten Lehrer, dass ganze Klassen die Teilnahme an der Schweigeminute verweigerten, viele Schüler zeigten offen ihre Bewunderung für die Attentäter.

Auch in Deutschland gibt es Sympathie, sie äußert sich nur verhaltener. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird es die Kouachi-Brüder auf T-Shirts geben. Man wird ihren Namen andachtsvoll wispern und jedes Faktum ihres Märtyrergangs leugnen, das ihr Ansehen minimieren könnte. Ein Dschihadist, der bei der Flucht aus Schusseligkeit seinen Personalausweis im Auto vergisst? Undenkbar.

Man muss, wie gesagt, nicht viel Vorwissen mitbringen, um beim bewaffneten Kampf anzuheuern. Es reichen ein paar hastig zusammengelesene Ideologiebrocken. Bei einem der Rekruten fand die Polizei nach der Abreise in den Nahen Osten auf seiner Bestellliste bei Amazon den Do-it-yourself-Ratgeber "Islam for Dummies". Chérif Kouachi, der jüngere der beiden "Charlie Hebdo"-Attentäter, zeigte bei Vernehmungen in Polizeigewahrsam, dass er weder von politischen Zusammenhängen noch von seiner Religion viel verstand. Deshalb ist es müßig, der Frage auf den Grund gehen zu wollen, wie gewalttätig der Islam als Religion ist. Es wird auch nicht viel nützen, die muslimische Geistlichkeit anzuhalten, den jungen Männern die friedvollen Seiten des Korans zu lehren. In der Welt des Dschihad gilt nur der Aufpeitscher etwas, nie der Beschwichtiger.

Das Einzige, was gegen diese Art des Fanatismus helfen kann, sind Fahndung und rechtzeitiger Zugriff. Nicht die Armee von Sozialarbeitern, die in den Siebzigerjahren auf die Kinder losgelassen wurde, hat die RAF in Schach gehalten, sondern BKA-Chef Horst Herold mit seiner Rasterfahndung. Ansonsten bleibt einem nur ein gewisser Fatalismus. Wir werden ja bereits auf den nächsten Anschlag vorbereitet. Man sagt uns, dass es lediglich eine Frage der Zeit sei, bis die revolutionäre Jugend aus unseren Städten wieder zuschlägt.



insgesamt 324 Beiträge
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Immanuel_Goldstein 20.01.2015
1.
Mal ganz ehrlich, Herr Fleischhauer: Dümmer geht's nimmer. Ich möchte schon mal wissen, wie man auf eine solch substanzlose Meinungsmache kommt, die keine, aber auch gar keine kritische Recherche beinhaltet, sondern ausschließlich blanke ideologische Verblendung. Warum nicht gleich ein Hitler-Vergleich? Nein, Osama bin Laden ist NICHT an die Stelle von Che getreten und die Salafisten sind NICHT mit der RAF vergleichbar. Wie kann man nur solches Gefasel von sich geben.
menschärgerdich 20.01.2015
2. Nee also nee
Eine Revolte die in die Steinzeit will und religiös motiviert ist,man könnte Glauben es handelt sich hier um einen üblen Fantasy Film.Das soll Ähnlichkeit mit anderen Revolten haben,wo bei es sich bei diesen Revoluzzern auch noch in ihrer Masse um Analphabeten handelt.
ornitologe 20.01.2015
3. Habe selten
soviel an den Haaren herbeigezogenen Schwachsinn gelesen. Sorry.
my50cent 20.01.2015
4. Zutreffende Analyse
Danke Herr Fleischhauer, das ist einer der besten Artikel die ich in letzter Zeit auf SPON lesen durfte. Ausnahmsweise mal ohne die sonst typische Ideologie des Spiegel mit einer Mischung aus Gutmenschentum und sozialistischer Weltverblendung...
Amadís 20.01.2015
5.
Naja, der Vergleich zwischen Bin Laden und Che Guevara hinkt schon. Ziemlich gewaltig sogar. Der religiöse Fanatismus ist (und war) ungleich radikaler, rücksichtsloser und brutaler als alle sozialistischen Revolutionäre zusammen.
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