Kampfsport-Training für den IS Von der Matte in den Dschihad

Terrorgruppen wie der IS werben aktiv um Kampfsportler. In Deutschland werden nun Kampfsport-Trainer geschult, um mögliche Terror-Touristen frühzeitig zu erkennen.

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Screenshot aus dem Propagandavideo von Ahrar al-Sham: Krieger-Image verbreiten
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Männer in Camouflage-Anzügen sitzen in einem Kreis am Boden, maskiert und regungslos. In ihrer Mitte greift ein Mann einen zweiten gerade mit einem Messer an. Der Attackierte wehrt ihn ab und schleudert ihn zu Boden. Diese Szene aus einem Video der radikalislamischen Miliz Ahrar al-Scham soll das Ideal des Elitekämpfers propagieren. Ganz ähnlich verbreiten es der "Islamische Staat" (IS) und al-Qaida.

Mit solchen Videos sollen Terror-Touristen aus dem Ausland angelockt werden. Aus Deutschland sind seit 2011 mindestens 790 von ihnen in den Krieg nach Syrien und in den Irak gezogen. "Wenn der Trend sich so fortsetzt, könnten wir es in einem Jahr mit 1000 ausgereisten Dschihadisten zu tun haben", sagte der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Wie sich die Ausreisenden vorbereiten sollen, steht in Blogs und Handbüchern der radikalen Milizen. "Es ist wichtig, sich einer Kampfsportschule anzuschließen, um sich für den Dschihad vorzubereiten", ist darin zu lesen. Neben der Selbstverteidigung lerne man in den Schulen auch Selbstdisziplin, und die eigene Aggression zu kontrollieren. Es sei besser, in Kampfschulen zu trainieren, die von Muslimen geleitet werden - das sei aber kein Muss. Wenn es diese nicht gebe, könne man auf andere ausweichen.

Deshalb bildet das "German Institute on Radicalization and De-radicalization Studies" (Girds) nun Trainer an Kampfsportschulen in einem Mentorenprogramm aus. Sie sollen eine Radikalisierung früh erkennen, sagt Daniel Köhler vom Girds. Wichtig sei, dass Kampfsportexperten die Hinweise kennen und einordnen können. Ein Bart oder ein langes Gewand allein verraten noch keinen Dschihadisten.

Was sind die Warnzeichen?

"Wir beobachten bei jedem neuen Mitglied: Wie geht der mit den anderen um, trainiert er auch mit Frauen zusammen, wie wirkt sich Stress bei ihm aus?", sagt Pascal Nagel, Leiter der Berliner Sportschule Choi, in der das Präventionsprogramm erstmals unterrichtet wurde.

"Natürlich haben wir, was die wollen", sagt er. In seiner Schule wird unter anderem die israelische Selbstverteidigung Krav Maga gelehrt. Sie wird in den Dschihad-Anleitungen ausdrücklich empfohlen, weil sie die Entwaffnung des Gegners beinhaltet. Auch physische Abhärtung ist ein wichtiger Punkt: Die Schüler lernen, wie es ist, auf einen menschlichen Körper zu schlagen oder Schmerzen auszuhalten.

Im Idealfall kann Nagel schon eingreifen, bevor jemand radikalisiert wird. Er versucht, frühzeitig Veränderungen bei jungen Mitgliedern zu bemerken. Als Trainer ist er eine Vertrauensperson und steht den Schülern näher als etwa ihr Klassenlehrer.

Warnsignale sind etwa das äußere Erscheinungsbild eines Sportlers oder dessen Umgang mit Frauen. "Viele fangen auch schnell an, missionieren zu wollen", sagt Köhler. Anders als bei Rechtsextremen gebe es aber weniger Symbole und Codes, die Rückschlüsse zuließen. Und wenn, dann seien diese eben häufig in arabischer Sprache. Im Zweifelsfall solle der Trainer Interesse zeigen, mit dem Schüler zusammen in dessen Moschee gehen, Fragen stellen.

Für ungeschulte Trainer aber ist es schwer, die Warnzeichen korrekt einzuordnen. Selbst wenn die Hinweise scheinbar offensichtlich sind - wie im Fall des französischen Terroristen Yassin S.

Zum Training sei er manchmal mit einem T-Shirt erschienen, auf dem "Mudschahidin" stand, sagte sein Trainer der Zeitung "Le Parisien". Dazu trug er lange Haare und einen Bart. Viel beunruhigender fand sein Lehrer aber, dass Yassin S. Free Fight machen wollte, ein extrem gewalttätiger Kampfsport, bei dem alle Schläge erlaubt sind.

Auch das Verhalten des Schülers während des Kampfes war ungewöhnlich: "Manchmal ließ er sich schlagen, ohne zu reagieren, er schützte nicht einmal sein Gesicht", erzählte der Trainer. Doch plötzlich habe Yassin S. dann wie in Rage ausgeteilt. "Er wurde gefährlich - für sich wie für die anderen. Er kämpfte nicht, er war im Krieg."

Trotzdem meldete ihn der Trainer nicht den Behörden.

Im Juni schnitt Yassin S. seinem Chef den Kopf ab und versuchte, in einer Gasfabrik eine große Explosion herbeizuführen.

Dann ist da der Fall Valdet Gashi. Gashi, ein deutscher Thaiboxer und mehrfacher Weltmeister, reiste im Oktober vergangenen Jahres nach Syrien und schloss sich dort dem IS an. Ein Jahr zuvor hatte er noch eine Trainingsgruppe gegründet, die sich "MMA Sunna" nannte. MMA steht für Mixed Martial Arts. Die Sunna ist der Kanon der Überlieferungen Mohammeds, eine Art islamische Moral.

Angekommen in Syrien haderte der Kampfsportler Gashi wohl mit dem Vorgehen der Terrormiliz. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte geht davon aus, dass er bei einem Fluchtversuch von IS-Mitgliedern getötet wurde.

In Großbritannien gibt es Berichte über einen 20-Jährigen aus Cardiff, der vergangenes Jahr in einem Propaganda-Video des IS auftauchte. Er soll sich vor seiner Ausreise zur Terrormiliz in einem Fitnessstudio durch Mixed Martial Arts auf den Krieg vorbereitet haben.

Die grüne Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic verlangt schon lange, eine national koordinierte Präventionsstrategie zu schaffen, die das Abgleiten junger Menschen in den Extremismus verhindere. Haben die Trainer einen begründeten Verdacht, sollten sie auch die Eltern hinzuziehen, sagt Experte Köhler - auch wenn die Radikalisierung schon stattgefunden hat.

"Denen ist es lieber, ihr Sohn landet hier im Gefängnis, als beim IS in Syrien."


Zusammengefasst: Radikalislamische Milizen raten Dschihadisten aus dem Ausland, sich in Kampfschulen vorzubereiten. Ein Mentorenprogramm soll den Lehrern helfen, radikalisierte Sportler schneller zu erkennen. Vor allem bei Jugendlichen haben sie als Vertrauensperson noch die Chance, gegenzusteuern.


Vermuten Sie, dass sich jemand aus Ihrem Umfeld radikalisiert? Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat eine Beratungsstelle Radikalisierung eingerichtet.

Mitarbeit: Jörg Diehl

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