Deutscher Dschihadist Tariks Weg in den Krieg

In Deutschland ging er den Mädchen aus dem Weg und schaffte keine Ausbildung. Jetzt kämpft Tarik S. in Syrien für die Terrormiliz "Islamischer Staat". Wie geht das? Spurensuche in Ostwestfalen.

Von und Roman Lehberger, Bielefeld

SPIEGEL TV

Irgendwo in Syrien, in einer Hütte hockend, grinst der Dschihadist Tarik S. in die Kamera. Im Hintergrund ist die Flagge der radikal-islamischen Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu erkennen. "Auf uns wurde gerade eine Rakete abgefeuert", sagt S. mit sanfter Stimme. "Wir wissen nicht, wo sie einschlagen wird. Wenn die Decke über uns einbricht, ist Schicht im Schacht."

Tarik S. alias Ibn Osama al-Almany hat keine Angst vor dem Tod - oder zumindest will er ganz dringend den Eindruck eines unerschrockenen Gotteskriegers erwecken. Am Ende übersteht er den Angriff unbeschadet, das Paradies muss weiter auf ihn warten.

Der 20-jährige Deutsch-Ägypter aus Bielefeld dient der Terrortruppe, die gerade unter Führung ihres Emirs Abu Bakr al-Baghdadi mit brutalsten Methoden ihren Einflussbereich im Irak und in Syrien ausdehnt, mittlerweile als Werbefigur. In einem erst wenige Wochen alten offiziellen IS-Propagandavideo appelliert S. bei einem Lazarettbesuch an seine Glaubensbrüder in Deutschland: "Kommt auf den Boden der Ehre!"

Aus Deutschland in den Dschihad

Tarik S. ist einer von etwa 400 bekannten Islamisten, die bislang von Deutschland aus in den Dschihad gezogen sind. Die Dunkelziffer ist wohl noch höher. Wie viele andere Extremisten auch hat Tarik seinen Plan nicht angekündigt. An einem Donnerstag im November vergangenen Jahres verschwindet er einfach. Doch das Bild des furchtlosen Söldners, das er auf Bildern aus dem Krieg zu zeichnen versucht, passt nur bedingt zu den Schilderungen seiner Mutter in der Heimat.

Etwas scheu steht Daniela K. in einem Bielefelder Plattenbau an der Tür und bittet den Reporter hinein. Die Konvertitin legt sich ein Kopftuch um. "Wir müssen uns beeilen, mein Sohn kommt gleich von der Arbeit, und ich muss noch kochen", sagt sie. Seit dem Tod ihres ägyptischen Mannes kümmert sich die Witwe allein um ihre vier Kinder - und jetzt ist auch noch Tarik weg.

"Er war erst zwei Monate vermisst, ich hatte keine Ahnung, wo er war. Dann haben wir Gerüchte gehört, dass er in Syrien sein könnte. Im Nachhinein war es dann irgendwie ganz logisch", sagt seine Mutter.

Die Mädchen gemieden

Natürlich hoffe sie, dass ihr Junge zurückkomme, berichtet sie, und doch sei sie auch ein wenig stolz auf den Weg, den er eingeschlagen habe: "Er ist bereit, seine Gesundheit zu opfern, um andere zu befreien."

Der Satz wirkt absurd, vielleicht lässt er sich psychologisch erklären, doch verstehen kann man ihn kaum. Die Verwüstungen und Massaker, die der "Islamische Staat" anrichtet, lässt Daniela K. unerwähnt. Etwa einmal wöchentlich kommuniziere sie mit ihrem Sohn über Facebook oder Skype, erzählt sie. Und Tarik sage dann, dass es ihm gutgehe. Zurück nach Deutschland wolle er nicht mehr.

Höflich, sanftmütig sei ihr Sohn immer gewesen, und von dem Wunsch beseelt, anderen zu helfen. Ein Kampfsportfan, ja, aber kein Draufgänger oder Provokateur. So schüchtern, dass er angeblich sogar einen anderen Weg zur Schule ging, um nicht einigen Mädchen zu begegnen.

Wie kommt so jemand zum "Islamischen Staat"?

"In den Moscheen wurde immer geredet 'Wir sind zu schwach, wir können nichts machen außer beten.' Da hat er sich gedacht: Ich bin aber nicht schwach, also muss ich da hin, um den Geschwistern zu helfen", glaubt seine Mutter. Vielleicht steckt darin etwas Wahrheit, doch vor allem ist Tarik S. ein Gescheiterter. Sein eigenes Leben in Bielefeld ist ihm vollständig entglitten, als er schließlich abtaucht.

Keine Arbeit gefunden

Nach dem Hauptschulabschluss an einer Förderschule hat er keine Arbeit gefunden. Die Orientierungshilfe eines Bielefelder Vereins zur Unterstützung bei der beruflichen Ausbildung nimmt er nur selten an. Immer wieder bricht er Praktika nach wenigen Wochen ab, etwa im Jahr 2012 in einem Kinderheim. Sogar eine Stelle als Servicekraft in einer Moschee schmeißt er ein Jahr später vorzeitig hin.

"Es gelang uns nicht, an ihn ranzukommen", erinnert sich einer, der ihn betreut hat. "Wir versuchten, ihm die handwerkliche Arbeit in einer Werkstatt näherzubringen. Doch er weigerte sich, die Arbeitskleidung anzuziehen. Er müsse sein traditionelles Gewand tragen, da seine Körperformen nicht zu erkennen sein dürften." Diskussionen - sinnlos.

Statt auf eine Ausbildung konzentriert Tarik S. sich zunehmend auf seinen Glauben. Im Frühjahr 2013 reist er zu religiösen Studien nach Ägypten. Dort angekommen erleidet er bei Unruhen in Kairo eine Schussverletzung am Oberschenkel, wie sich frühere Weggefährten erinnern. Nach seiner Rückkehr im Sommer 2013 sei er dann vollkommen verändert gewesen, sagen sie, verbohrt, fanatisch, ein Hardliner.

S. besucht Veranstaltungen salafistischer Prediger, bei denen er aus seiner Weltanschauung keinen Hehl mehr macht. Umhüllt von der schwarzen Fahne der al-Qaida lauscht er etwa bei einer Kundgebung in Frankfurt im September 2013 den Worten des salafistischen Scharfmachers Pierre Vogel. Einem Kamerateam von SPIEGEL TV gibt Tarik S. dort noch ein Interview. Es sind - wenn man so will - seine Abschiedsworte an Deutschland.

Wenige Wochen später zieht er in den Heiligen Krieg.


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